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Ausgabe Nr. 46/2020 vom 10.11.2020, Fotos: Michel Heidi / Verlagsgruppe News / picturedesk.com, zVg
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Anton (Toni) Innauer wurde am 1. April 1958 in Bezau (Vlbg.) geboren. Innauer verbesserte zwei Mal den Schiflug-Weltrekord (auf 174 und 176 Meter) und erhielt als erster Springer der Geschichte für seinen Flug auf 168 Meter fünf Mal die Höchstnote 20.

Nach der Karriere studierte er Lehramt für Philosophie/Psychologie und Sport. Heute ist er als Mitinhaber einer Berater-Agentur, Seminarleiter und Buchautor tätig. Anton Innauer ist verheiratet und hat einen Sohn. Er lebt mit seiner Frau in Thaur in Tirol.
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„Die 12 Tiroler – Bewegung von den Tieren lernen“.
Verlag CSV, 19,80 Euro.
"Manchmal steige ich aus dem Auto und mache den Schwan"
Das Vorarlberger Sportidol Toni Innauer, 62, findet unsere Tierwelt nachahmenswert. Der Schisprung-Olympiasieger des Jahres 1980 hat darüber ein Buch geschrieben. In „Die 12 Tiroler“ erklärt er, was wir von Gamsbock, Alpensalamander und Steinadler lernen können. Es ist ein Aufruf zu mehr Bewegung und Körperlichkeit in unserem Land, wie er der WOCHE-Reporterin Barbara Reiter erzählt hat.
Herr Innauer, die Übungen in Ihrem neuen Buch „Die 12 Tiroler – Bewegung von den Tieren lernen“ heißen Bachforelle, Gamsbock oder Grille. Im Yoga gibt es den abschauenden Hund oder die Krähe. Das klingt fast so, als wären die „12 Tiroler“ Yoga auf Österreichisch?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Als Spitzensportler und Trainer hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes ein bewegtes Leben. Meine Übungen sind eine wirksame Essenz aus allem, was mir in meiner Karriere begegnet ist, von Feldenkrais über Übungen aus der Sporttherapie bis hin zu Gedanken aus dem Yoga. Daraus hat sich, abgemischt mit eigenen Ideen, schließlich etwas Neues ergeben.

Sie verlangen den Menschen einiges ab. Zwölf Übungen hintereinander auszuführen sind ganz schön viel …
Alle Übungen zu machen, kann aber auch ein Ansporn sein, indem wir uns sagen: „Vielleicht schaffe ich sie ja einmal.“ In der forgeschrittenen Variante sind sie sicher etwas für Menschen, die bewegungslustig und experimentierfreudig sind. Einsteiger können mit sechs Übungen beginnen. Ich nenne sie die „schnellen sechs“, das ist sicher machbar. Die „12 Tiroler“ haben den großen Vorteil, dass niemand ein Herkules sein muss, um sie auszuführen. Sie sind leicht zu merken und können überall gemacht
werden.

Die „12 Tiroler“ sind also für jeden geeignet, auch für Burgenländer oder Steirer …
(lacht) So ist es. Wären die Übungen eine Medizin, würden wir vom Breitband-Spektrum sprechen. Für Untrainierte ist es möglich, damit die eigene Körperlichkeit und Bewegungsfähigkeit kennenzulernen. Es wird auch der Antrieb trainiert, sozusagen die Starter-Funktion, die wir brauchen, um den inneren Schweinehund leichter zu überwinden, weil sie überall, zum Beispiel auf dem Teppich vor dem Fernseher zu machen sind. Bei vielen ausgeklügelten Trainings ist das Kernproblem ja immer dasselbe: Wie schaffe ich es anzufangen? Hier ist das kein Problem.

Was hat Sie veranlasst, das Buch zu schreiben?
Im Schigymnasium Stams (T) gibt es Testdaten von allen jungen Sportlerinnen und Sportlern, die dort jemals eine Aufnahmeprüfung gemacht haben. Sowohl der Direktor als auch die Trainer haben mir bestätigt, dass die Daten signifikant schlechter geworden sind – sogar an dieser Eliteschule der vorselektierten Bewegungstalente. Und dann hatte ich noch eine zufällige Begegnung am Bergisel mit einem Anästhesisten, der in Zahnarztpraxen tätig ist. Er hat mir erzählt, dass ungefähr die Hälfte aller Acht- und Neunjährigen, die zum Zahnarzt kommen, es nicht mehr schaffen, auf den Behandlungssessel zu steigen. Die meisten sind zu schwer für die verfügbare Muskelkraft, aber sie sind auch koordinativ so weit hinten nach, dass er sie buchstäblich auf den Sessel heben muss.

Woran liegt die mangelnde Bewegungsfähigkeit?
Autofahrten hat es immer schon gegeben, aber heute holen die Eltern ihre Kinder meistens von der Schule ab, weil sie Angst haben, dass sonst etwas passiert. Dazu kommen Lifte, Rolltreppen und seit Neuestem Elektroroller, damit nur ja kein Meter mehr zu Fuß gegangen werden muss. Die schlechte, zuckerreiche Ernährung sorgt obendrein dafür, dass Kinder immer schwerer werden. Ich habe seit 30 Jahren dasselbe Gewicht, trage aber nicht mehr Kleidergröße „Medium“ wie früher, sondern „Small“. Viele Unternehmen haben im Laufe der Jahre die Größen angepasst, um den Menschen, die durchschnittlich dicker werden, nicht auf den Schlips zu treten.

Wie oft machen Sie Ihre im Buch beschriebenen Übungen?
Immer dann, wenn mir die Zeit knapp wird. Sobald ich irgendwo in einem Hotel bin, sitze ich am Boden und lege los. Bachforelle, Dachs und Gamsbock mache ich in der Früh, noch vor dem Aufstehen im Bett, und andere Übungen am Abend. Ich bin auch viel im Auto unterwegs und steige manchmal aus, um den Schwan oder den Rothirsch zu machen. Danach kann ich erholt weiterfahren.

In Ihrem Buch schlagen Sie vor, auch ruhig einmal wie ein Rothirsch zu röhren. Meinen Sie das wirklich?
Habe ich das gemacht? (lacht) Mir ist es wichtig, die Übungen mit Inbrunst, aber auch mit einem Augenzwinkern zu sehen. Dann fällt die Umsetzung um vieles leichter.

Sie waren in Ihrer Karriere äußerst erfolgreich, aber auch oft verletzt. Können Sie mit dem Rothirsch, der Grille oder dem Gamsbock überhaupt noch mithalten?
Das war ein wichtiger Antrieb, um das Programm zu entwickeln. Ich hatte Schleudertraumen, Knieverletzungen, Nervenlähmungen und sechs Knöchel-Operationen. Viele Gleichaltrige hätten sich da schon überlegt, in Frühpension zu gehen. Ich habe mich stattdessen gefragt, wie ich die Leistungsfähigkeit meines Körpers altersgemäß erhalten kann. Die Antworten stehen im Buch.

Haben Sie eine Lieblingsübung?
Die Ringelnatter zum Beispiel, wo es um Beweglichkeit im Rumpfbereich und in der Hüfte geht, oder den Gamsbock für die Flexibilität der Wirbelsäule. Den Rothirsch mag ich auch gerne. Es ist eine spezielle Übung, die mich ein bisserl ans Krafttraining als Schispringer erinnert. Und wenn ich sie erfolgreich abgeschlossen habe, kann ich auch einmal röhren. Das kommt schon bei der Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“ vor: „Bei 180 Kilo macht er einen Röhrer, wie Conan der Zerstörer …“ (schmunzelt)
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