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Ausgabe Nr. 45/2020 vom 03.11.2020, Foto: contrastwerkstatt - stock.adobe.com
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Reden ist Silber, Zuhören ist Gold.
Wir reden aneinander vorbei
Reden ist Silber, Zuhören ist Gold. Ob in der Familie, unter Freunden oder in der Arbeit: Wer zuhören kann, wirkt sympathischer und vertrauenswürdiger. Lesen Sie hier, was eine „Zuhör-Forscherin“ herausgefunden hat. Und ob in unserer Ich-bezogenen Gesellschaft überhaupt noch jemand ein „offenes Ohr“ findet.
Mensch, das war wieder eine anstrengende Arbeitswoche, ich bin völlig erschöpft“, eröffnet Sonja das Telefongespräch mit ihrer Freundin. Margit ahnt bereits, dass nun ein wahrer Wortschwall auf sie zukommt. Und schon beginnt Sonja, ihr Herz über ihren egoistischen Mann, die Arbeitskollegin, die ihr Tag für Tag das Leben schwermacht, das kaputte Auto und ihre bevorstehende Hüftoperation auszuschütten.

Mit dem Satz „Ich bin total fertig“ beendet die 56jährige nach einer guten halben Stunde ihre „Leidensgeschichte“. „Bei mir war es auch nicht viel besser, zumal ich seit heute früh Husten und Schnupfen habe“, meldet sich erstmals Margit zu Wort. Weiter kommt sie nicht, denn Sonja entgegnet ihr mit der Frage, „Sag einmal, hast du mir überhaupt zugehört? Merkst du denn gar nicht, wie schlecht es mir geht?“

Nein, denn Margit hat ihrer Freundin nur mit einem Ohr zugehört. Nebenbei hat sie die Bügelwäsche sortiert, die Küche gereinigt, Musik gehört und im Fernsehprogramm geblättert. Sie entschuldigt sich bei Sonja. Die meint, es komme ihr so vor, als würde niemand mehr zuhören können. „Gestern habe ich das gleiche Erlebnis mit meinem Bruder gehabt. Wir waren zusammen Kaffee trinken, und während ich mit ihm sprach, hat er immer wieder auf sein Mobiltelefon geschaut und Kurznachrichten geschrieben“, beklagt Sonja die „unhöflichen Sitten“.

„Richtiges Zuhören ist gerade deshalb schwer, weil es so einfach zu sein scheint“, meint Dr. Margarete Imhof, die zum Thema „Psychologische Aspekte des Zuhörens“ forscht. „Und zwar so einfach, dass wir, während wir jemandem zuhören, gleichzeitig etwas anderes tun. Wenigen ist bewusst, dass Zuhören ein hochkomplexer psychologischer Prozess ist, der durch jegliche Ablenkung behindert wird“, erklärt die Forscherin. Vereinfacht gesagt, ein Hirn, das aufmerksam zuhört, kann nicht gleichzeitig einen Einkaufszettel schreiben. Falls einem im Moment die Ruhe fehlt, um zuzuhören, sollte das demjenigen gesagt und ihm allenfalls angeboten werden, sich später für ihn Zeit zu nehmen, rät Imhof. „Der andere merkt, wenn ihm nur halbherzig zugehört wird, was ihn kränken kann.“

In den vergangenen 40 Jahren hat sich unsere Gesprächskultur stark verändert. Mit persönlichen Problemen außerhalb der eigenen vier Wände hausieren zu gehen, war früher tabu. Sprach jemand mit den Nachbarn über den Kummer mit der missratenen Tochter oder über den alkoholkranken Ehemann, glich jede private Geschichte wie ein fesselndes Drama. Heute werden die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele auch unter Freunden und Bekannten preisgegeben. So selbstverständlich, wie sich früher unsere Großeltern über das Wetter unterhielten, wird heute über die Therapie-Sitzung beim Psychiater gesprochen.

Dass unsere Gesellschaft hektisch und laut geworden ist, macht das Zuhören ebenso wie das Gehörtwerden schwierig. In den sozialen Medien im Internet heischen Möchtegern-Prominente und Selbstdarsteller um Aufmerksamkeit. Nach dem Motto „Ich rede, also bin ich“ möchten sie ständig überprüfen, ob sie von den anderen anerkannt werden.

Alle geben etwas von sich, aber kaum jemand hört noch richtig zu. So geht es in unserem digitalen Zeitalter leider zu. „Das Zuhören scheint eine aussterbende Kunst zu sein, weil Zuhören Zeit braucht. Und einen kritischen Verstand“, sagt Margarete Imhof. Die „Zuhör-Professorin“ mahnt, sich nicht zu sehr von flüchtigen und oberflächlichen Meldungen, die in der digitalen Welt kursieren, ablenken zu lassen. Vielmehr rät sie dazu, sich im wirklichen Leben anderen Menschen aufmerksam zuzuwenden. Denn Zuhören sei ebenso wichtig wie Sprechen.

TIPPS für besseres Zuhören
  • Halten Sie den Mund: Ernsthaft, denn zuhören und gleichzeitig reden funktioniert nicht. Lassen Sie den anderen aussprechen.
  • Entspannen Sie, und zwar nicht nur sich selbst, sondern die ganze Atmosphäre. Ihr Blick, oder wie Sie mit dem Kopf nicken, all das wirkt auf Ihr Gegenüber.
  • Klären Sie, wenn Sie etwas nicht verstanden haben, zum Beispiel: „Meinten Sie, dass …?“ oder „Ich höre heraus, dass …“ oder „Ich fasse zusammen …“
  • Unterbrechen Sie nicht und vervollständigen Sie nicht die Sätze Ihres Gegenübers. Das ist respektlos.
  • Nutzen Sie Pausen, um das Gehörte zu „verdauen“ und darüber nachzudenken. Dadurch geben Sie später umso bessere Antworten.
  • Belehren Sie nicht. Ein guter Zuhörer ist an gehaltvollen Lösungen und nicht an schnellen Effekten interessiert. Erteilen Sie Ratschläge nur dann, wenn Sie darum gebeten werden. Zuhören dient einer wohlwollenden Beziehung.
  • Hören Sie immer länger zu, als Sie reden. Menschen, die während eines Gesprächs weniger Zeit beanspruchen als ihr Gegenüber, werden als sympathischer und intelligenter empfunden.

Finden Sie noch Gehör?

Andrea Moser-Bilek, 33, Angestellte
„Nur bei meiner besten Freundin“
„Die Kolleginnen bei mir in der Arbeit reden nicht nur gerne, sondern auch viel. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass sie gar nicht zuhören, wenn eine etwas sagt. Sie reden schlichtweg aneinander vorbei. Privat habe ich zum Glück eine Freundin, bei der ich mir sicher bin, dass sie mir wirklich zuhört. Das merke ich daran, weil sie nachfragt, wenn ihr etwas unklar ist. Auch sie kann jederzeit zu mir kommen, wenn sie etwas bedrückt. Das zeichnet unsere Freundschaft aus.“

Christian Juzek, 51, selbstständig
„Manchmal schalte ich auf Durchzug“
„In meinem Freundeskreis gibt es einen Typen, der es liebt, sich selbst reden zu hören. Kaum sagt jemand ein Wort, wird er von ihm unterbrochen. Wir haben ihn schon öfters darauf hingewiesen, aber er schafft es kaum, einem anderen länger als eine Minute zuzuhören. Wenn meine Frau in einen Redeschwall verfällt, schalte ich manchmal auf Durchzug. Bei wirklich wichtigen Themen schenke ich ihr schon Gehör. Das macht für mich einen respektvollen Umgang miteinander aus.“

Hanna Pircher, 24, Studentin
„Ich stieß leider auf taube Ohren“
„Ich habe das Gefühl, dass mir niemand mehr zuhört. Meine Eltern sind ständig im Berufsstress und meine Freunde interessiert nur, wie viele ‚Gefällt mir‘ ihre Fotos auf Instagram oder Facebook bekommen. Als ich Liebeskummer hatte, hoffte ich, bei meiner besten Freundin Gehör zu finden. Vergeblich, während ich redete, starrte sie nur auf ihr Mobiltelefon. Leider stieß ich bei meiner Freundin auf taube Ohren. Was mir gezeigt hat, dass sie mein Problem überhaupt nicht interessiert.“

Günter Engelsberger, 75, Pensionist
„Bei meiner Frau schon lang nicht mehr“
„Bei meiner Frau, wir sind seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet, finde ich schon lange kein Gehör mehr. Egal, was ich ihr erzähle, scheint sie nicht besonders zu
interessieren. Kürzlich sagte ich ihr, dass ich mir einen neuen Schrank für meine Hobby-Werkstatt kaufen werde. Als ich mich wenige Stunden später auf den Weg machte, schaute sie mich mit großen Augen an
und fragte, was ich denn vorhabe. Ich sage dann
meistens nichts mehr.“

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