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Ausgabe Nr. 44/2020 vom 27.10.2020, Fotos: ddp images, picturedesk.com, zVg
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Mary L. Trump: „Zu viel und nie genug“, Heyne Verlag
Böser Onkel Trump
Der amerikanische Präsident Donald Trump hat in den vergangenen vier Jahren weltweit für gehörigen Wirbel gesorgt. Mit seinen frauenfeindlichen Äußerungen ebenso wie mit seinem wirtschaftlichen Gebaren. Seine Nichte Mary Trump (re.) kennt die schwarze Seele ihres Onkels und berichtet in einem neuen Buch darüber. Am 3. November könnte er dennoch wiedergewählt werden.
Es sollte ein gemütliches Familientreffen werden. Donald Trump, 74, hatte ein paar Angehörige ins Weiße Haus eingeladen, um den 80. Geburtstag seiner Schwester Maryanne Barry zu feiern. Im dunkel getäfelten Esszimmer servierte livriertes Personal das traditionelle Gericht bei Zusammenkünften der Familie: Rindfleisch, Eisbergsalat und Erdäpfelpüree.

Eine Portion Püree auf ihrer Gabel, wandte sich das Geburtstagskind plötzlich lachend an die Anwesenden: „Es ist eine Weile her, seit Freddy eine Schüssel Erdäpfelpüree auf Donalds Kopf schüttete, weil der ein unausstehlicher Bengel war.“

Freddy, Trumps siebeneinhalb Jahre älterer Bruder, war im Alter von 43 Jahren an Krebs gestorben. Die beiden hatten immer ein schwieriges Verhältnis. Als die alte Dame nun an den oft im Clan erwähnten Zwischenfall erinnerte, lachten alle herzlich. Nur einer lachte nicht, Donald Trump. Püree auf dem Kopf? Über seinen blondierten, seltsam geschnittenen Haarschopf darf niemand Witze reißen.

Mary L. Trump, 55, Freddys Tochter und Donald Trumps Nichte, die dabei war, erinnert sich: „Onkel Donald saß mit verschränkten Armen und finsterem Gesicht am Tisch. Er war wütend, so als sei er immer noch ein sieben Jahre alter Bub. Offensichtlich spürte er nach wie vor den Stachel dieser lange zurückliegenden Demütigung.“

Mary Trump beschreibt die für ihren Onkel typische Szene in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Zu viel und nie genug – Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“. Sie plaudert darin zahlreiche Geheimnisse aus. Zum richtigen Zeitpunkt, denn am Dienstag, dem 3. November, findet in Amerika die Wahl des Präsidenten statt. Und die Bürger sollten wissen, wie rüpelhaft sich ihr erster Mann im Staat innerhalb der Familie gibt. Seine öffentlichen Ausrutscher konnten sie ja zur Genüge „genießen“. Das Buch zeichnet ein Bild von einem Mann, der gerade mit allen Mitteln darum kämpft, für weitere vier Jahre US-Präsident zu bleiben. Der lügt, über verletzte Menschen lacht, tote Soldaten als „Blindgänger“ und „Trottel“ beschimpft und sagt, er sei besser, weil er mehr Geld und ein größeres Haus habe.

Mary Trump, Mutter einer 19jährigen Tochter, kennt ihren Onkel gut. Als Doktor der Klinischen Psychologie hat sie ihn nun eiskalt analysiert: „Er vereint alle Merkmale eines Narzissten.“ Dabei führt sie seine Persönlichkeitsstörungen, Lügen, den Egoismus, Geiz und die Herzlosigkeit auf die brutale Erziehung in Generationen der Trumps zurück.

Das Verhältnis der beiden war anfangs gut. Donald Trump rief Mary sogar „Schätzchen“, doch im Laufe der Jahre entwickelte sie eine tiefe Abneigung gegen ihn. „Ich war zu Besuch in seiner Residenz in Mar-a-Lago in Florida und sonnte mich im Badeanzug am Schwimmbecken. Auf einmal stand Onkel Donald vor mir, betrachtete mich ungeniert und sagte: ‚Hey, du hast wirklich schöne Brüste.‘ Es war gruselig“, schreibt Mary Trump in ihrem Buch. Es habe sie an einen Tag erinnert, als sie zwölf Jahre alt war. Da öffnete ihr Großvater Fred Trump seine Brieftasche und zeigte ihr das Foto einer Frau mit nacktem Busen, während ihr Onkel schmunzelte.

Einen ähnlichen Zwischenfall mit Donald Trump erwähnt sein früherer Anwalt Michael Cohen in seinem Buch „Disloyal“ („Treuelos“). Er war jener Vertraute, der der Pornodarstellerin Stephanie Clifford während des Wahlkampfes im Jahr 2016 im Auftrag seines Chefs 130.000 Dollar Schweigegeld zahlte. Weil er vor Gericht log, um Trump zu schützen, wurde der Rechtsanwalt zu drei Jahren Haft verurteilt. Heute lässt er an Trump kein gutes Haar mehr, in seinem Buch schreibt er, warum das so ist. „Wir standen eines Tages in Las Vegas am Tennisplatz unseres Hotels. Auf einmal steckte Donald zwei Finger in den Mund und pfiff. ‚Schau dir diesen Arsch an‘, meinte er zu mir. ,Davon hätte ich gern ein Stück‘, damit deutete er auf eine junge Frau in engem Leibchen und kurzem Rock. Es war meine 15jährige Tochter. Ich sagte es ihm. Doch das war ihm egal, er lachte und fragte Samantha ungeniert: ,Wann hast du eine so schöne Figur bekommen?‘ Meine Tochter schwieg betreten, und ich blieb auch still. Aber ich dachte: Was für ein Widerling.“ Heute schämt sich Cohen dafür, dass er die Beleidigung durchgehen ließ. Ebenso falsch sei gewesen, die Sexeskapaden seines Chefs zu vertuschen.

Ein Luxushotel Trumps mitten in Moskau
Für Trumps Frau Melania empfindet der Anwalt Mitleid. Denn bei ihrem Aufenthalt in Las Vegas haben sich Trump und er im Sex-Klub „The Act“ vergnügt. Dabei habe Trump gesagt: „Falls mich Melania erwischen sollte, würde mir ihr Verlust nicht wehtun. Ich kann jederzeit eine andere Frau haben. Das ist für mich kein Problem. Wenn sie gehen will, soll sie gehen.“

Auch das Verhältnis zu Russland, die Russen sollen Internetplattformen gehackt und die Wahl zugunsten Trumps manipuliert haben, wird von Cohen aufgearbeitet. Trump hat ja stets behauptet, mit den Russen nichts zu tun zu haben. „Er war sich sicher, dass seine Bemühungen, in Moskau einen Trump-Tower zu bauen, im Wahlkampf 2016 nicht herauskommen würden“, sagt Cohen. „Während Trump versicherte, er habe keine Beziehungen zu den Russen, verhandelte ich als dessen Anwalt mit ihnen über die Finanzierung des geplanten Hotels. Das Haus sollte 120 Stockwerke haben und am Roten Platz entstehen. Das Penthaus wollte Trump Präsident Putin schenken.“

Auf Cohens Frage, warum er Putin ein derart teures Geschenk machen wolle, meinte Trump, „Mit Putin im Haus erhöht sich der Wert der anderen Wohnungen.“ Nachdem Trump Präsident geworden war, hat er die Moskau-Pläne vorläufig begraben.

Geld und Macht sind die treibenden Kräfte in der Familie Trump. Das sei immer schon so gewesen, erinnert sich die Nichte Mary. „Opa Fred war ein harter, skrupelloser Mann“, schreibt sie in ihrem Buch. „Er war ein Soziopath, zog seine Kinder mit der Rute auf, in einem großen, roten Backsteinhaus. Liebe kannte er nicht. Ihm ging es nur ums Anhäufen von Geld und politischer Macht. Und er verlangte bedingungslose Unterwerfung. Deshalb ist Donald ein Kind im Körper eines Erwachsenen geblieben. Er konnte seine Persönlichkeit nicht frei entwickeln, er heischt um Aufmerksamkeit und Beifall.“

Ursprünglich hatte Fred Trump geplant, seinen ältesten Sohn Freddy, Marys Vater, zu einem „Killer“ in New Yorks rücksichtslosem Kampf um Grundstücke und Gebäude zu machen. Doch dieser Filius hatte andere Interessen, er wurde Pilot. Auch Donald bot sich zunächst nicht als idealer Nachfolger an. Er war widerspenstig, unkontrollierbar, respektierte seine Mutter so wenig wie heute andere Frauen. Er quälte seinen jüngeren Bruder Robert, stahl sein Spielzeug. Fred Trump steckte das „Monster“, wie Mary ihren Onkel heute nennt, als 13jährigen in eine Militärschule, wo er wegen kleinster Vergehen Prügel bezog, „Bis er gelernt hatte, Strafen durch List zu entgehen. Eine List, die er immer noch beherrscht. Er wehrte sich gegen die Disziplin, indem er auf eine primitive Weise feindlich und gleichgültig wurde – jedem gegenüber. Für ihn gibt es nur eine wichtige Person: Donald Trump.“

Nachdem Freddy also den Posten des Junior-Chefs der Familienfirma verschmäht hatte, zwang der Vater seinen Sohn Donald, sich darauf vorzubereiten. Er sollte Wirtschaftslehre studieren, doch seine Testergebnisse waren zu schlecht. Gewitzt ließ er sich vom Papa Geld geben und bezahlte seinen Freund Joe Shapiro, damit er den Test für ihn bestand. Vom Vater lernte er auch, Politiker zu bestechen, damit sie der Firma Vorteile bei Immobiliengeschäften einräumten, und wie Steuern im großen Stil hinterzogen werden. Dass das System Trump funktionierte, beweisen die vor ein paar Tagen von der Zeitung „New York Times“ veröffentlichten Steuererklärungen Donald Trumps. Sie zeigen, dass er in dem Jahr, als er Präsident wurde, nur 750 (!) Dollar Steuern berappt hat. In mindestens elf anderen Jahren zahlte er überhaupt nichts. Dies gelang ihm, indem seine Firmen irregulär überhöhte Verluste meldeten. Das erlaubte ihm wiederum, ein luxuriöses Dasein zu führen, indem er beispielsweise 70.000 Dollar für seine ungewöhnliche Frisur ausgab.

„Betrug ist sein Lebensstil. Darauf ist das Geschäft der Firma aufgebaut“, meint Mary Trump. „Schon als Junior-Chef ließ er sich vom Chauffeur im schwarzen Cadillac durch New York kutschieren. Auf der Suche nach Gebäuden in der Zwangsvollstreckung. Ohne Mitleid für die Menschen, die ihr Heim verloren, zückte er das Scheckbuch. Einmal hörte ich meinen Onkel lachend sagen: ,Es ist eine gute Zeit, um Nullen auszunutzen, die auf der Höhe des Immobilienmarktes gekauft haben und nun pleite sind.‘ Oft hat sich dabei seine rechte Mundseite arrogant gekräuselt. Er hielt sich für überlegen.“

Millionen-Klage gegen den Onkel
Sogar der eigenen Familie gegenüber. In einer Klage, die Mary Trump am 24. September eingereicht hat, wirft sie ihrem Onkel und dessen noch lebenden Geschwistern vor, sie mit Tricks, Drohungen und Betrug um Teile ihrer Erbschaft in Millionenhöhe gebracht zu haben. Denn Freddy Trump hinterließ der 16jährigen Tochter nach seinem Tod 1981 wertvolle Anteile am Trump-Imperium, darunter Gebäude und Grundstücke. Weil sie noch minderjährig war, wurde Donald Trump als geschäftlicher Vormund eingesetzt. Als dann im Jahr 1999 auch der alte Fred Trump das Zeitliche segnete, bedachte er ebenfalls Mary mit einem Erbanteil. Das erboste Donald derart, dass er der Nichte seinen Bruder Robert auf den Hals hetzte. Der drohte ihr, sie „in den Bankrott zu treiben“, sollte sie nicht auf ihr Erbe verzichten. Aus Angst, alles zu verlieren, ließ sie sich auf einen schlechten finanziellen Kompromiss ein. Robert starb vor wenigen Wochen. Da hatten Donald Trumps Anwälte Mary bereits gefälschte Dokumente vorgelegt, aus denen hervorging, sein Vater habe Wohnungen und Grundstücke nur im Wert von 30 Millionen Dollar besessen. Davon erhielt sie einen Teil. Eine von Mary Trump eingeleitete Nachforschung ergab indes, dass Fred Trump an die 970 Millionen Dollar angehäuft hatte. Von diesem prächtigen Kuchen verlangt die Nichte jetzt das ihr zustehende Stück.

Dass sie ihr Enthüllungs-Buch während des Wahlkampfes veröffentlichte, sieht sie nicht als Rache am bösen Onkel. Vielmehr als Warnung an ihre Landsleute. Nach seinem Sieg im Jahr 2016 sagte sie: „Dies ist die schlimmste Nacht meines Lebens. Ich trauere um mein Land.“ Und heute: „Ich musste die Wahrheit über meine Familie veröffentlichen, weil nach der Wahl am 3. November niemand sagen soll, er habe nicht gewusst, wie die Trumps sind.“ Ob er gestürzt wird, ist fraglich. Wirtschaftsdaten wie eine positive Handelsbilanz stärken ihn. Und sein Leitsatz „Amerika zuerst“.
Acosta, Kauck
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