Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 44/2020 vom 27.10.2020, Foto: stock.adobe.com/shootingtheworld
Artikel-Bild
Die Schigebiete rüsten sich für die Corona-Saison.
Kein Halli-Galli-Winter
Die Reisewarnungen aus Deutschland und den Niederlanden sind eine Hiobsbotschaft für den heimischen Wintertourismus. Trotzdem laufen die Vorbereitungen der Schigebiete auf Hochtouren. Im Corona-Winter gelten aber eigene Regeln. Maskenpflicht, Abstand und kein ausgelassenes Feiern beim Après-Ski.
Für deutsche Urlauber gilt fast unser ganzes Land als Risikogebiet. Ausgenommen sind nur Kärnten, das Kleinwalsertal (V) und die Gemeinde Jungholz (T). Und auch die Niederlande haben ihre Reisewarnungen zuletzt ausgeweitet. Eine Hiobsbotschaft für den heimischen Tourismus. Denn mehr als ein Drittel der Winter-Nächtigungen geht auf das Konto der deutschen Gäste. Bei den Niederländern ist es fast ein Zehntel.

Der Vorstoß eines Hoteliers für einen „Lockdown light“, einem „leichten Zusperren“, um die Wintersaison zu retten, hat zuletzt für Aufregung gesorgt. Gregor Hoch, Hotelier in Lech (V), will sich den Forderungen seines Kollegen nicht anschließen. Aber er übt Kritik an der türkis-grünen Regierung. „Es wäre den ganzen Sommer Zeit gewesen, sich auf eine zweite Welle im Herbst vorzubereiten. Schon im Frühjahr war klar, dass sie irgendwann auf uns zukommt“, sagt der frühere Präsident der Hoteliervereinigung. „Ich hätte mir gewünscht, dass die Bundesregierung auf wissenschaftlichen Erkenntnissen gegründete Entscheidungen trifft, was denn passiert, wenn was passiert. So etwas kann ja geplant werden. Stattdessen sehen wir Maßnahmen, die nie angekündigt sind, die binnen kürzester Zeit umzusetzen sind. Wo manchmal sogar von einem Tag auf den anderen die Rahmenbedingungen für unsere Betriebe massiv geändert werden.“

In seinen Betrieben in Lech und in Landeck (T) herrscht derzeit Kurzarbeit für die Mitarbeiter. „Ob wir aufsperren, hängt ganz davon ab, ob sich bei den Reisewarnungen etwas bewegt, oder ob es noch andere flankierende Maßnahmen gibt, die wir jetzt nicht sehen“, erklärt Gregor Hoch. „Wir sind ja faktisch in einem Lockdown, wir sind faktisch gesperrt. Der österreichische Tourismus ist im Moment von seinen Herkunftsmärkten abgeschnitten. Aber wenn der Tourismus nicht überlebt, dann wird es auch der Rest der Wirtschaft massiv spüren.“

Heimische Wintersportler reichen für Tourismus nicht
Der Fremdenverkehr ist für rund sieben Prozent unserer Wirtschaftsleistung verantwortlich, wenn auch Zulieferer mit eingerechnet werden. Mehr als die Hälfte davon geht auf das Konto der Wintergäste.

„90 Prozent unserer Ausgaben passieren im Umkreis von 80 Kilometern. Die regionale Wirtschaft gäbe es nicht ohne uns. Weil die Tischler, Bäcker, Fleischhauer alle mittelbar vom Tourismus leben. Wenn jetzt also entschieden würde, wir lassen den Tourismus einfach sterben, dann hat das nicht nur auf die Hotels Auswirkungen, sondern auf den gesamten Alpenbogen.“ Die heimischen Wintersportler können den Wegfall von deutschen Touristen nicht ausgleichen. Zumal laut Umfragen nur rund jeder Dritte hierzulande überhaupt Schi fährt.

Das Tiroler Schigebiet Axamer Lizum will angesichts solch trüber Aussichten einer verpatzten Saison vorbeugen. Die Liftbetreiber ziehen in Betracht, ihre Seilbahn diesen Winter auf eigene Faust zu schließen, falls Gäste ausbleiben. Das ist aber nicht so einfach, da für Seilbahnen eine bundesweite Betriebspflicht besteht. Sie werden als öffentliche Verkehrsmittel gesehen. Der Fall beschäftigt nun das Verkehrsministerium.

„Wir wollen auf jeden Fall aufsperren, aber auch selbst über eine Schließung entscheiden“, erklärt der Geschäftsführer Arthur Moser. „Schon jetzt gelten für Tirol zahlreiche Reisewarnungen. Eine Seilbahn ohne Kunden zu betreiben, wäre unser Ende.“ Er verweist darauf, dass das Unternehmen seit 2008 aus vielerlei Gründen rote Zahlen schreibt. Um es fortzuführen, wurden erst elf Millionen Euro in einen Beschneiungsteich und Schneeanlagen investiert. Weitere Investitionen in Höhe von 24 Millionen stehen an.

Behördlichen Anordnungen will sich Moser nicht widersetzen. „Daher haben wir uns auch nicht mit möglichen Konsequenzen beschäftigt. Die Betriebspflicht als Teil der Konzession von Eisenbahnanlagen ist historisch gewachsen und macht grundsätzlich durchaus Sinn. Um unkontrollierten Wildwuchs von Bahnanlagen hintanzuhalten, werden Konzessionen vergeben.“

Je nach Schneelage und Schigebiet beginnt die Wintersaison Ende November, Anfang Dezember. Für den Corona-Winter gibt es eigene Regeln. „Schivergnügen ja, aber ohne Après-Ski“, hat ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz verkündet.

So gilt für Liftanlagen Maskenpflicht. Wintersportler müssen beim Anstellen den Ein-Meter-Sicherheitsabstand einhalten. Gegessen und getrunken wird in Lokalen nur bei Tisch, Tanzen ist verboten. Alkohol darf ebenfalls nur im Sitzen konsumiert werden, nicht aber im Stehen an der Bar. Regeln, die Georg Bliem, der Geschäftsführer der Planai-Bahnen in Schladming (Stmk.), streng einhalten möchte. „Wir haben zusätzliche Mitarbeiter, die Gäste ‚mit Charme‘ darauf hinweisen, wenn die Maskenpflicht in den Seilbahngondeln und Schibussen nicht eingehalten wird. Das gilt auch für den Sicherheitsabstand beim Anstellen vor dem Lift.“ Der „Baby-Elefant“ gilt auch auf der Piste, Masken müssen dort aber nicht getragen werden.

Bei der Maskenpflicht hat der Schiverbund Ski amadé, der insgesamt 25 Orte in Salzburg und der Steiermark umfasst und zu dem auch die Planai-Bahnen in Schladming gehören, vorgesorgt. Insgesamt 800.000 spezielle „Bandana“-Tücher, die über Mund und Nase gezogen werden können, wurden eingekauft. „Bei jedem Kartenverkauf gibt es diesen wintergerechten Mund-Nasen-Schutz gratis dazu“, erklärt Bliem. „Auch genug Desinfektionsmittel steht bereit. Die Gondeln werden regelmäßig gelüftet und desinfiziert.“

Zum Après-Ski stellt Bliem klar, „einen Halli-Galli-Winter wird es heuer nicht geben. Alles wird, wie vorgeschrieben, im Sitzen konsumiert. Statt lauter Musik gibt es nur leise Hintergrundmusik.“

Für die Hüttenbetreiber ist das fatal. „Die Party fällt diese Saison aus. Wir müssen noch entscheiden, ob es sich überhaupt lohnt aufzusperren“, erklärt Hermann Egger, der Geschäftsführer der Hohenhaus Tenne in Schladming, Europas größter Après-Ski-Hütte. Er fühlt sich durch die strengen Regeln der Regierung in seiner Existenz bedroht. „Wenn der Getränkeverkauf an der Bar nicht erlaubt ist, können wir den Betrieb nicht aufrechterhalten. Ein Saisonausfall wird einen Verlust in Millionenhöhe bedeuten.“

Kärntner Nassfeld rechnet mit deutschen Schifahrern
Für deutsche Reisende gilt Kärnten derzeit als einziges Bundesland nicht als Risikogebiet. „Wir hoffen, dass es auch weiterhin keine Reisewarnung für Kärnten gibt. Wenn es so bleiben sollte, werden wir wohl, wie im Sommer, mit einem blauen Auge davonkommen. Wir rechnen schon damit, dass wir viele Gäste aus Deutschland haben werden“, hofft Christopher Puntigam, der Sprecher der Kärntner Schiregion Nassfeld. Üblicherweise bevölkern 12.000 Gäste pro Tag das Schigebiet. Einen gratis Mund-Nasen-Schutz wird es dort für Schifahrer ebenso geben wie Rückvergütungen im Falle eines „Lockdowns“.

Vorsicht mit Prognosen herrscht im Schigebiet Silvretta Montafon in Vorarlberg. „Corona und insbesondere Reisewarnungen werden sich aufs Geschäft auswirken. 65 Prozent unserer Gäste kommen aus Deutschland, 20 Prozent aus der Schweiz“, erklärt der Marketingleiter Thomas Ettenberger. Der Schistart ist dort schneeabhängig für Mitte bis Ende November angesetzt. „70 Prozent unserer Pisten liegen auf mehr als 2.000 Metern Höhe. Dort liegt bereits Schnee.“ Sicherheit steht auch für Ettenberger an erster Stelle. „Wir haben einen eigenen Corona-Beauftragten, der mit genügend Personal die Vorgaben der Regierung umsetzt und kontrolliert.“

Auf weniger Personen in den Seilbahngondeln setzt die Dachstein Tourismus AG, zu der auch die Schiregion Feuerkogel (OÖ) gehört. Unter anderem dadurch soll das Corona-Risiko minimiert werden. „In den großen Gondeln reduzieren wir auf 75 Prozent, das heißt von 60 auf 45 Personen. In den nächstkleineren von 38 auf 30 Personen“, sagt der Dachstein-Tourismus AG-Prokurist, Georg Quehenberger.

Auch im Tiroler Schiort Ischgl wird auf Sicherheitsvorkehrungen gesetzt. Die Tourismus-Gemeinde war im Frühjahr nach dem dortigen Corona-Ausbruch weltweit in die Negativ-Schlagzeilen geraten. „Wir haben überall Beschilderungen, die Hygienemaßnahmen ins Gedächtnis rufen sollen. Außerdem wurden rund 20 sogenannte Kaltvernebelungsgeräte angeschafft“, erzählt Günther Zangerl, der Geschäftsführer des Schigebietes Silvretta Arena in Ischgl, von den Saison-Vorbereitungen. Mit den Geräten, die so groß wie ein Handstaubsauger sind, werden etwa Seilbahnen, Schiverleih und WC-Anlagen desinfiziert.

Zudem gibt es bei den Anstehbereichen nun Kamera-Systeme mit intelligenter Software, die erkennen, wie eng Menschen beieinander stehen. „Dementsprechend können wir darauf reagieren.“ Dass Après- Ski heuer ein Riegel vorgeschoben wurde, ist für Zangerl eine Notwendigkeit. „So etwas wie voriges Jahr darf nicht mehr passieren, wir sind alle an einer guten Wintersaison interessiert.“

Das sind die Corona-Winterregeln
  • Maskenpflicht gilt für alle Liftanlagen, drinnen und draußen, auf dem Sessellift genauso wie in Seilbahngondeln.
  • Auch für alle Anstellbereiche gilt die Maskenpflicht, selbstverständlich auch der Ein-Meter-Sicherheitsabstand.
  • Schischulen dürfen höchstens zehn Schüler pro Gruppe haben und müssen die Durchmischung zwischen Gruppen verhindern.
  • In Lokalen darf nur an den Tischen gegessen und getrunken werden.
  • Tanz oder Bewegung im Stehen auf engstem Raum stellt ein Infektionsrisiko dar und ist nicht erlaubt.
  • Alkohol darf nur noch im Sitzen und am Tisch konsumiert werden, nicht mehr im Stehen an der Bar.
  • Weihnachtsmärkte sollen allerdings im Dezember stattfinden dürfen, da sie ein Wirtschaftsfaktor für die Städte sind.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung