Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 43/2020 vom 20.10.2020, Foto: mauritius images / Antonio Guillem Fernández / Alamy
Artikel-Bild
Aus eigenem Knorpelgewebe entstehen hochwertige, neue Knorpelzellen.
Neue Hilfe für kaputte Knorpel
Es kann jedem jederzeit passieren. Ein Sturz, ein Unfall, eine Sportverletzung und im Knie bricht ein Stück Knorpel ab. Ohne Behandlung verschlimmert sich der Schaden, denn Knorpelgewebe heilt nur schlecht. Eine Zell-Transplantation hilft, den Knorpel zu gesunden.
Es ist nicht nur das Alter, das der Knorpelschicht in unseren Gelenken schwer zusetzen kann. Direkte Schläge auf das Gelenk, etwa auf das Knie, wie bei einem Sturz oder Zusammenprall, können nicht minder böse Folgen haben für die weiße, zähe und gummiartig-flexible Schutzschicht, die all unsere Gelenksflächen im Körper überzieht. Sie können je nach Wucht größere oder kleinere Stücke aus dem Knorpel herausreißen. „Knorpeldefekte sind häufiger, als zunächst angenommen wurde. In arthroskopischen Studien konnten bei 60 Prozent der untersuchten Personen Knorpeldefekte nachgewie­sen werden“, verrät der Orthopäde Univ. Prof. Dr. Stefan Nehrer von der Donau Universität Krems/Zentrum für Regenerative Medizin.

Für Patienten bedeutet ein beschädigter Knorpel langfristig Probleme. Aufgrund der geringen Durchblutung von Knorpelgewebe ist die Chance auf Selbstheilung gering und jede weitere Belastung des Gelenks verschärft das Problem. Das beschädigte Gebiet im Knorpel kann sich vergrößern und am Ende zu einer schmerzhaften Gelenksabnützung führen.

Damit es nicht soweit kommt, forscht die Medizin nach Wegen, die Zellen der zwei bis fünf Millimeter dicken Gelenks-Knorpelschicht zu vermehren und mit ihnen kaputte Knorpel wieder zu reparieren, die defekten Stellen wieder aufzufüllen. Die besten Erfolge gelingen medizinischen Forschern seit einiger Zeit mit der „autologen Chondrozyten-Transplantation“, kurz ACT genannt. Vor allem für Patienten unter 55 Jahren ist dies vielversprechend, weil ihre Knorpelzellen ausreichend jung sind und sich gut vermehren lassen.

Bei dieser Methode wird dem Patienten im Zuge einer Kniegelenksspiegelung, einer sogenannten Arthroskopie, eine kleine Menge Knorpel aus einem nicht belasteten Gelenksanteil entnommen. In einem hochmodernen Speziallabor werden die entnommenen Knorpelzellen, die Chondrozyten, aus der Knorpelsubstanz herausgelöst und mit Hilfe eines speziellen Verfahrens vermehrt. Nachdem die benötigte Zahl an Knorpelzellen erreicht ist, werden sie auf eine spezielle, reißfeste, schwämmchenartige Unterlage aus Bio-Material eingebracht. Dort beginnen die Zellen mit der Produktion neuer Knorpelgrundsubstanz.

Keine Abstoßung und gute Knorpelqualität
Nach ein paar Wochen ist das Knorpelzell-Transplantat bereit für seinen Einsatz. In einem zweiten, minimal-invasiven Eingriff wird es in die kaputte Stelle im Knorpel eingebracht. Die Erfolge sind zufriedenstellend.
„Neben der klinischen Überlegenheit, vor allem bei größeren Defekten, ist die Gewebequalität, verglichen mit anderen Knorpel-regenerativen Verfahren, besser und sie ähnelt dem ursprünglichen Knorpel im Gelenk“, bestätigt Prof. Nehrer die Auswertungen von Studien.

Und die medizinische Forschung steht nicht still. In einem noch jüngeren Verfahren der Knorpelaufbau-Methode durch Zellvermehrung bringen Ärzte die neu gezüchteten Knorpelzellen nicht mehr auf einem Trägermaterial in die defekte Knorpelstelle ein. Sie fassen die Knorpelzellen zu Kügelchen, den sogenannten Spheroiden, zusammen. Jedes einzelne Kügelchen, das nur rund 0,8 Millimeter misst, enthält etwa 200.000 Knorpelzel­len. „Eine weitere Besonderheit dieses Verfah­rens ist, dass die Vermehrung der körperei­genen Knorpelzellen und die Herstellung der Kügelchen ausschließlich mit patienten­eigenem Blutserum durchgeführt werden.
Dadurch werden Fremdeiweiße und Neben­wirkungen wie Unverträg­lichkeiten sowie Abstoßungsreaktionen vermieden.“ Auch Knorpelschäden an der Rückseite der Knieschiebe können so durchgeführt werden.

Sobald die Kügelchen bei der arthrosko­pischen Wiedereinpflanzung mit der kaputten Stelle im Knorpel Kontakt aufneh­men, können ihre Verbindungsmoleküle nach zehn Minuten me­chanisch stabil am Knochen anhaften. Das heißt, die neuen Zellen im Knorpel bleiben an Ort und Stelle und die Einheilung, die bei einer Knorpelzell-Transplantation ein halbes Jahr bis ein Jahr in Anspruch nimmt, kann beginnen.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung