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Ausgabe Nr. 43/2020 vom 20.10.2020, Fotos: Lukas Beck, Betty Gall
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Schirm mit Ausguck.
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Gehstockerl.
Sinn im Unsinn
Ein einzigartiges Museum befindet sich in der Gemeinde Herrnbaumgarten (NÖ). Ein halbautomatischer Nasenbohrer, ein Teller mit eingebautem Abfluss und ein Fallenschutz für Mäuse sind nur drei von mehr als 500 Exponaten, die die Besucher zum Schmunzeln bringen und anregen, um die Ecke zu denken.
Danke für Ihre Wortspende. Der Betrag wird umgehend von ihrem Konto abgebucht …“, bekommen Anrufer zu hören, wenn bei Fritz Gall das Telefon zu lange läutet. Erst ein langgezogenes „Beep“ beendet die Schrecksekunde, in der dem Anrufer „Welches Konto?“ und „Wohin soll ich was überweisen?“ durch den Kopf schießen. Gratulation, wem es dann gelingt, eine Nachricht ohne Stottern zu hinterlassen. Der Streifzügler hat es jedenfalls nicht geschafft. Mit dieser akustischen Visitenkarte deutet der 63jährige Gall jedoch an, worum es bei ihm geht. In seinem Nonseum in Herrnbaumgarten (NÖ) präsentiert Gall Erfindungen, die die Welt zwar nicht braucht, die aber zum Schmunzeln und um die Ecke denken anregen – und die die Welt somit vielleicht doch braucht. „Sorgsam losgelöst vom Nützlichkeitsdenken des Alltags“, sagt der studierte Bildhauer mit einem Schmunzeln.

Sorgsam losgelöst vom Nützlichkeitsdenken des Alltags
Die Idee dafür entstand im Jahr 1983, als Gall mit fünf Freunden am Wirtshaustisch saß. „Wir haben eine Kellnerin beobachtet, wie sie ein Tischtuch umgedreht hat, um es noch einmal zu verwenden. Wir haben gesagt, praktischer wäre ein würfelförmiges Tischtuch, das könne sechs Mal verwendet werden. Dann kam die Idee, Dinge zu erfinden, die kein Mensch brauchen kann“, erzählt Gall, Ideengeber und Cheferfinder von Nonsens schmunzelnd. Konsequenterweise gründete er auch gleich den „Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen“ (VVG), der mittlerweile etwa 800 Mitglieder hat. Nach vielen Veranstaltungen wie der 1. Österreichischen Nonsens-Erfindermesse (1984), einem 24-Stunden-Weinbergschnecken-Rennen (1987) und dem Festival der Gerüche (1989) wurde im Jahr 1994 ein ehemaliges Hirtenhaus in Herrnbaumgarten zum Nonseum umgestaltet.

In dem mittlerweile etwa 500 Exponate im wahrsten Wortsinn zu bestaunen sind. Denn wie Gall Begriffe und Objekte neu kombiniert, dass sie eine völlig andere Bedeutung bekommen, ist erstaunlich. Beispiel gefällig? Normalerweise lässt ein sogenannter „Kinnhaken“ relativ wenig Interpretationsspielraum. Ein mehr oder weniger schmerzliches Ereignis, als Endresultat einer intensiven Auseinandersetzung. Nachgedacht und -bearbeitet von Gall, wird daraus ein mittels Hosenträger um das Kinn geschnallter Kleiderhaken. Nützlich? Nein. Originell? Auf jeden Fall. Mit diesem Beispiel im Hinterkopf, macht seine Neuinterpretation eines „Kotflügels“ durchaus Sinn – eine schön geringelte Plastik eines Stoffwechselendproduktes mit einer Feder an seiner Spitze.

Aber nicht immer kombiniert er Altbekanntes neu. „Ich kann auch Dinge einfach verbessern“, schmunzelt der Museumsdirektor und zeigt den „Schirm mit Ausguck“. Ein handelsüblicher Herrenschirm, dem einfach ein Segment der Bespannung entfernt wurde.

Die Exponate nützen niemandem, aber das gewissenhaft
Natürlich gibt es hinter der lustigen und kuriosen Präsentation eine zweite Ebene, sozusagen einen Sinn im Unsinn. „Das Projekt kann als Persiflage auf unsere Zeit gesehen werden. Wir kaufen ständig nützliche Dinge, die wir dann doch nicht benötigen. Warum erfinden wir nicht gleich Unbrauchbares, das die Menschheit auch nicht braucht“, sagt der 63jährige. „Die Gegenstände im Nonseum haben dafür einen besonderen aufrichtigen Charakter. Sie nützen niemandem, das aber sehr gewissenhaft und in aller Liebe.“ Die zeigt sich schon im Arrangement der Exponate, die auf etwa 700 Quadratmetern über mehrere Zimmer aufgeteilt sind. „Sie entsprechen den Räumen, die wir im Tagesablauf betreten. Schlafzimmer, Bad, Küche, Schulzimmer, Büro. Die Erfindungen müssen zum jeweiligen Thema passen. G‘scheit blöd sein, lautet die Devise“, erklärt Gall, der bis zu seiner Pensionierung als Lehrer für bildnerische Erziehung tätig war.

Da guten Nonsens zu produzieren viel Disziplin und Einfühlungsvermögen verlangt, hat der Museumsdirektor ein offenes Ohr für Ideen. „Einmal habe ich in einem Brief ein Bild von einem ‚Opferstock‘ bekommen. Ein Spazierstock, an dem eine kleine Kassa befestigt war. Ich habe gedacht, das passt gut ins Nonseum und den Absender gefragt, ob ich den Opferstock ausstellen darf. Leider bekam ich zur Antwort, dass das nur eine Bildmontage war und nicht existiert. Also habe ich mit seinem Einverständnis das gute Stück selbst gebaut.“

Ob die Exponate nun von Gall selbst, einem aktiven Mitglied des VVG oder einfach einem begeisterten Querdenker stammen, sehenswert sind sie allesamt. Wer die nun immer grauer werdenden Tage mit epochalen Weltverbesserungsvorschlägen wie dem ausrollbaren Zebrastreifen oder dem halbautomatischen Nasenbohrer aufhellen will, sollte sich beeilen. In diesem Jahr ist das Nonseum in Herrnbaumgarten nur noch bis Allerheiligen geöffnet (Sa., So. und Feiertag von 10.00–18.00 Uhr, Do. und Fr. von 13.00–18.00 Uhr, 9,50 Euro für Erwachsene, Familien bezahlen 20,– Euro, Schüler in Gruppen 3,50 Euro pro Person), dann beginnt die Winterpause. Für Gruppen ab zwölf Personen (7,50 Euro pro Person) öffnet das Nonseum auch extrasaisonal.
Infos unter Tel.: 0650/6667076 oder per E-Mail an info@nonseum.at. Wer den Tierschutz so ernst nimmt, dass er einen Fallenschutz für Mäuse erfindet, hat einen Besuch verdient.
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