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Ausgabe Nr. 43/2020 vom 20.10.2020, Fotos: Constantini, Seifert Verlag
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Als Familie stark: Leni, Johanna, Irmi und Didi Constantini im Jahr 2019.
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„Um das Jahr 2014, etwa drei Jahre nach seinem Rückzug aus dem Fußballgeschehen, erlebten wir Papa immer seltener fröhlich und motiviert“, erzählt Johanna Constantini, die mit ihrem Buch „Abseits“ (Seifert Verlag) die Gesellschaft für das Thema „Demenz“ sensibilisieren möchte.
"Er wird immer der großartige Papa bleiben"
Im Vorjahr machte die Familie von Didi Constantini dessen Demenz-Erkrankung öffentlich. Johanna Constantini, seine Tochter, hat das Schicksal des ehemaligen Fußball-Teamchefs in einem berührenden Buch aufgearbeitet.
Wie geht‘s dem Baby?“, hat mich Papa immer gefragt, als ich schwanger war“, erzählt Johanna Constantini. Die Tochter des ehemaligen Fußball-Nationalteamtrainers Dietmar „Didi“ Constantini, 65, hält ihre Frida im Arm. Die hat vor drei Monaten das Licht der Welt erblickt. Seither ist sie nicht nur der Sonnenschein ihrer Eltern, sondern der ganzen Familie, einschließlich „Opa Didi“. „Für meinen Papa waren Babys immer männlich. Egal, ob Bub oder Mäderl, er hat stets ,liab is‘ er‘ gesagt. Vielleicht deshalb, weil er wahrscheinlich in jedem Säugling den heranwachsenden Fußball-Star vermutete“, meint die 28jährige lachend. „Liab is‘ er“, sagt Didi Constantini nun zu seiner Enkelin, wenn er sie anlächelt.

„Papa schmunzelt gerne. Meine Schwester Leni, Mama und ich haben oft Spaß mit ihm. Aber natürlich hat er auch Tage, an denen er sich ärgert, weil alltägliche Handgriffe nicht sitzen wollen, oder er nicht weiß, ob er Löffel, Gabel oder Messer zum Essen verwenden soll“, sagt Johanna Constantini, Klinische Psychologin mit eigener Praxis in Innsbruck (T).

Aus zutiefst persönlichem Grund widmet sie sich verstärkt Strategien, die helfen, mit demenzkranken Menschen umzugehen. Im Juni 2019 machte sie mit ihrer Familie die Diagnose des Vaters, „Demenz vom Alzheimer-Typ“, öffentlich. „Papa ist nach einem Wende-Manöver auf der Brenner-Autobahn gegen die Fahrtrichtung gefahren und hat einen Unfall verursacht, bei dem zum Glück nichts Schlimmes passierte. Gleich wurde darüber spekuliert, ob er unter Alkohol- oder Medikamenteneinfluss gestanden ist. Wir wollten und mussten das klarstellen“, erklärt die Tochter.

„Schon ein paar Jahre vor diesem Unfall bemerkten wir, dass sich Papa verändert hatte“, erinnert sie sich. „Um das Jahr 2014, etwa drei Jahre nach seinem Rückzug aus dem Fußballgeschehen, erlebten wir Papa immer seltener fröhlich und motiviert“, erzählt Johanna Constantini, die mit ihrem Buch „Abseits“ (Seifert Verlag) die Gesellschaft für das Thema „Demenz“ sensibilisieren möchte. Wichtig ist ihr aufzuzeigen, dass diese Krankheit jeden treffen kann. „Auch jemanden wie den ,Didi‘, der als ,Hans Dampf in allen Gassen‘ galt.“ So lässt sie in ihrem Buch auch die Karriere des Vaters Revue passieren.

Am 30. Mai 1955 in Innsbruck geboren, wuchs Dietmar Constantini, wie er selber sagte, „arm, aber glücklich“ auf. Die Eltern hätten ihn gelehrt, „im Erfolg die Nase nicht allzu hoch zu tragen und in schwierigen Zeiten den Kopf nicht in den Sand zu stecken“. Aufgewachsen ist der Tiroler Bub quasi auf dem Rasen des Innsbrucker Tivoli-Stadions. Sein Vater war dort Platzwart. Für den FC Wacker Innsbruck absolvierte Constantini zwischen 1975 und 1979 die meisten seiner Spiele. Als Trainer mit dem Ruf des „Feuerwehrmannes“, der in den verfahrensten Situationen das Ruder herumreißen konnte, war er von 1995 bis 1997 beim FC Tirol Innsbruck, danach beim deutschen Klub Mainz 05 tätig. Von 2009 bis 2011 war er Chef des heimischen Fußballnationalteams. Die Bilanz der 23 Spiele reichte mit sieben Siegen, drei Remis und 13 Niederlagen nicht aus, um Constantinis Vertrag zu verlängern.

„Am meisten hat Papa zugesetzt, dass sich der Fußball zur Zeit seines Rücktrittes aus dem Nationalteam gravierend verändert hat. Aus den ,Kämpfern‘, wie Papa sie nannte, von einst waren sogenannte ,Wirker‘ geworden. ,Wirker zeichnen sich für meinen Papa dadurch aus, dass sie, außer gut auszusehen, wenig können. Nur wirken eben“, erzählt die Tochter.
Ob sein Rückzug oder seine Enttäuschung über die Entwicklungen im Fußball ihn antriebslos machten, lässt sich schwer beurteilen. Er selbst schaffte es nicht, wieder aus dieser depressiven Phase herauszukommen.

„Bis er Hilfe in Anspruch nahm, hat es gedauert“, sagt Johanna Constantini. An eine Demenzerkrankung dachte die Familie nicht sofort, obwohl
die Symptome der Depression oft jenen
einer beginnenden Demenz ähneln.
„Papa wollte für uns stets ein guter Versorger sein. Auch deshalb haben wir gewartet, bis er bereit war, Hilfe in Anspruch zu nehmen“, beschreibt Johan-
na Constantini eine für die Familie herausfordernde Phase in ihrem Buch. Auch weil für sie und ihre Schwester der Papa gerade erst der „Sheriff von Nottingham“ war. „Leni und ich liebten es, wenn Papa für uns den Bösewicht aus den Robin-Hood-Erzählungen spielte. Oder, wenn ihm kein Baum zu hoch war, um für uns die süßesten Früchte zu holen“, schwärmt die 28jährige von ihrer Kindheit.

Nun haben sich die Rollen umgekehrt. „Dennoch wird er für uns immer der großartige Papa bleiben“, sind sich Johanna und die zwei Jahre jüngere Schwester Leni einig. Daran zu denken, dass ihr „einst so starker Held“ seine Familie eines Tages nicht mehr erkennen wird können, sei kaum zu ertragen. Zur Zeit gehe es ihm den Umständen entsprechend gut. „Papa lebt mit Mama in Telfes im Stubaital (T). Ein liebevolles Umfeld ist für Demenzkranke wichtig. Die Nachbarn plaudern mit ihm, wenn er spazieren geht“, sagt Johanna Constantini. Gut täten ihm auch die Besuche im Tageszentrum für Demenzkranke. „Ich solle ihn ja nicht vergessen lassen, dass er mein Buch seinen Freunden mitnimmt, hat er vor Kurzem gemeint“, sagt die Tochter. Natürlich hat sie ihn gefragt, ob er mit dem Buch-Projekt einverstanden sei. „Er hat lächelnd ,ja‘ gesagt, weil er mir vertraut“, setzt sich die Psychologin für mehr „Demenzfreundlichkeit“ ein.Und für Einsicht und Mitgefühl angesichts einer Krankheit, die leider noch immer als Tabu-Thema gilt.
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