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Ausgabe Nr. 43/2020 vom 20.10.2020, Foto: Stringer / AP / picturedesk.com
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Der chinesische Nationalfeiertag Anfang Oktober wurde groß gefeiert.
Die Chinesen feiern, wir sperren uns ein
In China, dem Ursprungsland der Corona-Pandemie, gibt es kaum noch Neuinfektionen. Zum Nationalfeiertag Anfang des Monats fuhren daher viele Millionen unbekümmert auf Urlaub. Hierzulande wird uns der Nationalfeiertag dagegen vermiest, denn die Regierung will die sozialen Kontakte einschränken. Zu hoch ist die Zahl jener, die täglich neu Corona-positiv sind.
Zu Wochenbeginn gab es in unserem Land mehr als 14.000 Menschen, die positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Das heißt nicht, dass alle krank sind, doch sie sind infektiös und müssen in Quarantäne bleiben. Einsperren ist die Maßnahme der Stunde, dies gilt vor allem für die Bürger der Gemeinde Kuchl in Salzburg. Der Ort wurde abgeriegelt, niemand darf hinein, niemand heraus. Von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Die Zahl der Infizierten wird weiter steigen, gerade jetzt im Herbst und dann im Winter, da die Grippesaison begonnen hat. Deshalb hat die Regierung die Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie am Montag verschärft. Unter anderem dürfen nur noch sechs Erwachsene in Räumen gemeinsam feiern, draußen sind es zwölf. Isolation ist für Kanzler Sebastian Kurz wichtig. Er meint, „dass wir nur durch die Reduktion von sozialen Kontakten, was natürlich von uns allen Verzicht bedeutet, der Anstieg der Infektionszahlen zu stoppen ist.“ Es erwartet uns ein Nationalfeiertag (26. Oktober) unter erschwerten Bedingungen.

Hamsterkäufe und ein Stillstand
Die Regierungen in Europa reagieren ähnlich panisch. In England soll ein dreiwöchiger Stillstand des Landes, also ein neuerlicher „Lockdown“, die Situation retten. Darauf drängte zuletzt Jeremy Farrar, er gehört jener Expertengruppe an, die die Regierung in Notfällen berät. „Die derzeitigen regionalen Maßnahmen reichen nicht aus“, sagt er. Bei unseren deutschen Nachbarn kam es am vergangenen Wochenende bereits wieder zu Hamsterkäufen in den Supermärkten. Politiker fordern dort bereits die Verlängerung der Weihnachtsferien um zwei bis drei Wochen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Am Sonntag gab es mit 4.500 Neuinfektionen neuerlich einen Rekordwert. Und in Italien hat die Regierung eine verschärfte Maskenpflicht beschlossen. Der Mund- und Nasenschutz muss nun auch im Freien getragen werden. Auch Feiern sind nicht mehr erlaubt und die Sperrstunde wurde auf Mitternacht vorverlegt. „Die Lage ist kritisch“, meinte Ministerpräsident Giuseppe Conte.

Schon jetzt haben die Maßnahmen der Regierungen in Europa dazu geführt, dass die Wirtschaft am Boden liegt. Das Bruttoinlandsprodukt, die Wirtschaftsleistung unseres Landes, sank im Sommer im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent, mit mehr als 400.000 Arbeitslosen sind so viele Menschen ohne Verdienst wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Und weitere Kündigungen werden folgen. Im oberösterreichischen Steyr etwa stehen beim Lkw-Hersteller MAN 2.300 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Es brennt an allen Ecken und Enden.

Doch während wir eingesperrt werden, um das Virus in den Griff zu bekommen, feiern die Chinesen Feste. So wie Anfang Oktober zum Nationalfeiertag, da hatten die Chinesen eine Woche frei. Bis zu 600 Millionen Menschen waren kreuz und quer im Land unterwegs. Ohne Abstand und oft ohne Masken.

Das Land, das als Ursprung der Pandemie gilt, scheint die Krise überstanden zu haben. China gibt offiziell etwa zehn Neuinfektionen pro Tag an, bei 1,4 Milliarden Einwohnern. In der Europäischen Union dagegen leben nur knapp 450 Millionen Menschen.

Warum die Lage im Reich der Mitte unter Kontrolle ist und bei uns nicht, darüber gibt es viele Spekulationen. Einerseits wird davon ausgegangen, dass die Regierung in Peking nicht mit offenen Karten spielt und die Zahl der wahren Infektionen von Anfang an zurückgehalten hat. „So gab es Vermutungen, dass etwa in Wuhan am Beginn der Pandemie wesentlich mehr Menschen verstorben sind, als offiziell mitgeteilt wurde. Doch das ist schwer nachzuweisen. Fakt ist, dass es jetzt Tage gibt, wo es zu keiner einzigen Neuinfektion kommt. Selbst wenn die Zahlen beispielsweise drei Mal so hoch wären, als offiziell kolportiert, wären sie bei einer Gesamtbevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen noch immer niedrig. Was das Corona-Virus betrifft, ist China top organisiert“, erklärt Dr. Michael Berger, 61, Österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Peking.

Andererseits sind die Chinesen ein hartes Vorgehen der Regierung gewohnt und folgen den Anweisungen widerstandslos. Auch wenn sie schmerzlich sind, weiß Dr. Georg Zanger, 73, Präsident der „Austrian Chinese Business Association“ (ACBA). Dieser gemeinnützige Verein bemüht sich um die Stärkung der wirtschaftlichen Beziehungen und des kulturellen Austausches zwischen den beiden Ländern.

„Wuhan wurde nach Ausbruch des Virus sofort abgeriegelt. Für mich ist dieses Land ein Vorbild in der Bekämpfung der Pandemie. Chinesen sind es auch gewohnt, alleine schon wegen der Luftverschmutzung, Schmutzmasken zu tragen. In China sind die Corona-Tests kostenlos und auch die Impfungen gegen Covid-19 werden die Bevölkerung nichts kosten. Außerdem sind die Chinesen generell vorsichtig im Umgang mit anderen. Sie waschen sich ständig die Hände und Körperkontakt wird vermieden. Es ist schwer, mit einem Chinesen überhaupt in Kontakt zu kommen. Sogar Ehepaare würden auf der Straße nie Händchen halten. Außerdem unterwerfen sich Chinesen freiwillig, das ist historisch bedingt. Dort wird eine Art von beängstigender Kontrolle nicht wahrgenommen.“

Das fängt bereits bei den Kindern an. Ihnen wird drei Mal am Tag in der Schule Fieber gemessen. Wenn das Thermometer 37,4 Grad übersteigt, wird das Kind sofort abgeholt und zur Beobachtung in ein Spital gebracht. Kinder, die älter als fünf Jahre sind, müssen im Unterricht eine Maske tragen, und Menschen, die vom Ausland nach China kommen, ein besonders strenges Pandemie-Programm durchlaufen.

„Als ich vor Kurzem mit meiner Frau am Flughafen in Peking ankam, wurden wir sofort in Quarantäne geschickt und auf Covid-19 getestet, durch Rachenabstriche. Wir konnten uns die Quarantäne-Unterkunft auch nicht aussuchen. Wir wurden in ein Hotel gebracht und die Chinesen wollten meine Frau und mich sogar in zwei getrennten Zimmern unterbringen, was ich aber verweigert habe. Es war ständig Überwachungs-Personal da, wir durften das Zimmer nicht verlassen. Den Rest der Quarantäne durften wir dann Gott sei Dank in der Wohnung verbringen. Wohl auch deshalb, weil wir beide negativ waren. Das Wohnhaus mit mehr als 30 Stockwerken ist überall mit Kameras versehen. Sobald ich das Gebäude verlassen hätte, würde dieses ,Vergehen‘ die Hausverwaltung der Behörde melden. Doch in China muss ich gar nicht außer Haus gehen, weil ja alles bestellbar ist und innerhalb von zwei Stunden geliefert wird. Sei es eine Zahnbürste oder ein Fernseher“, erklärt Dr. Berger.

Im Lift stehen Papierspender parat
Auch bei den Tests haben die Chinesen ein Rekordtempo. „Hier werden in einer Woche neun Millionen Menschen auf Covid-19 getestet. Das Ergebnis steht spätestens nach 72 Stunden fest. Die Menschen in China haben vor dem Corona-Virus auch große Angst. Wenn hier jemand positiv getestet wird, ist es für ihn persönlich eine Schande, weil er sich seiner Meinung nach nicht streng genug an die Regeln gehalten hat. Auch die Hygiene-Maßnahmen sind erstklassig organisiert. So gibt es etwa vor Aufzügen Papierspender, von denen sich die Menschen ein Taschentuch nehmen können, um damit den Knopf im Lift zu drücken. Außerdem gibt es bereits einen Impfstoff, der sich noch in der Testphase befindet. Da China aber kaum noch Corona-Fälle hat, wird der chinesische Impfstoffe gerade in Marokko getestet, wo das Corona-Virus grassiert.“

Für Zanger gibt es zudem einen wesentlichen Unterschied zwischen China und unserem Land. „In China sind strenge Maßnahmen auch deshalb möglich, weil im Gegensatz zu uns die Menschen dort auch nicht im Stich gelassen werden. China hat ein umfassendes Unterstützungs-Programm für die Arbeitnehmer und Unternehmer. Die staatliche finanzielle Unterstützung ist in China viel, viel besser als bei uns. Die Folgen des Stillstandes waren dort kaum spürbar. Nach drei Monaten war wieder alles voll im Betrieb.“
Experten rechnen damit, dass China in diesem Jahr die Wirtschaftsleistung (BIP) um 1,4 Prozent steigern kann, für die 27 EU-Staaten sehen sie hingegen einen durchschnittlichen Rückgang um beträchtliche sieben Prozent.
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