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Ausgabe Nr. 43/2020 vom 20.10.2020, Foto: picture alliance/dp
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Regelmäßiges Lüften gegen die Ansteckung
Das "frierende" Klassenzimmer
Zum ersten Mal gibt es heuer Herbstferien für alle Schüler. Elternvertreter und Bildungsexperten hätten diese Zeit lieber zum Einholen des „Corona-Frühjahres“ verwendet. Geöffnete Fenster gehören auch danach zum Schul-Alltag.
Für die kalten Monate werden jetzt Pullover, Schals und Decken zur Grundausstattung der Schülerinnen und Schüler gehören“, warnte zuletzt eine deutsche Lehrer-Vertreterin. Offene Schulen durch offene Fenster, das ist bei unseren Nachbarn die Strategie, um Corona-Ansteckungen in den Klassen möglichst zu ver-
hindern.

Regelmäßiges Lüften gegen die Ansteckung
Und auch bei uns empfiehlt Unterrichtsminister Heinz Faßmann (ÖVP) regelmäßiges Lüften.
Doch während manche Schüler und Eltern über die kühle Brise im Klassenzimmer klagen, befürwortet der Umweltmediziner und Hygienefacharzt Hans-Peter Hutter die Frischluft-Zufuhr energisch. „Lüften ist neben den üblichen Hygienemaßnahmen ein weiterer wichtiger Baustein im Kampf gegen die Epidemie. Man darf nicht vergessen, dass Schulkinder in der Klasse oft nicht in einem entsprechenden Sicherheitsabstand voneinander sitzen können und die Maske abgelegt wird. Was bleibt anderes übrig außer Lüften?“

Doch viele Menschen würden scheinbar damit rechnen, dass jeder Raum überheizt ist. „Mit der Haube und Decke muss sicherlich niemand im Klassenzimmer sitzen. Wenn kurz zwei Minuten die Fenster offen sind, wird es ein bisschen kühler sein. Aber das gibt sich gleich wieder, weil die Heizung ja nicht abgeschaltet wird“, sagt der Experte von der Medizinischen Universität Wien und rät: „Einfach einen Pullover anziehen oder eine Kapuzenjacke, das reicht aus. So verweichlicht sind unsere Kinder doch wirklich nicht.“

Seit Jahren zeigen Untersuchungen, dass in den Schulen, die nicht über Lüftungsanlagen verfügen, viel zu wenig Frischluft in die Klassen kommt. Doch ein regelmäßiger Luftaustausch reduziert nicht nur das Infektionsrisiko durch Viren aller Art, sondern hat auch einen erfreulichen Nebeneffekt. Konzentration und Lernerfolg steigen.

Zwar gibt es auch spezielle Luftreiniger, doch deren Aufstellung ist eine Kostenfrage. Bleibt das Lüften. Einfach die Fenster aufzumachen, ist aber nicht in allen Schulen möglich, manche lassen sich gar nicht öffnen oder nur kippen. „Aufgrund der baulichen Gegebenheiten gibt es vielerorts Schwierigkeiten mit der praktischen Durchführung“, weiß der Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Paul Kimberger. „Das ist ein absoluter Risikofaktor, der durch andere Maßnahmen wie das Verlassen des Klassenraumes in regelmäßigen Abständen kompensiert werden muss und von meinen Kolleginnen und Kollegen verständlicherweise kritisiert wird.“

Lehrer begrüßen die schulische Atempause
Die heuer erstmals für alle Schüler angesetzten Herbstferien begrüßt der Gewerkschafter. „Aus jetziger Sicht ist eine schulische Atempause notwendig und sinnvoll.“

ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann hat zwar zuletzt eine landesweite Verlängerung der Herbstferien ausgeschlossen. In Deutschland wird aber auch eine Ausweitung der Weihnachtsferien diskutiert, um die Zahl der Corona-Infektionen zu drücken. Solche Maßnahmen seien „einzig und allein abhängig von der weiteren Entwicklung der Infektionszahlen und der Entscheidung der Krisenstäbe im Gesundheits- und Bildungsministerium“, will sich Paul Kimberger nicht festlegen.

„Längere Ferien können nur der letztmögliche Weg sein“, stellt hingegen Marcus Dekan klar, der Vorsitzende des Verbandes der Elternvereine an den höheren und mittleren Schulen Wiens. „Wir hätten es ohnehin besser gefunden, wenn jetzt statt der einwöchigen Herbstferien die Zeit für Bildung genutzt worden wäre“, sagt der Elternvertreter. „Die Woche wäre geeignet gewesen, einiges nachzuholen, was im Frühjahr zu kurz gekommen ist.“ Viele Eltern hätten gar nicht mehr genug Resturlaub, um die Kinder betreuen zu können. „Die Feiertage rund um den 26. Oktober und Allerheiligen hätten völlig ausgereicht.“

Auch der Bildungsexperte Andreas Salcher ist für ein Ausfallen der heurigen Herbstferien. „Wenn wir heuer etwas mit Sicherheit nicht haben, dann ist das ein Mangel an unterrichtsfreien Tagen.“ Die allgemeine Schul-Auszeit zwischen Nationalfeiertag und Allerseelen sollte auf das nächste Jahr verschoben werden. „Schulferien, mittlerweile fast 14 Wochen, sind bei uns leider ein Tabu. Viele Studien zeigen aber, dass gerade Schüler, die von ihren Eltern wenig bis gar keine Unterstützung bekommen, durch die vielen Ferientage immer weiter zurückfallen.“

Ob die Kinder und Jugendlichen das durch die Schulschließungen Versäumte nachholen können, wird sich erst weisen. „Die nächste Matura wird ein Gradmesser dafür sein, wie viel Wissen im vergangenen Frühjahr nicht vermittelt wurde“, sagt der Elternvertreter Marcus Dekan. „Schüler, die noch im Schulsystem bleiben, können das vielleicht aufholen. Bei jenen, die in eine Lehre gewechselt sind oder die die Schule gewechselt haben, wird es schwieriger.“

Gekippte Fenster reichen nicht
  • In jeder Pause soll bei weit geöffneten Fenstern gelüftet werden, während des Unterrichts reicht es üblicherweise, in der Hälfte der Stunde noch einmal zwei bis vier Minuten die Fenster aufzumachen. „Die Türen sollten dabei geschlossen bleiben, sonst werden etwaige infektiöse Aerosole ins Gebäude weiter verteilt“, rät der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter.
  • Gekippte Fenster allein reichen nicht aus. Der Luftaustausch ist geringer, dafür geht aber Wärme verloren.
  • Mit einer CO2-Ampel können Lehrer und Schüler leicht sehen, wann sie lüften sollten. Der CO2-Gehalt sollte nicht mehr als 1.000 ppm (Parts per Million / Teile CO2 pro eine Million Teile Raumluft) betragen. Ab dieser Kennzahl ist das Infektionsrisiko größer.
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