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Ausgabe Nr. 39/2020 vom 22.09.2020, Foto: Janine Guldener
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Glückliches Paar.
"Wir haben die alten Liebesbriefe verbrannt"
Er war einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Robert Atzorn begeisterte in der Familien-Serie „Unser Lehrer Dr. Specht“, ermittelte im „Tatort“ sowie in der Krimi-Serie „Nord Nord Mord“. Vor knapp drei Jahren zog sich der 75jährige ins Privatleben zurück. In seinem neuen Buch findet er offene Worte über seine schwierige Kindheit, Ängste und Tiefschläge. Und er erzählt, dass seine große Liebe seinem Leben eine entscheidende Wende gebracht hat.
Die meisten kennen mich als ,Lehrer Dr. Specht‘. Ich war schon Mitte vierzig, als diese Unterhaltungsserie 1992 erstmals ausgestrahlt wurde, also alles andere als ein Jungspund, der plötzlich Erfolg hatte“, sagt Robert Atzorn, der später auch als „Tatort“-Kommissar Jan Casstorff ermittelte. Vor der Kamera steht der 75jährige nicht mehr. Auf dem Bildschirm ist sein verschmitztes Lächeln aber noch immer häufig zu sehen. Denn selbst die Wiederholungen von Filmen, in denen Atzorn mitspielt, locken regelmäßig viele Zuseher an.

Mit einem deutlichen „Jetzt ist es genug“ hat er sich vor drei Jahren in das Privatleben zurückgezogen. „Die Schauspielerei hat mir nicht mehr so viel Freude gemacht. Als ich feststellte, dass ich manche Szenen besser hätte spielen können, wurde mir klar, dass ich aufhöre“, entschied er sich, seine letzte Hauptrolle, den „Kommissar Clüver“ aus der Krimi-Serie „Nord Nord Mord“, in Pension zu schicken.

Kind der Nachkriegszeit
Seither hatte er Zeit, endlich wieder Freunde zu treffen und ein Buch zu schreiben. In „Duschen und Zähneputzen – Was im Leben wirklich zählt“ (Verlag Eden) erzählt er offen über sein Leben.
Kaum hatte er am 2. Februar 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in Bad Polzin, im heutigen Polen, das Licht der Welt erblickt, erkrankte er an Diphterie. „Der Arzt empfahl meiner Mutter, in den Westen zu reisen und mich im Krankenhaus zu lassen, weil ich sowieso sterben würde“, erzählt Atzorn. Die Mutter nahm ihn jedoch mit nach Deutschland, in die Städte Oldenburg und Hamburg, er überlebte, ging dort in die Schule und blieb zwei Mal sitzen.

Nicht minder schwierig für ihn war die Beziehung zu seinem Vater. „Als ich zur Welt kam, geriet mein Vater als Offizier auf dem Russlandfeldzug in Gefangenschaft. Ich lernte ihn erst kennen, als ich fünf Jahre alt war“, erzählt Atzorn. Da hatte der Krieg seine Mutter bereits aus der Bahn geworfen, sie war verstummt. Heute würde er sagen, sie litt unter schweren Depressionen. Atzorns Oma sorgte für alles und kümmerte sich um den Haushalt. Sein Vater war streng. „‚Du redest nur, wenn du gefragt wirst‘, hat er mir von Kindesbeinen an eingetrichtert und mich streng kontrolliert“, erinnert er sich. „Mein Vater hat mich nie beachtet, eigentlich war mein Opa mein Vater. Mit ihm habe ich alles besprochen. Als ich 15 war, starb er.“ Atzorn hat diesen Verlust nur schwer verkraftet.

Während er als Jugendlicher an der Schauspielschule München (D) mit seiner Berufswahl haderte, lernte er seine erste Frau kennen. „Sie war 17, ich 22. Wir haben nur geheiratet, weil es so einfacher war, eine Wohnung zu bekommen“, gesteht Atzorn, der am Anfang seiner Karriere einige Tiefschläge verkraften musste. „Der Intendant Peter Zadek nannte mich das spießigste Arschloch, das er je auf einer Bühne gesehen hat“, erzählt er. Auch privat lief es für ihn nicht rund. Die erste Ehe währte nur kurz, und nach dem Tod seines Vaters nahm sich Atzorns jüngerer Bruder mit 30 Jahren das Leben.

Er selbst sei ebenso selbstmordgefährdet gewesen, meinte er. Und versuchte, sich mit Alkohol von seinen Ängsten zu befreien. Von Frust und Selbstzweifeln geplagt, lernte er die Schauspielerin und Tänzerin Angelika Hartung kennen. „Angelika hat eine Wende in mein Leben gebracht, sie ist meine große Liebe und der wichtigste Mensch für mich“, erzählt der Schauspieler. Für seine Frau begab er sich in Therapie, um von der Flasche wegzukommen. „Unser neues Leben haben wir mit unserer Hochzeit im Jahr 1975 besiegelt“, erzählt Atzorn. „Vorher haben wir allerdings die alten Liebesbriefe unserer Verflossenen entsorgt. Wir haben uns die Briefe vorgelesen, dann in einen Metalltopf geworfen, Zündholz drauf und adios Ex-Liebling“, erzählt Atzorn. Mit einem lauten „Ins Feuer damit“ wurden die letzten Verbindungen zu den Ex-Partnern gekappt.

Den Neuanfang des Paares, das seit nunmehr 45 Jahren gemeinsam die Höhen und Tiefen des Lebens meistert, krönten die beiden Söhne Jens, 44, und Daniel, 41. Jens Atzorn ist wie sein Vater Schauspieler geworden. „Meine Söhne und ich begegnen uns auf Augenhöhe. Beide sind mittlerweile über 40 und zu ausgeglichenen Menschen herangereift, was in Schauspielerfamilien nicht selbstverständlich ist“, sagt Atzorn.

Seine Frau Angelika hat der Familie zuliebe auf ihre Bühnenkarriere verzichtet. Seit ihr Mann in „Fernseh-Pension“ ist, genießen die beiden ihre Zweisamkeit am Chiemsee in Bayern (D), machen gern Yoga und meditieren zwei Mal am Tag. „Den Fernseher drehe ich selten auf, ich genieße lieber das Gefühl, endlich meine Ruhe zu haben“, beteuert Robert Atzorn, der fast 50 Jahre lang als Schauspieler aktiv war.
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