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Ausgabe Nr. 38/2020 vom 15.09.2020, Fotos: picturedesk.com, AdobeStock
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Christa Kummer wurde am 8. September 1964 in Wien geboren. Nach dem Studium hat sie zunächst als Lehrerin an einem Wiener Gymnasium gearbeitet. Als Hydrogeologin und Klimatologin leitete sie später unter anderem das Sekretariat der Wiener Internationalen Zukunftskonferenz.

Seit 1995 präsentiert sie als erste Frau beim ORF das Wetter und hält nebenbei wissenschaftliche Vorträge. Ihr privates Glück fand die ORF-Moderatorin in Franz Hofbauer. Er ist für die Sport-Redaktion des ORF tätig, das Paar lebt in Wien und in Niederösterreich.
"Wir treten die Natur mit Füßen"
Wenn es um das Wetter geht, ist Christa Kummer, 56, eine der ersten Ansprechstellen in unserem Land. Am Mittwoch, 16.9., 20.15 Uhr, ORF2, moderiert sie mit Tarek Leitner ein „Universum Spezial“.
Frau Dr. Kummer, das Klima spielt in Ihrem Leben eine wichtige Rolle. Sie feiern in diesem Jahr Ihr 25jähriges Jubiläum als Wetter-Moderatorin des ORF und Sie haben unter anderem einen Universitäts-Abschluss als Hydrogeologin/Klimatologin. Seit mehr als zehn Jahren halten Sie Vorträge zur Veränderung des Klimas, wie sehen Sie die derzeitigen Diskussionen darüber?
Ich höre immer wieder, dass der Klimawandel in unserem Land angekommen sei. Im Grunde genommen ist das eine unsinnige Feststellung, denn wie kann etwas ankommen, was Teil unserer Erdgeschichte und Realität ist. Was angekommen ist, ist die sichtbare Veränderung, die in vielen Bereichen unser Leben beeinflusst. Extremwetterereignisse, die unser Hab und Gut bedrohen. Extremwettereignisse, die aufgrund der klimatischen Veränderungen zunehmen, andererseits durch menschlichen Einfluss verstärkt werden, indem wir wertvolle Ackerböden auf Teufel komm raus hemmungslos versiegeln. Dann ist es natürlich nur logisch, wenn uns plötzlich das Wasser bis zum Hals steht. Diese Veränderungen sind traurige, spürbare Wirklichkeit geworden.

Der Klimawandel beunruhigt Sie nicht?
Mich beunruhigt vielmehr das Verhalten der Menschen, immer nach Gründen zu suchen, warum nichts geändert werden muss, kann oder sollte. Wenn wir diese Energie dafür aufwenden würden, neue, gesunde Wege für uns und unsere Natur zu beschreiten, wären wir schon ein großes Stück weiter. Es muss uns doch klar sein, dass es so nicht weitergehen kann. Selbst wenn es keinen Klimawandel gäbe – was niemals der Fall sein wird –, haben wir als Menschheit bereits eine Grenze überschritten, die ihresgleichen sucht. Wir beuten diese Erde aus ohne Rücksicht auf Verluste, wir verdrecken den Planeten, als ob es einen Planeten B für uns gäbe, wir treten die Natur mit Füßen und wundern uns, dass uns alles um die Ohren fliegt. Vielleicht braucht diese Erde eine Pandemie, um sich vor dem Menschen retten zu können.

Aber dass die Temperaturen steigen, ist doch bedenklich?
Definitiv, seit dem Jahr 2000 lagen die Temperaturen deutlich über dem langjährigen Mittel, die Kurve geht seit 20 Jahren steil nach oben. Weltweit sind übrigens die vergangenen sechs Jahre die heißesten gewesen. Zu den hohen Temperaturen kommen immer längere und häufigere Trockenperioden. Vor allem der Osten, teilweise auch der Süden unseres Landes waren in den vergangenen zwei Jahren extrem betroffen. Das alles sind statistische Daten – da sollten bei all den Skeptikern doch mittlerweile die Alarmglocken läuten. Natürlich hat es immer Klimaveränderungen gegeben, aber in Zeiträumen von mindestens 1.000 bis 10.000 Jahren. Unser heutiges Problem ist ein zu rasanter Anstieg der Temperatur, den es in einer derartig kurzen Zeitspanne noch nie gab. Weltweit stieg die Durchschnitts-Temperatur um 0,8 Grad, im Alpenraum sogar um zwei Grad. Früher dauerte ein derartiger Anstieg Tausende von Jahren.

Was bedeutet das für unser künftiges Leben?
Das Mittelmeer-Klima wird sich immer weiter nach Norden verschieben. In 50 bis 100 Jahren wird in Frankfurt, also in Mitteldeutschland, ein mediterranes Klima herrschen. Mit allen Konsequenzen – höheren Temperaturen und veränderter Tier- und Pflanzenwelt. Die Land- und Forstwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Mobilität, Wohnen und Gesundheit sind die großen Schlüsselthemen – hier ist die Politik gefordert, nicht nur in unserem Land. Wir brauchen globale Lösungen und genau das wird das große Problem.

Worauf führen Sie den beschleunigten Prozess der steigenden Temperaturen zurück?
Mit dem Beginn der industriellen Revolution hat die systematische Ausbeutung der Erde begonnen, darauf basiert auch so mancher Reichtum. Heute wissen wir, dass es auf Kosten der Natur geht und schließlich auch unser Leben davon abhängt. Fossile Brennstoffe, das schwarze Gold, hat viele Vorteile in unser Leben gebracht. Doch kein Vorteil ohne Nachteil – heute müssen wir die Rechnung dafür bezahlen. Ein Thema wird bei all den Diskussionen rund um den Klimawandel irgendwie immer ausgeklammert, die stark steigene Bevölkerungszahl.

Das lässt sich wohl nur schwer eindämmen …
Nun ja, aber viele Menschen haben viele Bedürfnisse. Es haben noch nie so viele Menschen die Erde bevölkert. Vor 2020 Jahren, zu Christi Geburt, lebten nur rund 300 Millionen Menschen, heute sind es 7,8 Milliarden. Die haben Hunger, der zur Überfischung der Meere führt, sie haben den Drang zur Mobilität und damit zur höheren Verkehrsdichte. Am Land, zu Wasser und in der Luft. Und es gibt gewaltige Ballungszentren, in denen die Hitze gespeichert wird. Wir sollten darüber nachdenken, wie es mit der Bevölkerungsentwicklung weitergeht. Die Vereinten Nationen (UNO) gehen davon aus, dass die 15 am schnellsten wachsenden Städte der Welt in Afrika liegen. Sie werden ihre Einwohnerzahl bis 2035 verdoppeln. Luanda, die Hauptstadt von Angola, hat heute schon sieben Millionen Einwohner. Die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, Kinshasa, sogar etwa zwölf Millionen. Die Zahl der Einwohner im Land wächst rasant, von 48 Millionen im Jahr 2000 auf heute 100 Millionen. Über derartige Entwicklungen ist international kaum etwas zu hören.

Was ist also zu tun?
Uns sind Grenzen gesetzt. Wir müssen die Natur vor dem Menschen schützen. Bevor er sie völlig zerstört, weil die Gier nach immer mehr Profit gestillt werden muss. Ackerflächen werden bis zum letzten Meter ausgenützt, für Bodenschutzstreifen zum Beispiel bleibt da kein Platz mehr. Alles auf Kosten der Biodiversität, der Artenvielfalt, die für unser Überleben unendlich wichtig ist. Diese Grünstreifen aus Bäumen und Sträuchern gab es früher noch zwischen den Feldern. Sie waren wichtig, weil sie für die pflanzliche und tierische Vielfalt sorgten. Sie boten Lebensraum für unser Wild und Schutz für den Boden, da der Wind gebrochen wurde. In unserem Land und Deutschland gibt es bereits vielversprechende Projekte zur Wiedereinführung derartiger Grüngürtel.

Sie haben in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Vorträge übers Klima gehalten. Welches Thema hat Ihre Zuhörer am meisten interessiert?
Der Klimawandel berührt die Menschen, doch die mediale Berichterstattung löst oft Ängste und leider auch Wut dem Thema gegenüber aus. Hinter nahezu jedem Wetterphänomen steckt der Klimawandel. Die Sensationsschlagzeile ist oft wichtiger als die wissenschaftliche Hintergrundaufarbeitung, denn nicht jede Katastrophe ist dem Klimawandel zuzuordnen. Und das macht die Menschen wütend und im gewissen Maße auch schon ablehnend diesem höchst sensiblen Thema gegenüber. Wenn ich dann die Zusammenhänge, die Wechselwirkungen Mensch und Natur auf plakative Weise erkläre und mit meinen Zuhörern gemeinsam erörtere, gehen viele mit einem neuen Bewusstsein nach Hause und das ist ein gutes Gefühl.

Weil es in unserem Land immer weniger Regen gibt, leiden die Wälder. Sie trocknen aus …
Die Veränderungen des Klimas war für viele Menschen oft gar nicht existent, nicht spürbar. Doch dieser schleichende Prozess hat jetzt plötzlich ein Gesicht bekommen. Unsere Wälder werden seit Jahren vom Borkenkäfer verspeist und seit den vergangenen zwei Jahren kann es auch jeder sehen. Das ist hautnah gespürte Klimaveränderung. Tausende Festmeter Holz wurden geschlägert, die Zukunft der Fichte in unserem Land ist eine düstere. Für die Forstwirtschaft ist das natürlich der Brotbaum schlechthin. Die Fichte wächst relativ schnell, lässt sich gut trocknen, ist ein günstiger Rohstoff und für die Papierindustrie unverzichtbar. Ihr Nachteil, sie ist ein Flachwurzler und bei ausbleibendem Regen sind die Trockenschäden groß, der Borkenkäfer hat ein leichtes Spiel, da die Fichte ihr schützendes Harz nicht mehr produzieren kann. Wenn es sich die Natur richten kann, wir Menschen es auch zulassen, sind wahrscheinlich gesunde Mischwälder, mit tiefwurzelnden Bäumen wie Eichen eine mögliche Alternative. Fichtenmonokulturen verabschieden sich gerade. Was wir nicht vergessen dürfen, ist der gewaltige Zeitraum, in dem die Forstwirtschaft hier zu denken hat. Wir sprechen hier von 70 bis 100 Jahren, also drei bis vier Generationen müssen mit und von der heutigen Entscheidung leben, bis es zur „Ernte“ kommt. Diese Verantwortung ist gewaltig.

Sie sagten, wenn es sich die Natur richten kann, wie würde sie dann den Wald erneuern?
Ich habe mir im Sommer ein unglaublich beeindruckendes Projekt in Niederösterreich angesehen. Es wurde vom Forstdirektor des Stiftes Altenburg, Herbert Schmid, initiiert. Er setzt auf die Hilfe des Eichelhähers und dessen Vorlieben. Schmid bringt Eichen und Buchen in seinen Wald ein. Dort, wo er das macht, legt er auf erhöhte Plattformen Saatgut aus. Und weil Eichelhäher auf Eicheln fliegen, machen sie das, was sie immer machen, wenn es ein Überangebot an Nahrung gibt. Dann vergraben sie wie die Eichhörnchen das Futter im Boden – und ein junger Baum entsteht daraus. In dem 300 Hektar großen Versuchswald stehen rund 100 Futtertische. Der Eichelhäher verwandelt den Nadelwald auf beeindruckende Weise in einen Mischwald. Das sind kleine Schritte mit großer Wirkung. Eine herkömmliche Aufforstung würde rund 6.000 bis 7.000 Euro pro Hektar kosten.

Würden Ihrer Meinung nach Steuern auf klimaschädliches Verhalten, etwa beim Kauf von entsprechenden Produkten, helfen?
Ich befürchte, dass es nicht ohne Steuern gehen wird. Es fehlt uns leider an Eigenverantwortung. Es zwingt mich ja niemand, klimaschädliche Produkte zu kaufen – der Konsument hat es in der Hand, tagtäglich diese Entscheidung zu treffen. Trotzdem verkaufen sich die Erdbeeren im Jänner, trotzdem fliegen wir noch rasch um 25 Euro nach Rom (Italien) auf einen Cappuccino. Aufklärung und Bildung, ja auch politische Vorgaben sind von Nöten. Ich wünsche mir nach all den Jahrzehnten des Verhandelns und Redens ein rascheres Handeln in vielen Bereichen.

Wir haben mit dem Klimawandel begonnen und hören mit ihm auf …
… weil er das Geschwür unserer Zeit ist. Wir müssen dessen Ursache bekämpfen, aber nicht die Symptome. Kosmetische Korrekturen werden uns nicht zum Ziel bringen, sondern nur ein globales Miteinander.
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