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Ausgabe Nr. 38/2020 vom 15.09.2020, Foto: Cynthia Vice Acosta/Kauck
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Bill Murray ist ein 70er, der es ruhig angehen lässt.
„Die Bequemlichkeit kommt zuerst“
Vom Gabelstapler, „Hot Dog“-Verkäufer zum Landvermesser, nirgends hielt es ihn lange. Erst als Schauspieler konnte Bill Murray, 70, seine komplizierte Persönlichkeit und seinen Humor voll ausleben.
Er macht sich gerne rar. Ungestört von der Welt zu leben, das macht Bill Murray gern. Außer seinen sechs Söhnen und den beiden Exfrauen haben nur wenige Menschen seine Telefonnummer.

Wer sich in seinem Büro meldet, landet auf dem Anrufbeantworter, der stets voll ist und selten abgehört wird. Einen Computer benützt der Künstler, der am 21. September 70 Jahre alt wird, ebenfalls nicht. Weil er gern ungestört bleibt, beschäftigte Murray eine Zeitlang sogar einen tauben Assistenten. Stärker als seine Schrullen ist jedoch sein Humor, für den er berühmt ist. Den er sich in jungen Jahren angeeignet hat, als er Geld verdienen musste, um sich die Schule leisten zu können. Die Eltern konnten sie ihm nicht finanzieren.

Mit dem Geld kam der Humor
Murray wuchs in der Großstadt Chicago im US-Bundesstaat Illinois mit acht Geschwistern in einer streng katholischen Einwandererfamilie aus Irland auf. Seine Mutter arbeitete bei der Post, sein Vater im Holzhandel. Die Familie war so arm, dass sie sich zu Weihnachten keinen Christbaum leisten konnte. „Wenn ich allein war, sang ich oft Lieder für Gott“, erzählt Murray. „Spielzeug bekam ich nie. Als Geschenk gab es bei uns Schulbekleidung. Oder wir quetschten uns alle in Papas altes Auto und fuhren in das vornehme Vororteviertel Lincolnwood, um die Weihnachtslichter an den Villen der Reichen zu
bestaunen.“

Derartige Einblicke in das Leben des Hollywood-Darstellers hat der Autor Robert Schnakenberg in seinem durchaus heiteren Buch „The Big Bad Book Of Bill Murray“ (dt. „Das große böse Buch des Bill Murray“) zusammengetragen. Darin schildert er Murray, über dessen Privatleben nur wenig durchsickert, als eine komplizierte Person mit Stärken und Schwächen – doch vor allem als guten Menschen.

Der in Chicago das Jesuiten-Gymnasium besucht hat. Allerdings litt er darunter, dass sein Gesicht von Akne-Narben gezeichnet war. Das Geld für den Verbleib in der Privatschule verdiente er sich an den Wochenenden im feinen Golf-Klub „Indian Hill“ als Taschenträger. Er schwitzte und fror. „Dafür bekam ich 14 Dollar pro Tag und 25 Cent extra, wenn es regnete“, erinnert sich Murray, der geizige Golfer mit einer heiteren Bemerkung darauf aufmerksam machte, dass sie ihm kein Trinkgeld gegeben hatten. Heute wird sein Vermögen auf 140 Millionen Dollar geschätzt.

Mit dem Geld kam der Humor. „Die Arbeit für die verwöhnten Reichen hat mir erste Blicke auf Komödien erlaubt“, witzelt Murray. „Wenn du erwachsene Männer den Tränen nahe siehst, weil sie einen kleinen, weißen Ball nicht in ein Loch schlagen konnten, ist es zum Lachen.“ Auch sein Klassenbewusstsein wurde geweckt. „Die Kinder waren verabscheuungswürdig. Es ist kaum zu glauben, welche arrogante Haltung die hatten. Diese Zeit im Golf-Klub war für mich äußerst lehrreich. Ich lernte eine Menge darüber, wie ich behandelt werden möchte und wie ich andere Menschen behandeln soll.“ Im Jahr 1980 spiegelte sich Murrays Abneigung gegen wohlhabende Aufschneider in seinem Golf-Film „Wahnsinn ohne Handicap“ wider.

Geblieben aus jener Zeit ist auch seine Liebe für Zigarren. Denn im Golf-Klub hatte er Stummel aus Abfallkübeln gefischt und zu Ende gepafft. In manchen Filmen und privat ist er mit einem Stummel einer Cuba-Zigarre, die es trotz Blockade von der Karibik-Insel in die USA geschafft hat, zu sehen.

Dass er Interesse an der Schauspielerei hat, zeigte Murray bereits während seiner Schulzeit. Er stand immer wieder für Theateraufführungen auf der Bühne. Für seine Eltern schien jedoch die Ausbildung zum Arzt ein lohnenswerteres Ziel zu sein, als ein Künstlerleben anzustreben. Der folgsame Sohn willigte zunächst ein. „Vor allem deshalb, weil ich mir vorstellte, eines Tages als Notarzt in der Karibik von Insel-Paradies zu Insel-Paradies zu fliegen, wo es außer mir keinen Doktor gibt. Ich war aber zu faul zum Lernen und hatte kein Interesse an guten Noten.“

Entgegen den Hausregeln der Universität ließ er sich lange Haare wachsen und wurde prompt hinausgeschmissen. „Wie Jahre zuvor bei den Pfadfindern. Dort flog ich hinaus, bevor sie mir eine Uniform verpassen konnten.“

Murray packte die Bücher weg und versuchte sich in einer Reihe von Berufen. In einer Baufirma bewegte er mit einem Gabelstapler Zementblöcke, er verkaufte am Straßenrand als fahrender Händler „Hot Dogs“ und war Landvermesser. Nirgends hielt es ihn lange. „Weil ich ständig pünktlich zur Arbeit erscheinen sollte“, beklagt der Schauspieler. Das ist gegen meine Lebenseinstellung, in der Bequemlichkeit zuerst kommt. Das Leben ist wirklich hart, und die Bequemlichkeit ist das Einzige, das du hast.“

Bequemlichkeit bedeutete ihm freilich ebenso, sich ein bisschen Luxus zu gönnen. Er kaufte sich einen Maserati. Ein Gefährt, das erhalten werden wollte und viel Geld kostete. Deshalb musste eine einträgliche Tätigkeit her mit weitgehender Selbstständigkeit. Er verfiel auf den Handel mit Drogen. Aus diesem Grund fand er sich an seinem 20. Geburtstag, dem 21. September 1970, auf dem Flughafen von Chicago ein. Murray wollte in einem Koffer viereinhalb Kilo Marihuana nach Denver im US-Staat Colorado bringen und dort verkaufen. Er flog auf, weil er sein loses Mundwerk nicht halten konnte. Er stieß am Flughafen zufällig mit einem Mann zusammen. Weil der ihn verärgert anraunzte, warum er es denn so eilig habe, antwortete Murray: „Ich habe eine Bombe im Koffer.“ Daraufhin lief der Mann erschrocken davon, wenig später tauchten Polizisten auf und legten dem Großmaul Handschellen an. Bei der Überprüfung seines Gepäcks fanden die Gesetzeshüter dann auch das Rauschgift. Murray kam mit einer Bewährungsstrafe davon, die Hände vom Gift ließ er nicht. Im Gegenteil, er bekundete sogar öffentlich, dass „Joints“ unschädlich seien. „Der Terror über Marihuana war völlig übertrieben. Heute gibt es Crack und Crystal und all das andere Zeug, und niemand denkt mehr an Marihuana.“

Wenn er Durst hatte, trank er am liebsten Armagnac, einen in Frankreich produzierten Weinbrand. „Oft hatten mein Freund John Belushi („Blues Brothers“) und ich so viel davon, dass wir umfielen. Oder wir mixten ‚Champa Tampa‘-Cocktails, das ist Champagner und Orangensaft – ein billiger Ersatz für Kokain, das wir uns nicht leisten konnten.“ Nachdem Belushi im Jahr 1982 an einer Überdosis Rauschgift starb, ließ Murray die Finger von den Drogen.

Ebenso wie von der Ehe. Zwei Mal hat er geheiratet, zwei Mal ging es schief. Jedes Mal, weil er eine Affäre hatte. Die erste Ehe überdauerte 15 turbulente Jahre und brachte zwei Söhne hervor, die zweite war nach zwölf Jahren und vier Söhnen im Jahr 2008 zu Ende. „Die Ehe ist etwas so Endgültiges“, sagt der Schauspieler. „Von einem Tag auf den anderen musst du dein Leben dramatisch ändern. Ich glaube, die Idee stammt aus romantischen Magazinen.“

Dass er sechs Kinder hat, macht ihn auch nicht glücklicher. „Die Menschen reden immer davon, was es für eine freudvolle Erfahrung sei, Kinder zu haben, aber es ist Terror. Dein Leben, wie du es kennst, ist vorbei. Vorbei an dem Tag, an dem das Kind geboren ist. Und später: Wenn du auf alles beißen willst, was sie auf dich werfen, wird es deine Zähne zerbrechen. Wenn meine Kinder mich zu Weihnachten fragten, was ich haben wolle, antwortete ich immer wie mein eigener Vater: ‚Frieden und Stille‘.“

Mit seinen Filmen bewirkt er genau das Gegenteil, und das Publikum liebt ihn dafür. Ob als verrückter Geisterjäger in „Ghostbusters“, als überheblicher Wetter-Moderator in „Und täglich grüßt das Murmeltier“, oder als einsamer Mann in „Lost in Translation“.

Zur Ruhe setzen will sich Bill Murray selbst mit 70 Jahren noch lange nicht. Das Filmen bereite zu viel Spaß, meint er. Gerade beendete der Mime die Arbeit an „Ghostbusters: Afterlife“ (dt.: „Leben nach dem Tod“), einer weiteren Fortsetzung der Film-Reihe, der vierte Film insgesamt. Auch Sigourney Weaver und Dan Aykroyd von den frühen „Geisterjäger“-Filmen sind wieder an Bord. Allerdings war es für den Regisseur Jason Reitman nicht einfach, Murray erneut einzuspannen, weil der seine Telefonate ignorierte. Schließlich musste das Drehbuch an ein Post-Büro gefaxt werden, wo es der launige Mime abholen ließ.

Murrays Versteckspiel hat im Laufe der Jahre auch Dutzende andere Filmemacher an den Rand der Verzweiflung getrieben. Ebenso, dass die Hollywood-Größe immer wieder angebotene Rollen ablehnte. Deshalb entgingen ihm die Erfolge mit Filmen wie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ und „Der Tintenfisch und der Wal“. Darüber lacht er unbekümmert. „Auf diese Weise habe ich anderen Menschen zu Karrieren verholfen.“

Auf sein Leben zurückblickend, findet Murray: „Ich habe viele Fehler gemacht. Aber ich denke nicht darüber nach. Sonst hätte ich nie etwas unternommen.“
kauck
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