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Ausgabe Nr. 38/2020 vom 15.09.2020, Fotos: stock.adobe.com/Echelon IMG, Gordon Congdon
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Das Artensterben geht ungebremst weiter
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Georg Scattolin: „Wir können nicht für verschwendete Lebensmittel die Natur zerstören.“
Die Lösung liegt auf dem Teller
Um zwei Drittel sind die untersuchten Bestände von Wildtieren in den vergangenen 50 Jahren zurückgegangen. Das zeigt eine neue weltweite Studie der Naturschützer vom WWF. Ein Grund dafür ist auch die Lebensmittel-Verschwendung.
Sie sind die größten Affen, werden bis zu 1,75 Metern groß und 200 Kilo schwer. Doch gegen die Menschen und die Wilderei können sich die Östlichen Flachlandgorillas nicht wehren. Nicht nur das Fleisch ist teilweise begehrt, ihre Körperteile werden auch als Souvenirs verkauft. Und manchmal verfangen sie sich in den Fallen für andere Wildtiere. Seit dem Jahr 1994 ist so der Bestand der Flachlandgorillas im Kongo (Zentralafrika) um 87 Prozent geschrumpft.

Das Artensterben geht weltweit ungebremst weiter. Das zeigt eine Studie der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF). Mehr als 20.000 Bestände von wildlebenden Säugetieren, Vögeln, Lurchen, Kriechtieren und Fischen wurden untersucht. Das Ergebnis ist alarmierend. Seit dem Jahr 1970 haben sie weltweit um durchschnittlich 68 Prozent, mehr als zwei Drittel, abgenommen.
Auch die Zahl der Insekten sinkt dramatisch. Und hierzulande steht rund ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten auf der „Roten Liste“ und gilt als gefährdet.

Wir müssen keine Vegetarier werden
Waldrodungen, Wilderei und immer mehr Beton statt Grün machen der Tierwelt den Garaus. Aber auch was wir essen und wie die Gesellschaft mit Lebensmitteln umgeht, kann das Artensterben stoppen. Die Lösung liegt (auch) auf unserem Teller. „Das Sojaschrot für die Futtermittel in der Massentierhaltung kommt aus Südamerika. Dafür wird der Regenwald gerodet. Und auch die Palmöl-Plantagen schaden der Umwelt“, sagt der WWF-Experte Georg Scattolin.

„Die industrielle Erzeugung von Lebensmitteln belastet bei uns die Böden und Gewässer und vernichtet im Regenwald natürliche Lebensräume“, warnt Sebastian Bohrn Mena, der Initiator des Tierschutz-Volksbegehrens. „Die allermeisten Menschen erfahren nichts darüber, weil noch immer nicht draufstehen muss, woher ihr Essen stammt und wie es erzeugt wurde.“ Bei frischem Fleisch, Obst und Gemüse können Kunden erkennen, woher es stammt. Eine Herkunftskennzeichnung in Gasthäusern etwa für Fleisch liegt bei uns aber in weiter Ferne.
Mehr als 200.000 Menschen haben schon für das Tierschutz-Volksbegehren unterschrieben. Die offizielle Eintragungswoche steht allerdings erst im nächsten Jahr auf dem Programm, vom 18. bis zum 25. Jänner.

Wir müssen nicht alle Vegetarier oder Veganer werden und auf Fleisch verzichten. Der Natur ist schon geholfen, „wenn wir gesünder essen. Das bedeutet automatisch mehr Obst und Gemüse, mehr Bio-Produkte, weniger Fleisch. Dann tun wir nicht nur uns, sondern auch dem Planeten etwas Gutes“, erklärt der Umweltschützer Georg Scattolin. Aber auch wie achtlos unsere Gesellschaft mit den Lebensmitteln umgeht, hat einen Einfluss auf die Umwelt. „Ein Drittel der Nahrungsmittel landet letztendlich im Müll“, kritisiert Scattolin. „Wir können nicht für verschwendete Lebensmittel die Natur zerstören.“

Von der Ernte über die Lagerung bis zu unseren Mistkübeln gehen laut Vereinten Nationen weltweit jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verloren. Bei uns landen mehr als 750 Millionen Kilo Lebensmittel im Müll. „Man könnte damit eine Million Menschen ein ganzes Jahr lang ernähren. Allein mit den österreichischen Lebensmittelabfällen könnte man also ganz Köln (D) versorgen“, rechnet Sebastian Bohrn Mena in seinem Buch „Besser essen – Wie wir über unseren Teller die Welt gestalten“ (Goldegg Verlag) vor.

Für die verschwendeten Lebensmittel werden Wasser und Boden verbraucht. Schädliche Klimagase entstehen. Das schadet Mensch und Tier. Doch es gibt gute Nachrichten. „Artenschutz kann funktionieren“, ist der WWF-Experte Scattolin überzeugt. „In Großbritannien hat sich der Singschwan-Bestand seit den 1970er Jahren verdoppelt. Die Vögel wurden bejagt, es gab nur noch wenige Exemplare. Dann wurden Jagdbeschränkungen eingeführt.“

Auch vom Buckelwal im westlichen Südatlantik waren Ende der 50er Jahre nur noch 450 Tiere übrig. „Jetzt sind es wieder rund 25.000, weil das Walfang-Verbot in Kraft trat.“

Ihre Bestände schrumpfen dramatisch
  • 99 Prozent weniger Afrikanische Graupapageie im Südwesten Ghanas (Afrika): Sie sind fast ausgerottet, weil ihre Lebensräume zerstört werden und wegen der Nachfrage als Ziervögel.
  • 90 Prozent weniger Delfine im Ionischen Meer (zwischen Italien und Griechenland): Sie finden keine Nahrung mehr, weil das Mittelmeer überfischt ist.
  • 86 Prozent weniger Elefanten in Tansania (Ostafrika): Viele Tiere fallen der Elfenbeinwilderei zum Opfer.
  • 84 Prozent weniger Lederschildkröten in Costa Rica (Zentralamerika): Das übermäßige Sammeln von Schildkröteneiern hat zum Rückgang geführt.
  • 74 Prozent weniger Blauhaie im Mittelmeer (Europa): Die Tiere verfangen sich in den Fischnetzen der industriellen Fischerei.
  • 39 Prozent weniger Grünlandschmetterlinge wie das Große Ochsenauge (Europa): Intensiv-Landwirtschaft und Äcker statt Wiesen machen ihnen den Garaus.
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