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Ausgabe Nr. 36/2020 vom 01.09.2020, Foto: Dominik Elsner/Thomas & Thomas
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Mario Adorf wurde am 8.9.1930 in Zürich (Schweiz) geboren. Er stammt aus einer nichtehelichen Beziehung einer deutschen Röntgenassistentin und späteren Schneiderin und einem verheirateten italienischen Chirurgen. Adorf absolvierte in München (D) eine Schauspielausbildung und hatte erste Engagements auf der Bühne.

Aus seiner ersten Ehe mit Lis Verhoeven (1963 bis 1964) stammt seine Tochter Stella, 56. Seit 1985 ist er mit Monique Faye verheiratet. Die beiden leben in Paris (Frankreich) und haben keine gemeinsamen Kinder.
"Der Böse war ich nur im Film"
Er hat eine bewegte berufliche Laufbahn hinter sich, spielte in Western ebenso mit wie in Krimis und Märchen. Dabei war ihm die Karriere nie besonders wichtig. Dennoch wurde Mario Adorf einer der wenigen internationalen Größen des deutschsprachigen Filmes. Am 8. September wird er nun 90 Jahre alt.
Herr Adorf, 90 zu werden, ist ein schönes Alter. Ist es für Sie auch mit einem bestimmten Gefühl verbunden, sich auf der Zielgeraden des Lebens zu befinden?
Ja, aber es ist sicher kein sonderlich angenehmes Gefühl. Das Ziel ist ja nicht der große Triumph, der Sieg. Deshalb stimmt das Bild von der Zielgeraden auch nicht. Es ist ja nicht die Zielgerade, es ist eine Sackgasse, eine Einbahnstraße, die in die Endlichkeit mündet. Schön ist das nicht. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Deshalb gibt es aus dieser Sackgasse kein Entkommen. Und das ist natürlich kein schöner Gedanke.

Wie geht das Alter mit Ihnen um?
Bisher – toi, toi, toi – äußerst angenehm. Mein Arzt sagt, wenn er mich nicht kennen würde, könnte er nicht glauben, dass ich schon so alt bin. Gesundheitlich habe ich keine nennenswerten Defizite. Allerdings bin ich darauf gefasst, dass das auch anders werden kann. Gesund stirbt keiner – es sei denn, es fällt ihm ein Stein auf den Kopf. Oder er wird überfahren.

Ihre Mutter starb nach einem Schlaganfall. Haben Sie sich einmal untersuchen lassen, ob Sie möglicherweise auch die Veranlagung dazu haben?
Plagt Sie die Angst davor?
Einmal im Jahr mache ich eine General-Untersuchung. Glücklicherweise sind meine Arterien gut, nicht verkalkt. Wenn ich mir so ansehe, was Menschen in meinem Alter alles haben, irgendwelche Herzgeschichten und so – das habe ich alles nicht. Klar, trotzdem ist es natürlich möglich, dass mich auch eines Tages ein Herzschlag oder ein Gehirnschlag ereilt. Aber wenn ich meinem Arzt Glauben schenken darf, habe ich keine besondere Gefährdung, keine Schwachstelle, nichts. Mein Vater hatte extrem hohen Blutdruck und ist daran letzten Endes auch gestorben. Sobald mein Blutdruck höher ist, wird sofort untersucht, ob da nicht irgendwas im Busch ist, bislang ohne Befund.

Sie gehören zu den Großen des internationalen Filmes. Konnten Sie in Ihrer Karriere viele Freundschaften schließen?
Eines der großen Versäumnisse meines Privatlebens ist, Freundschaften nicht gepflegt zu haben. Ich habe es für geradezu selbstverständlich genommen, bei den Dreharbeiten immer wieder Menschen kennenzulernen, die ich mag, die ich sogar an mich binden wollte. Aber nach der großen Intimität während des Drehs war ich am Ende dann wieder alleine, ging zum nächsten Film und habe den anderen vielleicht 20, 30 Jahre nicht wiedergesehen.

Bedauern Sie das?
Ich bedaure, dass ich da etwas versäumt habe. Da habe ich Shakespeare nicht ernst genommen, der Polonius zu seinem Sohn sagen lässt, dass man Freunde mit stählernen Banden an sich fesseln soll. Das habe ich leider verpasst.

Haben Sie einen guten Freund?
Ich hatte einen engen Freund in Italien, der depressiv war und sich umgebracht hat – und ich habe das nicht gemerkt. Ich wusste nicht, dass er depressiv war. Das gehört für mich zu dem, was ich mir selber vorwerfe: Wieso hast du das nicht mitgekriegt? Warum hast du dich nicht mehr dafür interessiert? Ich habe ihn leider vielmehr beleidigt, denn ich habe ihm seine Unentschlossenheit und seine Unzuverlässigkeit vorgeworfen. Anstatt zu versuchen, zu verstehen, warum er so ist, weil er depressiv war. Das macht mich betroffen.

Was gehört zu Ihren schlimmsten Erinnerungen?
Ich habe einen Teil meiner Kindheit in einem Waisenhaus verbracht. Dort hatte ich es ziemlich schwer, denn ich wurde von einer dummen, dicken Magd verprügelt – aus reinem Sadismus. Sie hat mich in einem Badezimmer eingesperrt und verdroschen.

Mit welcher Konsequenz für Sie?
Ich wurde aufmüpfig. In dem katholischen Waisenhaus sollten wir die Jungfrau Maria lieben. Ich habe mir diese kitschige Figur oft angesehen und gesagt: „Nein, die liebe ich nicht.“ Und später, während des Bombenkrieges, saß ich im Bunker und habe Witze auf Kosten der Nazis gerissen. Das hatte gar keine politischen Motive. Als Bub mochte ich den Hitler nicht, weil er ein Schreihals war. Meine Aufmüpfigkeit kam wohl auch daher, dass ich als Kind viel gehänselt wurde. In dem Waisenhaus war ich ein bisschen moppelig und gleichzeitig immer gut angezogen – meine Mutter war Näherin und achtete darauf, dass ich gute Kleidung trug. Dadurch war ich irgendwie anders als die anderen Kinder im Heim. Aber ein Schläger war ich nie. Der Böse war ich nur im Film.

Hat Sie Ihre Frau Monique oft zu den Dreharbeiten begleitet?
Nein, nie. Meine Frau hat die Eigenart, dass sie meinen Beruf nicht als etwas Besonderes empfindet. Sie gehört nicht zu jenen Frauen, die eifersüchtig an der Karriere ihrer Männer mitstricken. Sie interessiert sich wenig für meinen Beruf und was ich tue.

Ist das für Sie in Ordnung?
Absolut. Mein Beruf ist in unserer Ehe eher kein Thema. Das hat auch damit zu tun, dass meine Frau Französin ist. Zuerst, als wir nach Saint-Tropez, ihren Geburtsort, kamen, war sie überall bekannt und ich war nur „der Kerl von Monique“. Die Menschen kannten nicht einmal meinen Namen. Für mich ist das völlig in Ordnung. Ich bin zufrieden, wenn mich keiner erkennt und mich niemand anspricht. Ich würde auch nie empört sagen: Kennen Sie mich etwa nicht?

Haben Sie es je bedauert, kein guter Vater Ihrer Tochter Stella gewesen zu sein?
Ich bin leider kein geübter Familienmensch. Ich komme aus einer kleinen Familie ohne große Bindun-
gen und hatte nie das Bedürfnis, das zu ändern. Als ich
seinerzeit in den Verhoeven-Clan einheiratete, war mir das so zuwider, dass ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewährt habe. Ich wollte nicht Teil eines Clans sein. Nach der Scheidung von Lis Verhoeven war ich auch als Vater nicht gefragt. Als meine Tochter Stella klein war, lebte sie bei ihrer Mutter; es gab kein gutes Verhältnis zwischen uns. Erst als Stella erwachsen wurde und wir uns miteinander unterhalten konnten, wurde sie für mich zu einer guten Freundin. Und ich freue mich auch immer, wenn ich meinen fast erwachsenen Enkel sehe. Ich hoffe, ihn noch weiter aufwachsen sehen zu können.
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