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Ausgabe Nr. 35/2020 vom 25.08.2020, Foto: all mauritius
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Riesenschildkröte „Diego“ auf der Pirsch.
"Diego" ist endlich wieder daheim
Die 100 Jahre alte Riesenschildkröte „Diego“ durfte nach einer bedeutenden Mission auf seine Heimatinsel im Galapagos-Archipel vor der Küste Ecuadors (Südamerika) zurückkehren. Er hatte den Auftrag, sich so oft wie möglich fortzupflanzen, um seine Art vor dem Aussterben zu retten – das hat der Sexprotz geschafft.
In den 1960er Jahren lebten nur noch zwei Männchen und zwölf Weibchen in ihrer ursprünglichen Heimat auf der Galapagos-Insel Española vor Ecuador. Zu Tausenden hatten Seefahrer die Riesenschildkröten geschlachtet oder als lebenden Proviant auf ihre Schiffe verfrachtet. Die Riesenschildkröte „Diego“ hatte hingegen im Zoo von San Diego (USA) gelebt, wohin er im Zuge einer Expedition um 1940 gebracht worden war.

Im Jahr 1976 wurde „Diego“ dann wieder in die Nähe seiner alten Heimat – der Galapagos-Insel Santa Cruz – gebracht, um an einem Aufzuchtprogramm teilzunehmen. „Dort lebte er sich gut ein und reproduzierte sich mannigfaltig mit den wenigen Weibchen, die sich mit ihm ein Gehege teilten“, berichtet Washington Tapia vom Galapagos-Nationalpark. „Diego“ wiegt rund 80 Kilo, ist um die 90 Zentimeter lang und erreicht, wenn Beine und Hals ordentlich gestreckt sind, stolze eineinhalb Meter Höhe.

Bei diesen Maßen ist die sexuelle Leistung des gemächlichen Gesellen umso beachtlicher und findet auch erst seit zehn Jahren ihre verdiente Wertschätzung. Denn erst seit damals führte der Nationalpark eine Genanalyse unter den Tieren durch. Und die brachte ein erstaunliches Ergebnis zu Tage.

„Der herrische, lendenstarke ‚Diego‘ allein war für 40 Prozent des gesamten Nachwuchses verantwortlich. Von 2.000 Nachkommen seiner Art, die während der vergangenen Jahrzehnte auf Santa Cruz gezüchtet und
nach Española ausgewildert wurden, stammen mehr als 800 von ihm ab“, freut sich Tapia. Mittlerweile ist die Schildkrötenpopulation wieder in einem guten Zustand. „Sie wächst, das ist das Wichtigste“, sagt der Experte.

Je mehr Futter, desto größer
Galapagos-Schildkröten wie „Diego“ gehören zu den größten Schildkröten an Land und werden mehr als 175 Jahre alt. Die Panzerlänge der Männchen liegt bei 95 Zentimeter, die der Weibchen beträgt etwa 80 Zentimeter. „Die Tiere werden jedoch umso größer, je mehr Futter sie finden. So können Riesenschildkröten auch eine Panzerlänge von mehr als 130 Zentimeter und ein Gewicht von bis zu 400 Kilo erreichen“, erklärt der Fachmann. Mit den nach vorne gerichteten Augen können die Reptilien zudem ausgezeichnet sehen. Farben können sie sogar besser unterscheiden als Menschen. Und sie verfügen auch über einen hochentwickelten Geruchssinn. „Wasser können sie bereits aus kilometerweiter Entfernung riechen“, weiß der Experte.

Da Riesenschildkröten Pflanzenfresser sind, haben sie keine Zähne, sondern einen Hornschnabel, mit dem sie ihre Nahrung abrupfen können. „Die Kanten des Schnabels sind scharf, sodass ein Biss auch wehtun kann“, weiß Washington Tapia. Meist sind die Kriechtiere allerdings friedliebend. Ärgerlich werden sie nur, wenn ihnen ein Artgenosse den schattigen Platz streitig macht. Dann kommt es zu Rivalen-Kämpfen. „Hierbei kommt es aber nicht auf die Stärke, sondern auf die Länge an. Denn beim ‚Kampf‘ recken die Männchen ihre Hälse soweit in die Höhe, wie sie können. Wer den längeren hat gewinnt“, sagt Tapia.

„Diego“ ist dafür bekannt, all diese Zweikämpfe zu gewinnen und zeigt nun auch auf seiner Heimatinsel Española noch keinerlei Anzeichen von Altersschwäche. „Er paart sich sogar weiterhin unermüdlich mit seinen Artgenossinnen“, schmunzelt der Schildkrötenexperte.

Extrem langsam, aber ausdauernd
  • Landschildkröten wie die Galapagos-Riesenschildkröte gibt es seit etwa 250 Millionen Jahren. Damit gehören sie zu den ältesten Tierarten der Welt.
  • Ihre Ernährung ist rein vegetarisch und besteht hauptsächlich aus Kakteen, Buschwerk, Gräsern, Kräutern, Beeren und Flechten.
  • Wenn das Nahrungsangebot knapp ist, können die Reptilien mehrere Monate lang ohne Nahrung und Wasser auskommen.
  • Riesenschildkröten sind tagaktiv, verschlafen aber bis zu 16 Stunden. Sie sind zwar extrem langsam, marschieren aber fleißig. Wenn sie es denn wollen. Innerhalb von zwei Tagen können sie 13 Kilometer zurücklegen.
  • Wenn sie sich bedroht fühlen, ziehen sie sich in ihren Panzer zurück und fauchen. Das Geräusch entsteht dadurch, dass Luft aus ihren Lungen entweicht.
  • Im Juni wandern die Galapagos-Riesenschildkröten zum Trinken und Fressen in Gruppen auf einem immer wieder benutzten Trampelpfad in höher gelegene Gebiete mit mehr Nahrung. Dort fressen sie sich einige Tage richtig statt. Anschließend wandern sie zurück.
  • Zwischen Juni und Dezember wandert das Weibchen zur Eiablage in Küstengebiete. Dort gräbt sie ein etwa 25 Zentimeter tiefes Loch. Der Eiablageplatz bestimmt dabei, welches Geschlecht die Jungen haben werden. Bei einer höheren Bodentemperatur schlüpfen hauptsächlich Weibchen, bei einer niedrigeren mehr Männchen.
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