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Ausgabe Nr. 34/2020 vom 18.08.2020, Fotos: AdobeStock(4), Waldviertel Tourismus, Studio Kerschbaum, zVg(2)
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Die grüngelben Kriecherln gibt‘s nur im Waldviertel (NÖ). Infos: www.kriecherl.at.

Der Bio-Kriecherlschnaps von Christian Bisich. 0,35 l Flasche um 16 Euro.
www.streuobstbrand.at.
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Kriecherln sind kugelrund, 1,5 bis 3 Zentimeter groß. Die Haut ist grün, gelb, rot oder blau gefärbt. Das Steinobst schmeckt aromatisch, lässt sich aber schlecht vom Kern lösen.
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Mirabellen sind kugelrund, 3 bis 5 Zentimeter groß. Die Schale ist orange bis rötlich-gelb, oft mit roten Pünktchen. Das Fruchtfleisch ist fest und schmeckt süß bis süß-säuerlich.
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Ringlotten sind rundlich, 3 bis 7 Zentimeter groß. Die Schale ist grün-gelb, rot-orange oder blau gefärbt. Die großen Früchte haben ein grünlich-weißes, süßes Fruchtfleisch.
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Reineclauden sind kugelrund, 3 bis 5 Zentimeter groß. Die Haut ist grün-gelblich bis rötlich schimmernd, das Fruchtfleisch grünlich-weiß. Schlecht Stein lösend.
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Pflaumen sind rund bis oval, 3 bis 6 Zentimeter groß. Die Schale ist glatt, gelb-rötlich über blau bis violett gefärbt. Fruchtfleisch ist weichfleischig. Schlecht Stein lösend.
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Zwetschken sind länglich-eiförmig und verjüngen sich zu den Enden hin, 4 bis 8 Zentimeter lang. Die Schale ist bereift, rötlich-violett, blau bis blau-schwarz gefärbt. Fruchtfleisch ist saftig.
Die gelbe Perle des Waldviertels
Ob Kriecherl, Ringlotte, Reineclaude, Mirabelle oder Zwetschke – die große Familie der Pflaumen beschert uns im Sommer reiche Ernte. Doch während in vielen Regionen unseres Landes die „Kriecherln“ blau sind, wächst im Waldviertel (NÖ) eine grüngelbe Variante, eine genetische Sonderform.
Der Spätsommer ist da und die Kriecherln reifen. Die süßen gelben Aromakugeln sind gefragter denn je. Denn seit es die „Waldviertler (NÖ) Hochland Kriecherln“ gibt, besteht ein wahres „Griss“ um diese Steinfrucht. Viele heimische Landwirte haben bereits die Wiese um ihre Obstbäume herum gemäht und bereiten die Ernte vor. Schließlich erstreckt sich je nach Witterung, Standort und Typ die Reife der Kriecherln von Mitte August bis Mitte September.

„Die Früchte schmecken am besten, wenn sie von selbst vom Baum fallen. Unsere Kriecherln werden also nicht geschüttelt und nicht gepflückt. Nur so können wir gewährleisten, dass ausschließlich vollreife Früchte zur Weiterverarbeitung verwendet werden“, erklärt Christian Bisich, Obmann des Vereines „GenussRegion Waldviertler Kriecherl“.
Was allerdings zur Folge hat, dass die etwa kirschengroßen Früchtchen fast täglich geerntet werden müssen.
„Das macht die Arbeit aufwendig und mühsam“, weiß der Obmann. Doch die Plagerei lohnt sich – nicht nur geschmacklich.

Alle Vertreter der Kriecherln sind reich an Kalium, Kalzium, Eisen, Vitaminen und verdauungsfördernden Ballaststoffen. Da sich der Kern jedoch schwer vom Fruchtfleisch löst, ist zu empfehlen, die Früchte nach dem Waschen mit etwas Wasser kurz aufzukochen und sie danach durch ein grobes Sieb zu reiben. Die so gewonnene Flüssigkeit lässt sich gut zu Saft, Sirup oder Gelee, das Fruchtfleisch zu Marmelade oder Kompott weiterverarbeiten.

In unseren Breiten gibt es die Kriecherln bereits seit 6.000 Jahren. „Es ist auch die einzige Obstart, die bei uns entstanden ist. Alle anderen Früchte sind irgendwann eingewandert oder importiert worden“, erklärt Bisich, der selbst eine Streuobstwiese sein Eigen nennt und leidenschaftlich Kriecherlschnaps brennt. „Der Edelbrand hat ein herrliches Aroma, frisch, blumig, mit einem Hauch von Zitrone“, erklärt der Experte. Schließlich ist die Waldviertler Kriecherlvariante eine weltweite genetische Sonderform. „Ihr fehlt die sonst übliche blaue Farbe. Unser Kriecherl ist sozusagen ein Albino. In dieser Formenvielfalt gibt es sie nur im Waldviertel“, schwärmt der Bio-Schnapsbrenner.

Wissenschaftler vermuten, dass diese Kriecherlvariante wegen des Fehlens des Farbstoffes in der Lage war, die kürzere Vegetationszeit in den Höhenlagen des Waldviertels besser zu nützen. „Sie wurden über 600 Höhenmeter einfach reifer und schmecken weniger säuerlich als die Blauen. Unsere Vorfahren erkannten dies und gaben der grün-gelben Variante den Vorzug. Waldviertler Kriecherln sind dementsprechend auch äußerst frostfest“, meint Bisich. Und noch eine Eigenheit zeichnet dieses unauffällige Gehölz – das wildwachsend meist in verwilderten Gärten oder am Wegrand zu finden ist – aus.

„Das Kriecherl ist eine selbstfruchtbare Wildobstart und braucht demnach zur Vermehrung nicht veredelt werden. Es genügt, einen Kern anzubauen. Er ist genetisch stabil. Das bedeutet, der Jungbaum hat bis auf kleine Abweichungen dieselben Eigenschaften des Mutterbaumes“, erklärt der Fachmann.

Die Bäume gehören zu den kleinwüchsigen und kurzlebigen Arten. Während Apfelbäume nach 120 Standjahren noch immer wirtschaftlich relevante Mengen liefern können, sind Kriecherlbäume schon mit 50 Jahren vergreiste Altbäume. Sie sterben jedoch nicht ab, sondern entwickeln bei zurückgehender Vitalität Jungtriebe aus dem Wurzelsystem. „Dieses Phänomen wird ‚Wurzelbrut‘ genannt“, erklärt der Obmann. Über das Ausstechen eben dieser „Wurzelbrut“ passierte auch seit Jahrhunderten die Vermehrung der Kriecherln. Doch leider werden heutzutage solche Obstbaumsorten nur selten neu gepflanzt, obwohl sie einen großen Wert für die heimische Kulturlandschaft darstellen. „Wir werden das Kriecherl aber wieder verstärkt zum Erblühen bringen und dieser gelben Perle neuen Glanz verleihen“, verspricht Bisich.
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