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Ausgabe Nr. 34/2020 vom 18.08.2020, Fotos: Andi Bruckner (5), picturedesk.com
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Unsere Müllberge wachsen.
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In der Recycling-Anlage „Pet to Pet“ in Müllendorf (Bgld.) werden Getränke-flaschen (PET) wiederverwertet.
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In einer Mühle werden PET-Getränkeflaschen zu „Flocken“ zerkleinert.
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Aus den „Flocken“ wird Granulat.
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Später entstehen „Vorformen“, die zu neuen Flaschen gestreckt werden.
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Wiens Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) setzt sich für eine einfache und effiziente Mülltrennung ein.
Wie stoppen wir die Plastikflut
Plastikmüll ist ein Problem. Weil es immer mehr davon gibt, will die Europäische Union ab dem nächsten Jahr eine Steuer darauf einheben. Das wird für uns teuer, weil wir innerhalb der EU zu den Plastik-Sündern gehören. Zu gering ist der Anteil an wiederverwertetem Plastik. Lösungen, die Umwelt zu entlasten gibt es, doch sie stecken noch in den Kinderschuhen.
Wenn wir einkaufen, fällt eine Menge Plastikmüll an. Im Jahr sind es 34 Kilo von jedem Bewohner unseres Landes. Das macht 300.000 Tonnen insgesamt. Das ist ein riesiger Berg, der dem Gewicht von einer Viertelmillion Autos der Marke VW Golf entspricht. Das ist schon schlimm, verheerend jedoch ist, dass nur ein geringer Anteil davon wiederverwertet, also recycelt wird.

Nur rund ein Drittel (33 Prozent) aller Kunststoffverpackungen werden hierzulande wiederverwertet, deutlich weniger als im europäischen Schnitt (42 %). Litauen schafft 74 Prozent, als größter Plastiksünder gilt Malta, auf der Mittelmeerinsel werden nur 19 Prozent des Plastik-Abfalles in den Konsumprozess zurückgeführt. „Das geht auf Kosten der Umwelt und kommt uns jetzt alle teuer zu stehen“, ist die Plastikexpertin der Umweltorganisation Greenpeace, Lisa Panhuber, überzeugt.

Denn ab 2021 hebt die Europäische Union für jedes Kilo der nicht wiederverwerteten Kunststoffverpackungen eine Plastiksteuer von 80 Cent ein. EU-weit soll das Einnahmen von 5,7 Milliarden Euro bringen. Wir müssen in unserem Land mit gut 160 Millionen Euro rechnen.

Große regionale Unterschiede beim Mülltrennen
Diese Kosten werden letztlich die Konsumenten tragen, sind Experten überzeugt. Die Wiederverwertung rückt daher immer mehr in den Mittelpunkt. Der Weg des Plastiks zurück zum Konsumenten ist jedoch mühevoll, weil die Abfallentsorgung hierzulande Gemeindesache ist. Deshalb gibt es vom Burgenland bis Vorarlberg große Unterschiede beim Mülltrennen.

Während es in vielen Bundesländern gelbe Säcke für den Plastikmüll gibt, steht in Städten wie Linz (OÖ) oder Klagenfurt (K) teils auch eine gelbe Tonne für Plastikmüll zur Verfügung. Ebenso in Wien, wie Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) erklärt. „Plastikflaschen, sowohl von Getränken als auch etwa von Waschmitteln, werden gesammelt und wiederverwertet. Sie kommen in die gelbe Tonne, das sind die mit den zwei Bullaugen, auch ‚Kermits‘ genannt.“ Auch Dosen und Getränkekartons wandern in die gelbe Tonne. „Um Platz zu sparen, sollten die Flaschen und Kartons flachgedrückt werden“, rät Sima.

Andere Plastiksorten wie Joghurtbecher oder kleinteilige Folien werden extra sortiert. „Sie landen im Restmüll. Aus ihnen wird in den Verbrennungsanlagen Fernwärme und Strom.“

Die gesammelten Flaschen werden in große Ballen gepresst und Verwertern übergeben, wie der Firma „Pet to Pet“ in Müllendorf im Burgenland. „Jährlich werden bei uns 26.000 Tonnen Getränkeflaschen wiederverwertet, das entspricht rund einer Milliarde Flaschen“, erklärt der „Pet to Pet“-Geschäftsführer Christian Strasser. Die Flaschen werden aus dem ganzen Land angeliefert, vorwiegend aber aus den östlichen Bundesländern, werden automatisch je nach Qualität sortiert und von den Mitarbeitern begutachtet. „Alles Plastik, was keine Getränkeflasche ist, sowie Fremdstoffe werden händisch aussortiert.“ Jene Flaschen, die in den weiteren Recyclingprozess kommen, sind zu einem hohen Anteil wiederverwertbar. Nur ein geringer Prozentanteil geht durch die abgenommenen Verschlüsse und Etiketten sowie beim Recycling selbst verloren. Nicht brauchbare Stoffe werden von anderen Firmen zu minderwertigen Materialien verarbeitet.

Erst wenn sich nur noch Getränke-Flaschen aus PET (Polyethylenterephthalat) im Prozess befinden, werden sie in einer Mühle zu kleinen Flocken zermahlen, gewaschen und getrocknet.

Bei rund 280 Grad werden dann diese kleinen Plastikteilchen gefiltert, durch eine Düsenplatte gepresst, kugelig geschnitten und unter Wasser gekühlt. „Das so entstandene Granulat wird kristallisiert, tiefengereinigt und entspricht somit bereits den höchsten Lebensmittelstandards“, sagt Strasser.

„Aus dem Granulat werden wieder neue Getränkeflaschen hergestellt“, erklärt der Sprecher der auf Kunststoffverpackungen spezialisierten Firma Alpla, Werner Sommer. Diese Flaschen landen erneut im Handel und der Recyclingprozess ist abgeschlossen. Allerdings kritisieren Experten, dass dieser Anteil noch viel zu gering sei. Auch die Europäische Union fordert eine wesentlich höhere Wiederverwertbarkeit. Bis zum Jahr 2025 sollen einer Verordnung zufolge fast 80 Prozent aller Einweg-Plastikflaschen gesammelt und recycelt werden.

Das wiederverwertbare Material PET wird in verschiedenen Bereichen gebraucht. Zur Hälfte werden daraus Fasern für die Textil-Industrie hergestellt, ein Teil wird zu Folien verarbeitet und nur ein Viertel findet sich als Zusatzstoff in neuen PET-Getränkeflaschen wieder. Diese Flaschen bestehen meist zu 30 bis 40 Prozent aus recyceltem Material, die Entwicklung schreitet jedoch rasant voran. Die Firma Vöslauer, Marktführer bei heimischem Mineralwasser, verwendet bereits Plastikflaschen, die zu 100 Prozent aus recyceltem Material bestehen.

Für den „Pet to Pet“-Geschäftsführer Strasser dient die Wiederverwertung des Plastikmülles nicht nur der Abfallbeseitigung, sie hat noch einen weiteren Vorteil. „Beim Recyceln von Flaschen entsteht nur rund ein Fünftel des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes bei neu produzierten Flaschen. In Zahlen sind das 3.300 Kilo CO2 pro Tonne neu produzierter Plastikflaschen im Gegensatz zu 700 Kilo CO2 bei recycelten Flaschen.“

Die Greenpeace-Expertin Lisa Panhuber ist jedoch überzeugt: „Am besten ist, Müll gar nicht erst entstehen zu lassen. Wenn wir die 1.500 Millionen Plastikflaschen, die bei uns jährlich anfallen, durch Mehrweg-Pfandflaschen ersetzen, bedeutet das 45.000 Tonnen weniger Plastik.“

In dieser Hinsicht gilt etwa die Supermarktkette Spar als Vorreiter, weil bei rund 40 Prozent des Obst- und Gemüseangebotes gänzlich auf Plastikverpackung verzichtet wird. Zudem werden verstärkt Getränke in Mehrweg-Flaschen angeboten.

Für Panhuber steht fest, dass Mehrwegsysteme deutlich umweltfreundlicher sind als die Neuproduktion von Flaschen. „Mehrweg-Glasflaschen zum Beispiel werden bis zu 50 Mal wiederbefüllt, Mehrweg-Plastik-Flaschen bis zu 20 Mal.“

Recycling löst das Problem der Ressourcenverschwendung hingegen nicht. „Es werden immer noch zu wenige Plastikflaschen wiederverwertet. Und wenn Flaschen recycelt werden, benötigt es im Schnitt 1,4 alte Flaschen für eine neue.“

Doch es kommt noch ein wesentlicher Aspekt hinzu. Für die Expertin sind Plastikflaschen gesundheitlich bedenklich. „PET-Flaschen sollen nicht lange in der Sonne stehen, denn durch Hitze und UV-Strahlung lösen sich Stoffe aus dem Kunststoff. Es ist bereits erforscht, dass Mikroplastik, das sind Plastikteilchen mit einer Größe unter fünf Millimetern, wie ein Schadstoffmagnet wirkt. Somit gelangen auch Schadstoffe in die Nahrungskette.“

Das meiste Mikroplastik, das in der Umwelt vorkommt, stammt laut Panhuber jedoch vom Reifenabrieb von Autos und Lastwagen. Auch wenn es um „Grünes Plastik“, also um wiederverwertbares, kompostierbares Plastik handelt, mahnt die Umweltexpertin zur Vorsicht. „Die meisten biologisch abbaubaren Kunststoffe sind nur in der industriellen Kompostierung abbaubar. Wird das Bioplastik achtlos weggeworfen, verbleibt es in der Umwelt und stellt eine Bedrohung für Tiere dar.“

Plastik vermeiden heißt, die Umwelt zu retten. Der Konsumzwang weltweit lässt allerdings daran zweifeln, dass dies gelingt. Amerikanischen Forschern zufolge wird bis zum Jahr 2050 Kunststoff in rauen Mengen hergestellt. Dadurch soll sich der Berg an Plastikmüll von derzeit 6.300 Millionen Tonnen auf 12.000 Millionen Tonnen sogar noch verdoppeln.

So groß ist weltweit der Plastikhaufen
  • 8.300 Millionen Tonnen Plastik wurden laut amerikanischen Forschern bis 2015 weltweit hergestellt.
  • Damit kann anstelle des glasklaren Wassers 10 Mal der Wörthersee (k) mit geschmolzenem Plastik gefüllt werden.
  • Weniger als ein Zehntel der Menge wurde wiederververwertet.
  • 12 Prozent verbrannt.
  • Der Großteil liegt auf Deponien oder ist verstreut in der Umwelt.
  • EU-weit beträgt die Recycling-Quote 42 Prozent.
  • In unserem Land 33 Prozent.
  • Jährlich landen etwa acht Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen.
  • Das ist so, als würde jede Minute ein mit Plastik gefüllter Mistwagen ins Meer entleert.
  • 7 von 10 PET-Getränkeflaschen werden von uns im Plastikmüll entsorgt.
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