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Ausgabe Nr. 31/2020 vom 28.07.2020, Fotos: AdobeStock, Humanomed
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Spätfolgen für die Lunge nach einer
schweren Covid-19-Erkrankung
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Prim. Dr. Michael Muntean
Reha für die kranke Lunge
Unter Ärzten ist es mittlerweile unbestritten, dass die durch das SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19 ernstzunehmen ist. Ob es zu Spätfolgen kommt, wenn die Lunge an dem Virus erkrankt war, können Lungenfachärzte dagegen nicht mit Bestimmtheit sagen. Beobachtungen an wieder Genesenen bringen jedoch erste Erkenntnisse.
Mehr als zwanzigtausend Menschen in unserem Land bekamen bisher die Bestätigung, sich mit dem neuen Erreger SARS-CoV-2 angesteckt zu haben. Rund achtzehntausend Patienten gelten als genesen, doch die Zahl der Infizierten steigt seit Wochen wieder beständig an. Mehr als einhundert Corona-Erkrankte müssen derzeit im Spital behandelt werden, 17 kämpfen auf der Intensivstation um ihr Leben.
Ob und wie sich Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung auswirken, wird derzeit weltweit erforscht. Sicher ist, wer eine Covid-19-Erkrankung überstanden hat, kann auch nach seiner Genesung mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. „Soweit wir das bis jetzt beobachten können, betrifft dies vor allem Patienten mit einem schweren Verlauf der Corona-Erkrankung. Betroffen sind vor allem Patienten, die stationär im Spital behandelt wurden oder auf der Intensivstation lagen. Sie leiden, neben der allgemeinen Schwäche aufgrund der krankheitsbedingten Bettlägrigkeit, zum Beispiel an Husten, Verschleimung der Atemwege, Kurzatmigkeit oder einer verminderten Lungenfunktion auch nach der Erkrankung“, erklärt Prim. Dr. Michael Muntean, Facharzt für Lungenkrankheiten und ärztlicher Leiter der Lungen-Rehabilitation im Humanomed Zentrum Althofen (K).

Manche Lungenschäden bleiben
Überrascht zeigten sich Ärzte von Lungen-Veränderungen bei Patienten, die nur einen mittelschweren Krankheitsverlauf durchmachen mussten. „Es handelt sich hier um Patienten, die zwar an eindeutigen Symptome wie Husten, Schwäche und Fieber litten, die aber die Krankheit zu Hause auskurieren konnten. Einige dieser Patienten zeigen auch nach der Genesung Veränderungen im Lungengewebe. Zwar eindeutig weniger in Größe und Umfang als während der akuten Erkrankung, aber dennoch erkennbar.
Zum derzeitigen Zeitpunkt ist es nicht möglich zu sagen, ob diese Veränderungen letztendlich verschwinden werden oder nicht. Das wird uns erst die Zeit zeigen, denn zu Covid-19 gibt es keine Langzeiterfahrungswerte“, erklärt Dr. Muntean.
Ähnliches beobachtete Oberarzt Dr. Frank Hartig von der Universitätsklinik Innsbruck (T) bei Patienten. Unter ihnen sechs Taucher, die nicht stationär behandelt werden mussten. Sie alle waren keine schweren Fälle, kurierten die Krankheit zu Hause aus. Doch ihre Lungen-CTs nach der Genesung schockierten den Mediziner. „Sie haben Schäden an der Lunge. Wir wissen nicht, wie viel von den Veränderungen dauerhaft bleiben werden“, sagt der Mediziner, der an einer völligen Ausheilung zweifelt. Die Patienten kämpfen mit einer verminderten Leistungsfähigkeit, einer Sauerstoff-Unterversorgung bei Belastung und einer Erregbarkeit der Bronchien wie bei Asthmatikern.
Die Angst, eine künstliche Beatmung im Spital könne der Lunge Schaden zufügen, nimmt Dr. Muntean. „Die künstliche Beatmung wird nur eingesetzt, wo sie notwendig ist und nur so lange sie der Patient tatsächlich braucht. In dem Moment, wo die Entscheidung für eine künstliche Beatmung fällt, rettet sie das Leben.“

Die Mehrheit der Patienten hat wenig Grund zur Sorge
Eine vorläufige Entwarnung gibt es jedoch für den Großteil der Corona-Infizierten. All jene Patienten, die zwar mit SARS-CoV-2 infiziert wurden, aber keine oder nur milde Symptome zeigten. „Es sieht zur Zeit so aus, als würden diese Patienten keine Spätfolgen an der Lunge haben. Wir müssen aber dazusagen, dass bei Patienten mit milden Verläufen keine Lungen-Röntgen oder Computertomographien der Lunge gemacht werden, weil bei ihnen aufgrund des leichten Verlaufes kein unmittelbarer Anlass dazu besteht. Endgültige Sicherheit werden wir in diesen Fällen aber erst haben, wenn wissenschaftlich gesicherte Studien dies belegen“, sagt Dr. Muntean.

Die Lungenfunktion muss bei manchen therapeutisch gebessert werden
Während sich der Forschungsstand zu den Spätfolgen der Corona-Infektion stetig weiterentwickelt, raten Lungenfachärzte Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen zur Lungenrehabilitation. Darunter Dr. Stefan Kaltenegger vom OptimaMed Rehabilitationszentrum Raxblick in Niederösterreich.
„Was in der öffentlichen Diskussion wenig beleuchtet wurde, ist die oftmals notwendige Folgebehandlung nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung in Form von Rehabilitation. Ziele sind die Verbesserung der Atemfunktion und des Lungenvolumens, der allgemeinen Leistungsfähigkeit und des Wohlbefindens. Ein Schwerpunkt des Rehabilitationsangebotes liegt auf pulmologischen Behandlungen und Atemmuskelkräftigungstherapien sowie ein Training der Atemhilfsmuskulatur. Außerdem werden Herz-Kreislauf- sowie Aufbau- und Kräftigungstrainings, bei Bedarf auch sauerstoffgestützt, durchgeführt. Weiters werden die Mobilität und Haltung im Bereich der Brustwirbelsäule verbessert.“ Ein Angebot, das vor allem für Patienten, die einen schweren Covid-19-Verlauf durchlitten haben, wichtig sein kann.
Für die Ärzteschaft sind noch viele Fragen rund um die neue Corona-Erkrankung offen. Doch eines wissen sie schon jetzt. Im Falle von Covid-19 heißt es für Patienten, „genesen“ bedeutet nicht immer auch „geheilt“.
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