Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 30/2020 vom 21.07.2020, Fotos: AdobeStock, picturedesk.com
Artikel-Bild
Univ.Prof. Dr. Franz Allerberger von der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) ist auch Mitglied im Corona-Beraterstab des Gesundheitsministeriums.
Kein Covid-Fall durch Fleisch
Nach Schlachthöfen in Oberösterreich gibt es auch in einem niederösterreichischen Schlachtbetrieb Corona-Infektionen. Vor einer Ansteckung durch Fleisch- oder Wurstwaren müssen wir uns aber nicht fürchten, beruhigt Univ.Prof. Dr. Franz Allerberger von der AGES.
Herr Prof. Allerberger, warum kommt es in Schlachthöfen zu einer Häufung von Corona-Fällen?
Wir haben von den Ausbrüchen in amerikanischen Schlachthöfen und bei Tönnies in Deutschland gelernt, dass hier etwas geschehen kann, das eine große Anzahl an Mitarbeitern betrifft. Deshalb haben wir gezielt hingeschaut und machen Vorsorge-Untersuchungen. Es ist klar, dass dann etwas gefunden wird. Und es ist durchaus möglich, dass es eben nicht nur die prekären Arbeitsverhältnisse sind, die das Problem verursachen, sondern möglicherweise auch die Schlachthausumgebung.

Das bedeutet …
In einem Fleischzerlegebetrieb darf die Temperatur höchstens zwölf Grad Celsius betragen. Wie weit diese winterlichen Temperaturen die Ursache sind, das ist aber noch nicht so eindeutig, wie es manche glauben. Es dürften mehrere Faktoren sein. Die Arbeit ist körperlich fordernd, sie wird in vielen Fällen von Personen gemacht, die aus Regionen anreisen, in denen das Lohnniveau niedriger ist. Ob die Ansteckung grundsätzlich im Betrieb passiert, in den engen Wohnverhältnissen oder bei der An- und Abreise, das werden wir erst sehen.

Spielt auch der Lärm eine Rolle?
Viele Personen arbeiten am Fließband, der Hintergrundlärm ist oft sehr hoch. Wenn sich die Menschen unterhalten wollen, dann müssen sie schreien. Es ist ein Unterschied, ob ich mich normal unterhalte, wo bei einem Abstand von einem Meter praktisch gar nichts passiert, oder ob ich laut schreie. Wobei wir bei den Untersuchungen auch Schlachtbetriebe mit keinem einzigen positiven Corona-Test haben.

Müssen sich die Menschen jetzt Sorgen um Corona machen, wenn Sie Fleisch kaufen?
Das stellt keinen Infektionsweg dar. Das neue Corona-Virus ist so empfindlich auf Umwelteinflüsse, dass das kein Infektionsrisiko bedeutet. Mittlerweile kennen wir das neue Virus ein halbes Jahr und Lebensmittel, egal ob das jetzt das Lebensmittel selber ist oder die Verpackung, haben keine Relevanz für Übertragungen. Die Europäische Seuchenbehörde sagt, es gibt bislang keinen einzigen belegten Erkrankungsfall durch mit SARS-CoV-2-Viren belastete Gegenstände. Das ist eine gute Nachricht.

Der hauptsächliche Übertragungsweg sind Tröpfchen?
Ja, aber wir wissen nicht, ob nicht auch Aerosole in Frage kommen. Aerosole würde heißen, dass Sie sich nicht bei jemandem anstecken, weil sie mit ihm eine Viertelstunde lang geredet haben mit einem Abstand von weniger als einem Meter, sondern dass sie einen Raum betreten, in dem vorher ein Virus-Ausscheider war. Wir haben bislang keinen Beleg dafür, aber ich würde das nicht grundsätzlich ausschließen. Sicher ist der Übertragungsweg durch den direkten Kontakt. Abstand halten ist das Allheilmittel und wenn das nicht geht, etwa in der U-Bahn, dann eine Maske nehmen.

Was halten Sie von einer Maskenpflicht im Handel?
Wir haben 2.000 Mitarbeiter im Lebensmittelhandel getestet und nichts gefunden. Die Masken sind spät eingeführt worden, zu einem Zeitpunkt, als das Personal schon
Wochen dem Virus ausgesetzt war und trotzdem hatten wir kein Problem. Für uns ist das Risiko überschaubar, weil die Untersuchung beim Personal keine Erkrankung gezeigt hat und wir auch keinen einzigen Erkrankungsfall aus dem Supermarkt belegen können. Wenn ich nicht belegen kann, dass es etwas bringt, warum will ich dann das Personal zwingen, den ganzen Tag lang einen Mundschutz zu tragen? Das ist immer eine Abwägung. Meine Erfahrung ist, dass es im Supermarkt durchaus möglich ist, Abstand zu halten. Aber meine Frau war glücklich, als die Pflicht seinerzeit eingeführt wurde, weil sie der festen Überzeugung war, dass es ihr Sicherheit bringt. Was das Sicherheitsgefühl betrifft, das soll ein Politiker entscheiden, nicht der Fachexperte. Aus unserer Sicht gibt es keinen Handlungsbedarf.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung