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Ausgabe Nr. 30/2020 vom 21.07.2020, Fotos: AdobeStock, zVg, Thomas Hude
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Wir werden von unseren Naturparadiesen ausgesperrt
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Wollen mehr Seezugang fürs Volk. Walter Polesnik (li.) und Gerhard Godescha
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Wenig Platz fürs Baden gibt es am Wörthersee. Wie hier in Reifnitz und in der Teixlbucht
Mühsamer See-Zugang
fürs Volk
Dicht verbaut und für die Bevölkerung kaum noch zugänglich. Immer mehr Seeufer in unserem Land sind im Privatbesitz. Die Abkühlung im Sommer, die freie Nutzung unserer Naturgüter, ist fast nicht mehr möglich. Dagegen regt sich Widerstand.
Die Seen gehören uns allen.“ Davon sind Walter Polesnik, 71, und Gerhard Godescha, 45, überzeugt. Deshalb gingen die beiden seit 2017 auf Unterschriften-Fang für ihr Kärntner Seenvolksbegehren. „In den vergangenen Jahren hat die Verbauung der Seeufer drastisch zugenommen. Es gibt kaum noch freie Seezugänge, also ohne Eintritt zahlen zu müssen. Am Wörthersee (K) sind nur noch neun Prozent des Ufers für die Öffentlichkeit zugänglich. Besonders dramatisch ist es am Ossiacher See, da sind es lediglich sieben Prozent. Weil die Politik nichts unternahm, mussten wir handeln“, sagt Godescha.

Nun konnten sich die beiden über ein gutes Ergebnis freuen. Mehr als 4.100 Menschen unterschrieben innerhalb der letzten Sammelwoche das Volksbegehren. Insgesamt haben 11.717 Menschen unterschrieben. Sie alle stellen sich hinter die Forderungen der beiden Initiatoren. „Uns geht es darum, die letzten öffentlichen Seegrundstücke im Besitz der Allgemeinheit zu behalten, gesichert mit einem absoluten Verkaufsverbot. Weitere Forderungen sind ein Neu-Bebauungsverbot sowie ein Fonds, um Seegrundstücke für die Allgemeinheit anzukaufen. Dafür soll die Motorbootabgabe zweckgewidmet werden. Mit Ausnahme von Schutzgebieten soll der freie Zutritt zu den öffentlichen Flächen für die Bevölkerung gewährleistet werden“, fasst Polesnik die Forderungen zusammen.

Im Kärntner Landtag, voraussichtlich im September,
soll ihr Anliegen endlich besprochen werden.
„Schließlich fühlen sich die Bürger verhöhnt, wenn sich Politiker künstlich inszenieren und behaupten, sie würden freie Seezugänge schaffen. Dabei sind das Miniatur-Grundstücke, die es schon immer gegeben hat“, meint Godescha.

Freien, ungestörten Blick auf den See genießen können dagegen die Reichen. Die Milliardenerbin Ingrid Flick etwa, die ein luxuriöses Anwesen in Schiefling/Auen bewohnt. Makler schätzen den Wert ihres Besitzes auf etwa 22 Millionen Euro. Auch die Milliardärin Heidi Horten, 79, lebt mit 30 Bediensteten in einer streng
bewachten, korallenroten, schlossähnlichen Villa auf einem 12.000 Quadratmeter großen Ufergrundstück.

Dagegen erklärt Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ), dass seit 2016 auf Initiative der Landesregierung öffentliche Zugänge zu Kärntens Seen geschaffen würden. Ihm zufolge wurden etwa am Wörthersee sieben freie Zugänge eröffnet. „Dort, wo es möglich ist, wollen wir auch weiterhin dafür sorgen, dass alle Kärntnerinnen und Kärntner und unsere Gäste die Möglichkeit bekommen, einen schnellen Sprung ins kühle Nass unserer wunderbaren Seen genießen zu können“, erklärt Kaiser auf der Internet-Seite des Landes Kärnten. Für den Wörthersee, den größten See Kärntens, ist dort etwa angegeben, dass bisher folgende freie Zugänge geschaffen wurden: Bad Saag, Auen, Kapuzinerinsel, vor Reifnitz, Schamandra, Teixlbucht und Velden/Augsdorf.

Die WOCHE-Leserin Antina Wornig hat die „freien“ Seezugänge am Wörthersee vor Reifnitz und in der Teixlbucht getestet und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. „Der Erholungsfaktor ist bei beiden Seezugängen nicht gegeben. Vor Reifnitz muss ich mit dem Auto an der Straße parken. Es gibt keine Liegefläche, wo ich ein Handtuch ausbreiten könnte. Über eine Böschung muss ich dann über ein Wurzelwerk ungefähr drei Meter hinunterklettern, um ans Wasser zu kommen. Zusätzlich ist es dort ziemlich schlammig. Im Wasser sind spitze Steine. Das Tragen von Badesandalen ist empfehlenswert. Mit meinen beiden Kindern, Julian, 8, und Emily, 5, würde ich dort aber nicht baden gehen. Auch in der Teixlbucht ist wenig Platz neben der Straße. Schlammig ist es hier zwar nicht, aber der Zugang zum See ist ebenfalls steinig“, sagt die 28jährige Angestellte aus Klagenfurt (K).

Über solcherart „freie“ Seezugänge in Kärnten zeigt sich der oberösterreichische SPÖ-Abgeordnete Michael Seemayer verwundert. „Nur einen Sprung in den See zu machen, ist, wie sich waschen zu gehen. Ein freier Seezugang bedeutet für mich einen Erholungswert zu haben, wo ich auf jeden Fall ein Handtuch hinlegen und für eine Zeit am See verweilen kann“, sagt Seemayer, der ebenfalls einen dringenden Handlungsbedarf bei öffentlichen Zugängen zu den Seen sieht. „Unsere naturbelassenen Seen und Flüsse sind wichtig für die Erholung der heimischen Bevölkerung und für den Tourismus. Trotzdem werden die öffentlichen Seezugänge nach wie vor eingeschränkt und verknappt. Auch bei uns in Oberösterreich. Die Uferflächen am Attersee etwa sind zu 76 Prozent in Privatbesitz.“ Mit 51 Prozent sind auch mehr als die Hälfte der Uferlänge des Wolfgangsees in privater Hand. Weitere 34 Prozent sind naturbelassene und unzugängliche Seeufer. Bloß 15 Prozent der Uferfläche stehen für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Der Mondsee hat mit nur acht Prozent eine besonders geringe öffentliche Uferfläche, 38 Prozent sind der Natur vorbehalten, 54 Prozent der Uferfläche sind in Privatbesitz, wie übrigens auch der See selbst. Der Mondsee ist im Besitz von Nicolette Waechter, die den See (geschätzter Wert: 16 Millionen Euro) im Jahr 1977 von ihrem verstorbenen jüngeren Bruder geerbt hat.

Seemayer fordert ein Umdenken, auch bei den Österreichischen Bundesforsten. „Sie sind im Besitz vieler Seezugänge, die sie an Private vermieten oder verpachten. Es muss geprüft und überlegt werden, solche Pachtverträge künftig auslaufen zu lassen, damit diese Flächen dann wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden können.“

Auch Bauprojekte, die den öffentlichen Seezugang zusätzlich einschränken, stören Seemayer schon lange. Als Beispiel nennt der SPÖ-Abgeordnete ein Vorhaben der Österreichischen Bundesforste auf dem Grundstück des Bades Weyregg am Attersee. „Ein Teil des Seezuganges wurde aufgrund von Baumängeln für die Öffentlichkeit gesperrt, für die private Nutzung von neuen Mietern zweier Luxuswohnungen dann aber saniert. Was fürs Volk zu teuer war, konnten sich die Betreiber für die Mieter also doch locker leisten. Oft entsteht der Eindruck, dass sich die Wenigen, die es sich leisten können, erste Reihe fußfrei den Seezugang sichern. Während der Normalbürger in die zweite Reihe verdrängt wird. Das empfinde ich als höchst problematisch.“

Dass gerade in der Corona-Zeit freie Seezugänge wichtig sind, davon ist auch Paul Stich, Vorsitzender der Sozialistischen Jugend (SJ) überzeugt. „Durch die notwendigen Abstandsregelungen finden in den öffentlichen Seebädern noch weniger Menschen Platz. Damit es in und vor den Bädern zu keiner erhöhten Gefahr von Ansteckungen kommt, muss mehr Raum zur Verfügung gestellt werden. Wir brauchen in diesem Bereich eine Trendwende. Weniger private Seeufer für Superreiche. Mehr für die Bevölkerung“, meint Stich, der vorschlägt, dass an unseren Seen ein zehn Meter breiter Streifen am Seeufer frei zugänglich gemacht werden muss.

Eine derartige Regelung kommt bereits in Vorarlberg am Bodensee zur Anwendung. Dort ist eine Bebauung des Seeufers seit 1950 verboten. Die dem Ufer am nächsten stehenden Wohnungen dürfen erst in einem Abstand von 500 Metern errichtet werden. Auch ein Einzäunen des Ufers ist verboten. „Was am Bodensee funktioniert, muss auch im Rest des Landes möglich sein. Das ist eine Frage des Prinzips. Unsere Naturschätze dürfen nicht weiter mit einem Preisschild versehen und verscherbelt werden. Jeder Mensch in diesem Land soll unsere Berge besteigen, in unseren Wäldern wandern oder in unseren Seen schwimmen dürfen. Und zwar unabhängig von der Dicke des eigenen Geldbörsels“, meint Stich.
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