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Ausgabe Nr. 29/2020 vom 14.07.2020, Foto: picturedesk.com
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Kultur-Expertin Barbara Rett
"In der Natur tanke ich Kraft"
Die Kultur-Expertin Barbara Rett, 66, erinnert sich in „Erlebnis Bühne“ (So., 26.7., ORF III) an ihre persönlichen Opern-Höhepunkte bei den Salzburger Festspielen. Hier erzählt sie von „großen Stimmen“, ihrem ersten Operetten-Erlebnis und ihrer Liebe zu dem für sie feinfühligsten aller Tänze.
Frau Rett, wenn Sie auf Ihre ganz persönlichen Opern-Erlebnisse zurückblicken, was kommt Ihnen da spontan in den Sinn?
Was sich am 27. Juli 2002 im Großen Festspielhaus in Salzburg ereignete, habe ich bis heute vor meinen Augen. Da kam eine zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannte Anna Netrebko als „Donna Anna“ in Mozarts „Don Giovanni“ auf die Bühne, eine zarte Person, barfuß in einem Nachthemdchen. Kaum hatte diese junge, zarte Erscheinung ihren Mund aufgetan, schubsten mein Mann und ich uns gleichzeitig am Ellenbogen, schauten uns an und wussten, dass sich da etwas Großartiges anbahnt.

Damals haben wenige den kometenhaften Aufstieg von Netrebko vorausgesehen. Haben Sie ein Gespür für Talente?
Das weiß ich nicht. Aber sicher ist, dass so etwas Unglaubliches immer nur bei den Salzburger Festspielen passiert. Denn ein Jahr später, 2003, habe ich einen ähnlichen unvergesslichen Moment erlebt. Elina Garanca gab ihr Festspiel-Debüt in einer Hosen-Rolle, im grauen, unscheinbaren Anzug mit einer Kurzhaar-Perücke. Nach ihrem Auftritt als „Annio“ in „La Clemenza di Tito“ ging es mit ihrer Karriere rasant bergauf.

Was zeichnet die ganz großen Stimmen aus?
Die unverwechselbare Schönheit und Qualität der Stimme, die der Ausdruck der Seele ist. Die großen Künstler verstehen es, ganz behutsam mit ihrer Karriere umzugehen. Sie wissen um die Kostbarkeit ihrer hauchdünnen Stimmlippen Bescheid.

Sind Sie mit der Künstler-Welt auf Du und Du?
Für mich sind das alles sehr gute berufliche Beziehungen, Begegnungen des Respekts und der Wertschätzung. Bis heute handhabe ich es so, Berufliches von Privatem vollkommen zu trennen. Das ist für mich eine wesentliche journalistische Tugend, auf die ich immer geachtet habe.

Wie hat Ihre berufliche Karriere begonnen?
Mit der Radiosendung „Musicbox“, zu Zeiten, als es weder Ö3 noch Ö1 gab, hat für mich alles angefangen. Mein erster Arbeitstag war gleichzeitig der letzte Arbeitstag von André Heller. Die „Musicbox“ war gleichermaßen die Keimzelle des Jugendradios. Endlich gab es da eine Sendung für junge Menschen.

Mittlerweile hat sich das Angebot stark vergrößert. Und die Jugend „konsumiert“ Musik und Unterhaltung verstärkt über das Internet. Wie sind Sie mit den neuen sozialen Medien vertraut?
Wenig, mit Telefon und E-Mail komme ich gut aus. Eine Zeitlang habe ich einen Internet-Blog betrieben, aber damit aufgehört, weil es zu viel Zeit kostet.

Singen Sie oder spielen Sie ein Instrument?
Ich hatte weder den Wunsch zu singen, noch auf der Bühne zu stehen. Meine Mitschüler haben mich beneidet, weil ich die einzige war, die kein Musikinstrument lernen musste (!). Ich hatte so viele außerschulische Interessen, ging schon in der Schulzeit allein auf den Stehplatz im Musikverein und im Konzerthaus, war oft in Galerien und Museen, das wäre sich alles nicht ausgegangen.

Heißt das, dass Sie als Kind gar nicht musikbegeistert waren?
Doch und wie. Wir hatten zahlreiche Schallplatten
zuhause. Mein Vater war der leidenschaftliche Opern-
Geher, meine Mutter die eifrige Konzert-Besucherin. Meine erste Operette habe ich gesehen, da war ich vier. Mein Vater hat mich in die „Zirkusprinzessin“ in die Sommerarena Baden (NÖ) mitgenommen. Weil es doch schon spät war und ich Angst hatte, weil ein fürchterliches Gewitter niederging, sind wir nach dem zweiten Akt gegangen. Der endet mit einer Hochzeit. Diese Szenen habe ich noch tagelang danach mit Buntstiften gemalt. Und es scheint, es hat mich geprägt für mein Leben.

Sie haben bei der ersten Staffel von „Dancing Stars“ den hervorragenden dritten Platz belegt. Haben Sie danach weitergetanzt?
Ja, das Tanzen hat mich seit „Dancing Stars“ nicht mehr ganz losgelassen. Seit zwölf Jahren tanze ich regelmäßig „Tango Argentino“. Das ist für mich der feinfühligste aller Tänze, ganz abgesehen davon, dass er auch ein Supertraining für das Hirn ist.

Wo und wie entspannen Sie sich am liebsten?
Kraft tanke ich am liebsten in der Natur. Da kann ich am besten entspannen, ob in einem uralten Barockgarten wie dem Belvedere, das ich liebe, oder auf dem Gaisberg in Salzburg, wo ich den Sommer verbringe. Und ich erfreue mich genauso an den drei Orchideen, die mir meine Mutter vererbt hat. Jahr für Jahr blühen sie verlässlich und treu, manchmal bis zu einem halben Jahr lang. Sie sind ein kleines Wunder.

Woher nehmen Sie Ihre Gelassenheit? Machen Sie Yoga oder meditieren Sie?
Weder noch. Ich achte auf gute zwischenmenschliche Beziehungen, im Privaten und im Beruf. Und ich habe das Glück, mit einem wunderbaren Team zu arbeiten. Jede Mitarbeiterin ist halb so alt wie ich und mit jedem einzelnen Menschen ist es schön zu arbeiten. Um das Zwischenmenschliche und die Wahrhaftigkeit geht es schließlich auch in der Oper. Eine 250 Jahre alte Oper hören wir uns genau deshalb an, weil die Gefühle, die der Komponist ausdrückt, wahrhaftig sind – deswegen berührt es uns ja bis heute.
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