Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 28/2020 vom 07.07.2020, Foto: picturedesk.com
Artikel-Bild
Neun Wochen Sommerferien sind für benachteiligte Kinder zu lang
Die große Schul-Pause
Am 10. Juli endet auch für die Kinder im Westen dieses ungewöhnliche Schuljahr. Neun Wochen Sommerferien sind aber für viele Eltern und Kinder zu lang. Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger fordert eine kürzere Sommer-Pause.
In Linz und Umgebung (OÖ) beenden die Kinder das Schuljahr dort, wo sie schon den Großteil der vergangenen Monate verbracht haben. Zuhause. Nach Dutzenden Corona-Neuinfektionen hat das Bundesland gleich alle 287 Schulen in fünf Bezirken geschlossen, dazu noch Hunderte Krabbelstuben, Kindergärten und Horte.

81.000 Schüler sind von der Maßnahme betroffen. Sie dürfen sich nur noch ihr Zeugnis von der Schule abholen. Denn am 10. Juli endet auch für die Fernunterrichts-Schüler das „Corona-Schuljahr“. Und damit beginnen neun Wochen Ferien.

Die zweimonatige Schul-Pause freut aber nicht jeden.„Die Sommerferien sind sicher zu lange, ganz unabhängig davon, ob Eltern ihren Urlaub jetzt schon wegen Corona verbraucht haben oder nicht“, sagt Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger. Sie fordert grundsätzlich kürzere Sommerferien. Nicht zum ersten Mal. „Nach so einer langen Pause fällt es jedem Kind schwer, wieder in den Schulalltag zurückzufinden. Allerdings sind Ferien für die Kinder wichtig, die Ferienzeit sollte besser über das Jahr verteilt sein.“

Mit neun Wochen Sommerferien liegen wir in der europäischen Mitte. In Italien haben die Kinder in der Regel rund drei Monate schulfrei, in Deutschland sind es sechs Wochen.„Die langen Ferien vergrößern natürlich die soziale Ungleichheit“, ist die dreifache Mutter Meinl-Reisinger sicher. „Kürzere Ferien, aber auch verpflichtende Sommerschulen in allen Hauptfächern für die, die es brauchen, können hier gegensteuern.“

Um die Lücken des Corona-Fernunterrichts abzubauen, gibt es heuer erstmals eine Sommerschule in den letzten zwei Ferienwochen. Allerdings nur für jene, die massive Schwierigkeiten in Deutsch haben. 23.000 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren haben sich dafür angemeldet, etwas mehr als die Hälfte der Schüler mit Förderbedarf. Den Unterricht übernehmen Lehramts-Studenten. Statt 50-Minuten-Drill soll Projektunterricht stattfinden. Bei Erfolg könne es „durchaus eine Wiederholung geben“, sagt ÖVP-Unterrichtsminister Heinz Faßmann.

Wer Kinder nach einer Sommerferien-Verkürzung fragt, bekommt in der Regel ein lautstarkes „Nein“ als Antwort. Lange schlafen, ins Freibad gehen statt ins Klassenzimmer – das macht den Reiz des Sommers ohne Schule aus. Aber für Schüler aus weniger betuchten Familien hat die monatelange Pause ihre Schattenseiten.

„Für die bildungsfernen Kinder sind die neun Wochen sicher zu lange, vor allem, wenn sie diese in einem Umfeld verbringen, in dem nicht Deutsch gesprochen wird“, sagt der Bildungsexperte und Buchautor Andreas Salcher. „Kinder, die im Sommer dagegen Sprachferien und Sportcamps besuchen oder mit ihren Eltern fremde Länder auch kulturell erkunden, haben Lernerfahrungen und daher sicher keine Nachteile.“

Aber schon der wochenlange Corona-Heimunterricht hat bei benachteiligten Kindern seine Spuren hinterlassen. Etliche hatten nicht einmal einen Computer, um daran teilnehmen zu können. „Ungefähr 70 Prozent der von der Caritas unterstützten Kinder geben an, ihre Lernaufgaben über das Mobiltelefon, meist jenes der Eltern, erledigen zu müssen“, sagt Caritas-Präsident Michael Landau.

Die soziale Ungleichheit wird durch die Corona-Krise zunehmen, fürchten Beobachter. Auch im Schulsystem. Die langen Sommerferien können das unter Umständen verstärken. Aber sie sind lediglich ein Mosaiksteinchen.

„Die enorme Kluft zwischen den Bildungsschichten lassen sich nur mit einer massiven Investition in die Kindergärten und ganztägige Schulformen wirksam schließen“, erklärt Andreas Salcher. „Beides ist in Österreich leider entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und ausländischen Beispielen tabuisiert. Zum Beispiel gibt Estland pro Kind kaufkraftbereinigt fast um die Hälfte weniger Geld als Österreich aus, trotzdem sind die Schüler aus Estland Spitze bei PISA und anderen Vergleichen.“

Dort wird etwa die Schule ganztägig geführt. Bei uns besuchen nur rund vier Prozent der Pflichtschüler eine „echte“ Ganztagsschule mit Unterrichtsphasen, die über den ganzen Tag verteilt sind.

Für eine grundsätzliche Ferienkürzung ist der Bildungs-Experte Salcher nicht. Er plädiert für einen massiven Ausbau der Sommerschule für Kinder mit Nachholbedarf. Die Herbstferien, die heuer zum ersten Mal flächendeckend in der letzten Oktoberwoche stattfinden sollen, sind für ihn allerdings entbehrlich. „Die Herbstferien halte ich für eine Unterbrechung des Lernrhythmus wenige Wochen nach Schulbeginn. Heuer sollten wir die Herbstferien Corona-bedingt in jedem Fall auslassen, unterrichtsfreie Zeit gab es mehr als genug.“

Am 14. September beginnt das nächste Schuljahr in den westlichen Bundesländern. Wien, Niederösterreich und das Burgenland fangen eine Woche früher an. Geht es nach Bildungsminister Heinz Faßmann, soll die Schule normal beginnen, wenn alles gut geht. „Mit gewohntem Stundenplan, ohne Schichtbetrieb.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung