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Ausgabe Nr. 26/2020 vom 23.06.2020, Foto: zVg
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Staatsmeister Seidl und Waller.
Volleyball und ein bisschen Physik
Sie erzählen gerne Märchen, stellen aber auch quantenphysische Überlegungen über den perfekten Ballflug an. Robin Seidl, 30, und Philipp Waller, 24, starten beim „Austrian Champions Cup“ in wenigen Tagen als die besten, aber auch ungewöhnlichsten Beachvolleyballer unseres Landes.
Mehr als 5.000 Menschen riefen zuletzt jene Videos auf, in denen Robin Seidl, 30, und Philipp Waller, 24, mit emotionaler Erzählerstimme die Geschichte vom kleinen Schweinchen vorlasen, das sich gerne ein eigenes Haus bauen will. „Wir sind als Märchenonkel scheinbar begabt“, schmunzelt Waller über den unerwarteten Erfolg des Lese-Abenteuers, das als kleine Aktion für den Sponsor Ytong begonnen hatte. Waller entwirft das Design seiner Volleyball-Kappen selbst und baute sich zuletzt einen kleinen Golfplatz im Garten, Partner Seidl schreibt Gedichte und malt Bilder. Ginge es also nach der Kreativität des „Zauberlehrlings“ und des „Fliegenden Holländers“ – so ihre Spitznamen –, dann wäre das Duo schon längst Weltmeister.

Auf dem geplanten Weg dorthin etablierten sie sich mit dem Sieg im chinesischen Haiyang 2018, dem neunten Platz bei der WM in Hamburg (D) und dem Staatsmeistertitel 2019 immerhin als klar erste Beachvolleyballkraft im Lande. „Wir bringen grundverschiedene Talente in die Partnerschaft ein und sind im Duo wertvoller als nur die Summe unserer Einzelteile“, sieht Seidl ihre Gegensätzlichkeit als profitables Betriebsgeheimnis. Einer der beiden, Seidl, wuchs in Kärnten auf, der andere in der Steiermark, Seidl studiert Jus, Waller Sportwissenschaft, Seidl spielt am Block, Waller als Verteidiger, einer bucht die Flüge, der andere kümmert sich um die Ausrüstung. „Ich sehe Phil als extrem willensstarken Punktekiller, der von seiner Einstellung her einer der besten Spieler der Welt werden kann“, adelt ihn sein Partner. „Robin wiederum spielt äußerst einfallsreich und unberechenbar, er hat etwas von einem verrückten Wissenschaftler“, lacht Waller.

Tatsächlich ist die Quantenphysik eines der Steckenpferde des in Deutschland geborenen Sohnes einer Niederländerin und eines Österreichers, das er gern ins Training einfließen lässt. „Ich habe viel darüber nachgedacht, ob der Flug des Beachvolleyballes als Welle oder Teilchen zu sehen ist, angelehnt an eine der Grundfragen der Quantenphysik“, erzählt Seidl. „Ich glaube, ich nehme das gesamte Spiel als Welle wahr, als eine große Bewegung, und begreife es gefühlsmäßig und intuitiv. Philipp hingegen ist eher der Teilchentyp, der konkret beobachtet und reagiert. Unsere Verschiedenartigkeit ergänzt sich gut, mündet aber manchmal in Kommunikationsprobleme.“

Menschlich jedoch passt die Chemie zwischen den „Sandlern“ perfekt. „Wir verstehen uns super und sehen uns auch öfter als Freunde oder Familienmitglieder“, betont Waller. „In der Quarantäne-Zeit ist mir etwa das Kartenspielen mit Robin abgegangen“, gibt er zu, denn Schnapsen oder Uno gehört auf den Turnierreisen zum Standardrepertoire der Ballkünstler. Beide sind sparsam veranlagt und besitzen zum gemeinsamen Teamkonto eine Bankomatkarte, beide halfen in der Corona-Zeit als Heeressportler im Auslieferungslager eines Supermarktes aus. In Wien, wo die Sportler leben, sausen die Singles
gerne laut singend auf ihren Vespa-Mopeds durch die Stadt.

Sportlich lag der Fokus der Staatsmeister zuletzt auf körperlichem Training, Ausdauer und Kraft. Nun sind sie jedoch froh, dass es nach der Zwangspause wieder spielerische Höhepunkte gibt. Ab dieser Woche am Freitag pritschen und baggern beim „Austrian Beachvolleyball Champions Cup“ zwischen 26. Juni und 11. Juli in Graz, Klagenfurt, Salzburg und Wien die zwölf besten Damen- und Herrenteams des Landes um den Titel. Wenn alles klappt und keine Akteure positiv getestet werden, sollen im Sommer noch die „Austrian Beach Tour“ mit sechs Turnieren und die Staatsmeisterschaften stattfinden, die dann schon vor bis zu 1.000 Zuschauern.

„International könnte es klappen, dass wir uns ab Oktober wieder mit den Weltbesten messen“, hofft Waller, im Hinterkopf denken beide schon an die nun auf 2021 verschobenen Olympischen Sommerspiele in Tokio (Japan). „Sie sind sportlich unser größtes Ziel“, verraten sie. Ein Mentaltrainer, mit dem seit Kurzem zusammengearbeitet wird, soll davor die Latte noch einmal deutlich höherlegen, sagt Seidl. „Denn für uns fühlt es sich an, als ob wir viel mehr leisten könnten, als wir bisher gezeigt haben.“ Wolfgang Kreuziger
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