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Ausgabe Nr. 26/2020 vom 23.06.2020, Fotos: AdobeStock, Kolarik Andreas
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Für die Verwendung des Narkotikums
Propofol gelten strenge Hygienerichtlinien.
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Prim. Dr. Karl Wohak
Bakterien im Narkosemittel
Der Wunsch nach einem Kind kostete vor wenigen Wochen einer Frau das Leben, zwei Frauen mussten nach einem Eingriff auf die Intensivstation. Ursache dieser tragischen Ereignisse in einer Kinderwunschklinik in Baden (NÖ) soll eine Verunreinigung des Narkosemittels Propofol sein.
Es wurde in den 1970er Jahren entwickelt und gilt dank seiner schnellen und gut kontrollierbaren Wirkung weltweit als akzeptiertes Mittel in der Anästhesie, Propofol. Traurige „Berühmtheit“ erlangte das Narkotikum im Jahr 2009. Der Sänger Michael Jackson (50 †) starb an einer Überdosis Propofol, das ihm sein Privatarzt (missbräuchlich) aufgrund von Schlafstörungen verabreichte. Die jüngste Katastrophe, die das Narkosemittel in unserem Land in den Mittelpunkt rückt, ist der Tod einer 32jährigen Frau. Sie starb nach einem Eingriff zur Eizellenentnahme in einer Badener Kinderwunschklinik (NÖ) an einer Blutvergiftung. Zwei weitere Frauen rangen nach der gleichen Behandlung tagelang mit dem Tod. Der Verdacht der Ermittler, der behandelnde Belegarzt (= nicht in der Klinik angestellt) der Kinderwunschklinik könnte den Patientinnen verunreinigtes Propofol verabreicht haben. Worauf beim Umgang mit Propofol zu achten ist, erklärt Primar Dr. Karl Wohak, Ärztlicher Direktor und Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Klinik Diakonissen Schladming (Stmk.).

Dr. Wohak, wofür wird Propofol verwendet?
Es wird zur Einleitung und Aufrechterhaltung einer Narkose gespritzt. Die Wirkung setzt nach wenigen Sekunden ein und hält bis zu fünfzehn Minuten. Es wird auch zur Beruhigung von Patienten verwendet, zum Beispiel bei Endoskopien.

Wer darf dieses Narkosemittel verabreichen?
Anästhesiologisch und intensivmedizinisch ausgebildete Ärzte sowie Ärzte, die im Management von möglichen Komplikationen wie Atemstillstand oder Herz-Kreislaufversagen geschult sind.

In den Fällen der Badener Kinderwunschklinik besteht
der Verdacht, das Propofol sei verunreinigt gewesen.

Theoretisch kann Propofol bei der Produktion verunreinigt werden. Das würde aber erstens die gesamte Produktionseinheit betreffen und nicht nur ein Fläschchen. Zweitens ist das auf Grund der Validierungsverfahren, also dem Nachweis über die Anforderungsentsprechung, bei der Herstellung auszuschließen.

Sojaöl ist ein Bestandteil von Propofol. Kann es „ranzig“ werden?
Damit Öle oder Fette ranzig werden, bedarf es Sauerstoff. Bei original verschlossenen Ampullen und Fläschchen ist das nicht möglich. Innerhalb der Lagerdauer von zwei Jahren wird das nicht passieren. Interessant ist die Temperatur bei der Lagerung. Propofol darf weder gefrieren noch erhitzen, weil das die Zusammensetzung zerstört.

Wurde das Propofol bei der Entnahme verunreinigt?
Das ist die für mich einzig denkbare Variante, zum Beispiel ein nicht ordnungsgemäßer Verschluss oder Gebrauch, oder die Ampulle, das Fläschchen wurde zu lange angebrochen gelagert. Die Probleme der Patientinnen traten nicht unmittelbar auf, wie das bei einem sofort wirksamen Medikament zu erwarten wäre, sondern mit Verzögerung. Lang genug, um das Krankheitsbild einer Sepsis zu erzeugen. Dabei sind Keime direkt in der Blutbahn nachweisbar.

Dürfen Propofol-Reste aufgehoben werden?
Prinzipiell sind alle Verpackungsformen von Propofol für den Einmalgebrauch zugelassen. In der Praxis bedeutet das, Ampullen werden zur Gänze aufgezogen und verabreicht. Das passt von der Dosis, da der Inhalt einer Ampulle meist der Einleitungsdosis eines Erwachsenen entspricht. Bei den Glasfläschchen mit 50 ml und 100 ml Inhalt wird meist ein steriler Zugang in den Plastikstöpsel gesteckt, der mehrmalige Entnahmen ermöglichen würde. Die größeren Gebinde dienen nur der Herstellung von Dauerinfusionslösungen über Infusionspumpen. Selbst dann würde sich der Inhalt spätestens nach dem zweiten Patienten erschöpfen, der narkotisiert wird. Ein Aufbewahren angebrochener Flaschen über Nacht ist nicht zulässig.

Nimmt ein Belegsarzt sein Narkosemittel selbst mit?
Es sollte die Klinik bereitstellen, da sonst die Richtlinien zur richtigen Lagerung nicht zu befolgen wären.

In der Beschreibung steht, Propofol kann schnell ein Nährboden für Bakterien sein …
Ja, es enthält keine antibakteriellen Substanzen und ist somit potenziell Nährboden für Bakterienwachstum. Daraus resultieren die strengen Richtlinien zum sterilen Umgang und dem schnellen Verbrauch dieses Narkosemittels.
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