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Ausgabe Nr. 25/2020 vom 16.06.2020, Foto: picturedesk.com
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Donald Trump, 74, will weitere vier Jahre. Joe Biden, 77, wäre der älteste US-Präsident bei der Angelobung.
Donald Trumps Herausforderer
Joe Biden will Donald Trump aus dem Weißen Haus werfen. Die Proteste gegen Rassismus haben ihm jetzt Aufwind gegeben. Eine schwarze Frau als Vizepräsidentin könnte für zusätzliche Stimmen sorgen. Joe Biden selbst musste schon etliche Schicksalsschläge hinnehmen.
Donald Trump nennt ihn „schläfriger Joe“. Joe Biden, 77 Jahre alt, wäre der älteste amerikanische Präsident, der je den Amtseid abgelegt hat. Wenn er Donald Trump aus dem Amt werfen kann.

In den Umfragen führt der Demokrat Biden trotzdem, vor allem nach der Ermordung von George Floyd. Der 46jährige Afroamerikaner starb, nachdem ihm ein weißer Polizist nahezu neun Minuten lang sein Knie in den Nacken gedrückt hatte. Seither protestierten nicht nur in den USA hunderttausende Menschen gegen Rassismus.

Beide verurteilten Floyds Tod. Doch während sich Donald Trump, 74, als „Präsident für Recht und Ordnung“ rühmte, traf sich Biden mit der Familie des Opfers. „Ich denke, was hier passiert ist, ist einer dieser großen Wendepunkte in der amerikanischen Geschichte“, sagte Biden. Und: „Es ist schwierig genug zu trauern, aber es ist viel schwieriger, es in der Öffentlichkeit zu tun.“

Damit hat Joe Biden Erfahrung. Ende 1972 hatte er gerade die Wahl als Senator gewonnen. „Während ich in Washington Mitarbeiter anheuerte, bekam ich einen Anruf“, erzählte Biden Jahrzehnte später. Er wusste sofort, „es ist etwas Schlimmes passiert.“ Seine Frau und seine drei Kinder waren unterwegs, um einen Christbaum zu kaufen, als sie mit einem Sattelschlepper zusammenstießen. Bidens einjährige Tochter Naomi und seine 30jährige Frau Neilia starben.

Die beiden Söhne Hunter und Beau, zwei und drei Jahre alt, überlebten schwer verletzt. Seinen Amtseid leistete Joe Biden im Spital. Neben ihm lag der kleine Beau, ein Bein noch immer eingegipst. „Es wird der Tag kommen, da wird euch der Gedanke an eure Lieben zuerst ein Lächeln auf die Lippen zaubern, bevor euch eine Träne übers Gesicht rinnt“, sagte Joe Biden viel später vor den Eltern gefallener Soldaten. „Der Schmerz wird nie ganz weggehen, aber er wird kontrollierbar. Das verspreche ich euch.“

Drei Jahre später traf der studierte Jurist seine zweite Frau Jill. Die ersten vier Heiratsanträge lehnte sie ab. „Die Buben hatten ihre Mama verloren und ich konnte sie nicht noch eine Mutter verlieren lassen“, erzählte die Englischlehrerin einmal. „Ich musste zu hundert Prozent sicher sein.“ Das war sie bei der Hochzeit 1977. Vier Jahre später kam die gemeinsame Tochter Ashley zur Welt.

Joe Biden stieg die Politiker-Karriereleiter empor. Doch seine ersten beiden Anläufe als Präsidentschaftskandidat scheiterten. Als Vizepräsident von Barack Obama kam der Demokrat doch noch zu einem Büro im Weißen Haus. Von 2009 bis 2017 war Biden an der Seite Obamas. „Joe, du warst die erste Personalentscheidung, die ich als Kandidat getroffen habe und sie war die beste“, rief Obama bei seiner Abschiedsrede.

Mit Joe Biden als Gegenkandidaten hätte es Donald Trump niemals ins Weiße Haus geschafft, davon sind viele überzeugt. Aber 2016, nur ein Jahr nachdem sein Sohn Beau an einem Gehirntumor gestorben war, stieg Biden nicht in den Wahlkampf-Ring.

Jetzt sind die Chancen für den 77jährigen gut. Die Corona-Krise mit mehr als 110.000 Toten in den USA und die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt könnten Trump das Präsidentenamt kosten.

Viel hängt davon ab, wen Biden als Vizepräsidentin auswählt. Denn im Notfall müsste sie das Amt übernehmen. Schon im März hat Biden versprochen, eine Frau zu nominieren. Eine schwarze Frau könnte ihm zusätzlich Stimmen bringen und Kritiker beschwichtigen. Zumal der Präsidentschaftsanwärter noch vor George Floyds Tod für Aufregung sorgte, als er in einer Radiosendung meinte: „Ich sag‘ Ihnen was, wenn Sie ein Problem haben, sich zu entscheiden, ob Sie für mich oder Trump sind, dann sind Sie nicht schwarz.“

In den amerikanischen Medien kursieren mehrere Listen mit den aussichtsreichsten Kandidatinnen. Für viele Demokraten ist allerdings die frühere „First Lady“ Michelle Obama die Wunschkandidatin. „Ich würde sie, ohne zu zögern, nehmen. Sie ist brillant“, bekräftigte auch Joe Biden. Doch die 56jährige will offenbar nicht zurück ins Weiße Haus.

Nicht alles ist bisher rund gelaufen im Wahlkampf des Trump-Herausforderers. Eine frühere Mitarbeiterin beschuldigt Biden eines sexuellen Übergriffes, was er bestreitet. Monatelang herrschte Skepsis, ob Biden der richtige Kandidat ist. Seine Versprecher etwa sind legendär. Im Februar erklärte er, „für den Senat“ statt für das Präsidentenamt zu kandidieren. Der republikanische Wahlgegner schlachtet das genüsslich aus.

Doch in der Debatte nach dem Tod von George Floyd hat der frühere Vizepräsident wieder Aufwind. „Ich wünschte, er würde die Bibel hin und wieder aufschlagen, statt sie nur zu schwenken“, spottete er über Donald Trump, der friedliche Demonstranten vertreiben ließ, um vor einer Kirche mit der Bibel in der Hand zu posieren. „Er könnte etwas lernen.“
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