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Ausgabe Nr. 24/2020 vom 08.06.2020, Foto: Cynthia Vicw Acosta/Kauck
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Amerika im Ausnahmezustand
Eine blaue Mauer mit brutaler Gewalt
Nach der Ermordung eines Afroamerikaners durch einen Polizisten kommt es in Amerika seit Tagen zu Massendemonstrationen. Und zu neuen Gewalttaten. Präsident Donald Trump spielt den starken Mann.
Alles begann am 25. Mai in einem kleinen Geschäft an einer Straßenecke in Minneapolis, der größten Stadt Minnesotas. Dort versuchte der farbige George Floyd, 46, ein Päckchen Zigaretten mit einer gefälschten 20-Dollar-Note zu bezahlen. Der Ladenbesitzer rief die Polizei, die sofort einen Wagen mit vier Beamten losschickte. Sie zwangen Floyd mit vorgehaltener Waffe, seinen Wagen zu verlassen und nahmen ihn in Handschellen. Der Polizist Derek Chauvin, 44, ein Weißer, drückte den Festgenommenen mit dem Gesicht auf den Asphalt. Sein Kollege Alexander Kueng, 36, ein früherer Hilfsarbeiter, hielt die Beine des Opfers fest. In einer von anderen Polizeidirektionen abgeschafften, gefährlichen Festnahme-Methode presste Chauvin, die Hände in den Hosentaschen, sein linkes Knie nahezu neun Minuten lang auf den Hals des Opfers. Auf einem von Passanten gemachten Video stöhnt Floyd: „Mama! … Ich kann nicht atmen … Ich werde sterben.“ Minuten später war er tot.

Der Polizist Chauvin, ein früherer McDonald‘s-Koch, wird nun des Mordes angeklagt. Gegen seine Kollegen wird ebenfalls ermittelt. Ihnen drohen 40 Jahre Gefängnis.

„Rassismus ist in der amerikanischen Polizei fest verankert“, hat der Soziologe Joseph Goldman aus Houston (Texas) festgestellt. „Er existiert von oben bis unten. Kriminelle Aktionen von Kollegen werden zugedeckt. Vetternwirtschaft in den Polizeigewerkschaften schützen Täter. Es gab viele Versuche, dieses Leiden auszumerzen, doch es ist nicht gelungen.“

Die „Blaue Mauer des Schweigens“ (Blau ist die Farbe der meisten Uniformen) hat dazu geführt, dass nahezu 90 Prozent der Anzeigen misshandelter Bürger erfolglos im Sand verlaufen. Dave Bicking, ein früherer Polizist, der heute in Minneapolis gegen soziale Ungerechtigkeit kämpft, weiß davon ein Lied zu singen. „Von den seit 2012 in Minnesota eingegangenen 2.600 Anzeigen gegen Beamte führten nur zwölf zu einer Verurteilung.Die Strafe waren 40 Tage unbezahlte Freistellung. Das waren ein paar Wochen Ferien ohne Gehalt – nicht genug, um von unerlaubtem Verhalten abzuschrecken.“

Gegen Chauvin, den Mörder von George Floyd, gab es im Laufe der Jahre 17 Klagen wegen Gewalttätigkeit. Drei Mal war er in Schießereien verwickelt. Trotzdem tat er weiter Dienst.

Bei Floyds Beerdigung sagte der Pastor Al Sharpton, an die Rassisten Amerikas gerichtet: „Georges Geschichte ist die Geschichte der Schwarzen. Seit 401 Jahren dürfen wir nicht sein, was wir sein möchten, weil ihr euer Knie in unserem Genick habt.“

Maria Haberfeld, 63, Professorin für Polizeiwissenschaft, arbeitet an einem Programm, das das bürgerfeindliche Verhalten der Polizei revolutionieren könnte. Zunächst würde die Expertin zukünftigen Beamten sanfteres Auftreten beibringen.

Sie findet es skandalös, dass viele Rekruten zwar in der Ausbildung 110 Stunden „Umgang mit Waffen und Selbstverteidigung“ haben, aber nur acht Stunden „Krisenmanagement und Schlichtung“ absolvieren
müssen.

„Es ist nicht genug, dass ein frisch gebackener Polizist nach 13 bis 19 Monaten auf der Akademie jährlich zwei Mal beweisen muss, dass er eine Waffe handhaben kann. Auch seine Denkweise muss überprüft werden.“

Generell sind in Amerika die Einstellung und Ausbildung von Polizisten Angelegenheit der Gemeinde. Weil es nicht genug Personal gibt, werden Neulinge oft schon nach einer kurzen Einweisung ins Schießen auf die Straße geschickt und machen ihre Ausbildung nebenher. Präsident Trump schützt sie. Er hat die Polizisten mit Waffen aufgerüstet, während sein Vorgänger Barack Obama ein ähnliches Programm eingedämmt hatte.

Die brutale Ermordung von George Floyd durch Polizisten hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Seither wird in zahlreichen Städten der USA gegen die Polizeiwillkür demonstriert. Auch in Wien gehen Menschen auf die Straße, um auf die rassistische Vorgehensweise der Polizei in Amerika aufmerksam zu machen. Denn immer wieder werden schwarze Amerikaner von Polizisten scheinbar grundlos getötet.

Martin Gugino hatte tagelang im Fernsehen verfolgt, wie brutale Polizisten in Amerikas Städten friedliche Demonstranten mit Schlagstöcken drangsalierten. Am vergangenen Freitag entschied der 75 Jahre alte Friedensaktivist, etwas dagegen zu tun. Er erstellte Flugblätter, mit denen er die Ordnungshüter seiner Heimatstadt Buffalo im Staat New York daran erinnerte, dass alle Menschen Brüder seien.

Als er vor seinem Haus ein paar Dutzend schwer bewaffnete Uniformierte antraf, die dabei waren, Protestler zu verscheuchen, wollte Gugino einem Beamten eines seiner Flugblätter überreichen. Wortlos schlug ihm der Uniformierte seine Faust auf die Brust, ein anderer schlug mit dem Stock zu.

Der 75jährige fiel rücklings um und blieb liegen, während Blut aus seinem Ohr tropfte. Als sich ein dritter Beamter zu dem reglos am Boden liegenden Mann hinabbeugen wollte, schubsten ihn die Kollegen vorwärts, und der Rest der Polizisten stieg gleichgültig über den alten Mann hinweg.

Diese Szene ist typisch für die Demonstrationen, die sich derzeit über den Kontinent erstrecken. In mehr als 150 Städten Amerikas herrscht Aufruhr.

Wer die unbarmherzigen Angriffe der Uniformierten auf friedliche Demonstranten gesehen hat, muss zu dem Schluss kommen: Polizisten sind in Amerika nicht „dein Freund und Helfer“, sondern das unerbittliche Schwert des Staates – oder des „starken Mannes“ Donald Trump.

In Vallejo (Kalifornien) erschoss ein Polizist aus seinem Auto heraus einen 22 Jahre alten, mit erhobenen Händen knienden Mann. In New York steuerten Uniformierte zwei Geländewagen in eine Ansammlung und verletzten mehrere Menschen. Andere Beamte fuhren ihr Auto mit weit geöffneten Türen in Protestler. In Charleston (South Carolina) kniete ein Afroamerikaner vor Uniformierten und rief: „Ihr seid meine Familie!“ Sie fesselten und verhafteten ihn trotzdem.

In einem Video rief ein Polizei-Offizier seinen Untergebenen zu: „Bringt die Demonstranten nicht um. Aber schlagt hart zu!“

So kämpferisch sich Donald Trump gibt – besonders mutig scheint er selbst nicht zu sein. Seine Gegner erklärten nun sogar, er sei ein Feigling.

Als der Lärm der Demonstranten bis in die Räumlichkeiten der Trumps im Weißen Haus in Washington drang, ließ sich der Präsident von seinen Sicherheitskräften in den Bunker der Residenz bringen. Später meinte er: „Ich war nur ganz kurz dort. Vielleicht brauche ich ihn ja einmal.“

Am nächsten Tag prahlte Trump auf dem Sozialen Netzwerk Twitter: „Viele Verhaftungen. Gute Arbeit von allen. Überwältigende Macht. Bezwingung.“

Dieser Versuch, sein Image zu retten, gelang freilich nicht, wie Bischof Michael Curry erklärt. „So ein Machtgehabe wird unserer Nation nicht helfen, um sie zu heilen.“ Acosta/Kauck
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