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Ausgabe Nr. 24/2020 vom 08.06.2020, Fotos: picturedesk.com, Interscope
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Lady Gaga ist die erste große Künstlerin, die sich mit neuem Album zurückmeldet
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Seit Kurzem im Handel. „Chromatica“ ist Lady Gaga von früher.
Auf der Suche nach dem Wunderland
Nein, sie wollte die Welt nicht mit fröhlichen Liedern beschallen, während die Staaten gegen die Corona-Pandemie ankämpften. Jetzt jedoch war der geeignete Zeitpunkt für Lady Gaga gekommen, um neue Töne von sich hören zu lassen. Sie ist damit die erste weltweit erfolgreiche Sängerin, die mit neuem Werk aufwartet. „Chromatica“ hat es die 34jährige Amerikanerin genannt.
Die Kernbotschaft der 16 Lieder aus der Feder der Künstlerin, die sich je ein Mal von Elton John, Ariana Grande und der südkoreanischen Mädchengruppe „Blackpink“ unterstützen ließ, ist in einem Satz übermittelt. „Ich will, dass die Menschen tanzen und glücklich sind, wenn sie diese Songs hören“, lässt Lady Gaga wissen. Die bereits im Video zur vorausgeschickten Single „Stupid Love“ in bekannter Manier nicht auf ausgefallene Kostüme verzichtet. „Ach, ich mag extravagante Kleider“, sagt sie lachend. „Sie sind Teil meiner Kunst, meiner Musik. Und ich liebe Make-up.“

Die Dance-Pop-Königin, künstlerisch groß geworden auf Manhattans Lower East Side, einem Stadtteil von New York (USA), hat stilistisch wieder nach Hause gefunden. Zuletzt hatte Lady Gaga das eigene Spektrum ja entscheidend erweitert und ihren Drang zur ständigen Neuerfindung gründlich ausgelebt.

Einem Duett-Album mit Tony Bennett („Cheek To Cheek“, 2014) folgte das unterschätzte leise Cowboy-Hut-Album „Joanne“ (2016) und schließlich das „Oscar“- und „Grammy“-dekorierte Rockballaden-Drama „A Star Is Born“ (2018) mit dem Meisterwerk „Shallow“ – die 34jährige hat alle Zweifel daran, dass sie ihre Karriere eher auf 50 denn auf fünf Jahre ausgelegt hat, ausräumen können. Ihr Stern strahlt vielleicht heller als je zuvor. Die Rückbesinnung auf die Wurzeln ist somit strategisch vernünftig, aber nicht ohne Risiko. Sie könnte leicht hinter die Brillanz von „A Star Is Born“ zurückfallen.

Die Sorge ist unbegründet. Die Reise auf den Planeten „Chromatica“ können Gaga-Anhänger beruhigt buchen. Denn wer im Jahr 2008, als Stefani Joanne Angelina Germanotta schlagartig und mit einer Kette von Hits („Just Dance“, „Poker Face“, „Paparazzi“, „Alejandro“) nicht nur zur erfolgreichsten, sondern auch innerhalb des Massengeschmackes originellsten Popsängerin der Welt wurde, schon begeistert von ihr war, der wird „Chromatica“ hören und sich denken: Endlich. Und das 43 Minuten lang.

Das prägende musikalische Element auf dem neuen Album ist die House Musik. Wer die neunziger Jahre miterlebt hat, dem wird hier so einiges liebevoll vertraut vorkommen.
Der flächendeckende Einsatz des Synthesizers, die verhältnismäßig introvertierten Strophen, die sich immer wieder explosionsartig in großen Refrains entladen. Den Werken wohnt eine grundlegende Hymnenhaftigkeit inne, inklusive der Botschaft „In unserem Inneren sind wir alle gleich“ (aus „1000 Doves“).

Sie trällert dies selbstbewusst hinaus und ist dabei ihrem Vater dankbar, der sie in ihrer Kindheit immer unterstützt hat. „Wenn ich mich ans Klavier gesetzt habe, saß er daneben in einem Sessel und hörte mir zu. Das bestärkte mich.“

Und so ist mit „Alice“ ein Titel auf „Chromatica“ zu finden, der tief aus ihrem Inneren kommt. „Ich habe darin meine Depressionen thematisiert“, sagt sie. Im Text heißt es, „Mein Name ist nicht Alice, aber ich werde immer nach dem Wunderland suchen.“ Das Stück fließt förmlich dahin, viel überzeugender und Endorphine ausschüttender kann Pop kaum sein. Allerdings ist zu viel davon auch nicht gut.

Bleibt als Wermutstropfen des dreiviertelstündigen elektropoppigen Auftrittes doch eine gewisse Gleichförmigkeit. Und dass „Babylon“, der Schlusspunkt der Platte, wie eine Neuauflage des bald 30 Jahre alten „Vogue“ klingt, wird den Vorwurf, Lady Gaga sei eine raffinierte Madonna-Kopie fürs 21. Jahrhundert, auch nicht entkräften können. s. rüth
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