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Ausgabe Nr. 23/2020 vom 02.06.2020, Fotos: picturedesk.com, zvg
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Bernd Wiesbergers Neustart mit virtueller Hilfe.
Zurück in die Golf-Zukunft
Millimeterpräzise Schläge und drei Turniersiege katapultierten den Profigolfer Bernd Wiesberger, 34, im vorigen Jahr an die Spitze der Europa-Rangliste. Jetzt, wo der Golfsport langsam wieder aus seinem „Corona-Dornröschenschlaf“ erwacht, arbeitet er mit einem Golfsimulator am Neustart.
Es fühlt sich ungewohnt an. Nach Flugkilometern hätte der Profigolfer Bernd Wiesberger, 34, in diesem Jahr bereits die Distanz von zwei Erdumrundungen zurückgelegt, rund 220.000 Kilometer sind es oft in der ganzen Saison. „Aber durch die Corona-Krise habe ich seit März viel Zeit daheim verbracht“, erzählt er. Quasi eingesperrt zu sein, empfand der Athlet, der sich im vorigen Jahr bis auf Position 22 der Weltrangliste vorkämpfte, nicht immer als lustig. „Ich habe versucht, positiv zu bleiben. Aber es war deprimierend, drinnen zu trainieren, während draußen das schönste Wetter war“, schmunzelt Wiesberger.

Doch nun soll die Jagd nach dem Golfball wieder losgehen. Im Hause Wiesberger wird fieberhaft daran gearbeitet, bald wieder in die Turnierszene einzusteigen, die Telefone laufen heiß. „Ich hätte die Möglichkeit, in der dritten Juniwoche ein US-Turnier in South Carolina zu spielen“, erzählt er. „Noch ist es nicht soweit, aber wir hoffen, dass es ohne lange Quarantänezeit möglich sein wird einzureisen.“ Zwei Wochen Hotelquarantäne möchte er vermeiden. „Das wäre sportlich alles andere als gut.“

Ein spezieller Golf-Simulator daheim im Keller, wie ihn in dieser Qualität kein anderer deutschsprachiger Golfer besitzt, half ihm, trotz Virus-Krise gut in Schuss zu bleiben. „Er ermöglichte mir, qualitativ zu trainieren“, ist Wiesberger froh über die Kooperation mit dem Hersteller „Indoor Sport Systems“, die ihm Startvorteile bringen soll. Zwei Projekttechniker und ein Computerspezialist waren vier Tage lang im Einsatz, um die Anlage in einem 35-Quadratmeter-Raum in Wiesbergers Haus einzubauen, wo er auch Trophäen seiner sieben Turniersiege auf der European Tour aufbewahrt. Zusätzlich zum Simulator sorgt ein aufwändiges Boden-System mit Schichten aus Kunststoff, Baumwolle, Holz und Kunstrasen für ein rasennahes Abschlaggefühl. Drei Spezialkameras schießen bis zu 1.000 Bilder des Balles pro Sekunde, die auf einem Hochleistungsrechner per Spezialsoftware auf die Golfanlage umgelegt werden. „Das System basiert quasi auf Lichtschranken, mittels derer die Abfluggeschwindigkeiten und der Drall des Balles gemessen und auf die Leinwanddarstellung umgerechnet werden“, verrät der Burgenländer.

Dass der HAK-Maturant, der als Kind auch Fußball und Tennis spielte, seit fast zehn Jahren konstant unter den besten 100 Golfprofis der Welt rangiert, verdankt er nicht zuletzt der Unterstützung seiner Familie, die sich seit Jahren dem Golfsport verschrieben hat. „Unsere Großeltern hatten ein Schuhgeschäft in Oberwart, das unsere Eltern als Sportgeschäft weiterführten und mit der Öffnung der Golfanlage in Bad Tatzmannsdorf auch ein Geschäft für Golfspieler dort etablierten“, erzählt Niki Wiesberger, der heute nicht nur die Medienbetreuung seines Bruders innehat, sondern auch beim heimischen Golfverband als Projektbetreuer tätig ist. „Wir Kinder wuchsen praktisch mit dem Golfsport auf, unser Vater Klaus war Mitbegründer des Golfklubs. Er und unsere Mutter Claudia legten den Grundstein für Bernds Karriere und sind heute noch verantwortlich etwa für seine Buchhaltung oder Reiseplanung.“

Vor zwei Jahren drohte eine Bänderverletzung am Handgelenk samt Operation und längerer Pause Bernd Wiesbergers Karriere zu Fall zu bringen, doch er kam stark zurück. 2019 gelang ihm eine Traumsaison mit Siegen in Dänemark, Schottland und Italien und dem Sprung an die Spitze der Europa-Rangliste. „Ich habe jahrelang viel Zeit geopfert und Entbehrungen auf mich genommen, um dieses Niveau zu erreichen“, betont er, der in seiner Laufbahn mehr als 13 Millionen Euro Preisgeld verdiente. „Bernd ist laut Experten einer der besten fünf Spieler weltweit mit Eisen, dem Schlägertyp, der für Abschlag, mittlere und kurze Schläge verwendet wird. Er trifft den Ball extrem effizient“, sagt Bruder Niki. Vater Klaus weiß ohnehin, warum der Sohn so stark ist. „Seine vielleicht größte Waffe ist der Kopf.“ Wolfgang Kreuziger
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