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Ausgabe Nr. 23/2020 vom 02.06.2020, Foto: Thomas & Thomas
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Andrea Sawatzki
„Der Tag beginnt um vier Uhr früh“
Sie ist als Schauspielerin erfolgreich und ebenso als Schriftstellerin. Wobei sich Andrea Sawatzki mit der einen Tätigkeit gleich die zweite verschafft, denn die 57jährige verkörpert in den Verfilmungen ihrer Romane die Hauptrolle. Geschrieben werden die Geschichten zu nachtschlafender Zeit.
Frau Sawatzki, Sie stehen oft vor der Kamera. Und wenn Sie einmal nicht drehen, schreiben Sie inzwischen erfolgreich Romane. Es scheint, als würden Sie nur für die Arbeit leben?
Als ich jünger war, ging mir nichts über meinen Beruf als Schauspielerin. Damals hatte das Spielen für mich den größten Stellenwert. Das ist heute anders, weil ich Familie habe, dadurch haben sich die Prioritäten in meinem Leben völlig verschoben.

Sie arbeiten viel in Berlin (D) und haben dort auch Ihre Familie. Wie schaffen Sie die Kombination zwischen Beruf und Privatleben?
Ich habe das große Glück, eine wunderbare Familie zu haben. Ich habe einen Mann (der Schauspieler Christian Berkel, 62, Anm.), der mich gut unterstützt, obwohl er selbst viel arbeitet. Wir haben zwei wunderbare Söhne. Sie sind jetzt in dem Alter, in dem sie ganz gern auch einmal ohne uns zurechtkommen. Das erleichtert natürlich vieles. Unsere Familie funktioniert ausgezeichnet. Durch den großen Vorteil, dass mein Mann und ich oft in Berlin drehen, kommen wir abends immer wieder zurück nach Hause. So kann ich auch das Liegengebliebene noch schaffen. Das geht alles gut und wir empfinden es als ein Privileg, in Berlin zu leben und zu arbeiten.

Haben Sie daheim ein Arbeitszimmer mit einem Schild an der Tür, auf dem steht „Bitte nicht stören, Mutti arbeitet“?
(lacht) Nein. Wenn ich schreibe, mache ich es so, dass ich in der Früh um vier Uhr aufstehe und dann drei Stunden ununterbrochen am Schreibtisch arbeite, weil es im Haus am Tag zum Schreiben dann doch zu unruhig ist.

Wie geht dann Ihr Tag weiter?
Dann wecke ich unsere Kinder und gehe mit den Hunden raus. Danach verlassen die Burschen das Haus. Aber wenn die Kinder daheim sind, möchte ich auch ansprechbar für sie sein. Das bedeutet, ich schreibe entweder am frühen Morgen oder aber am späten Abend. Mitunter sitze ich auch am Schreibtisch, wenn die Kinder am Nachmittag verabredet sind. Wenn die Burschen zuhause sind, ist es für mich schwer zu arbeiten, dann geht doch immer wieder meine Tür auf, weil ein unlösbares Problem aufgetaucht ist. Ich glaube übrigens, wenn so ein Schild an meiner Tür hängen würde, würde das unsere beiden Kinder nicht beeindrucken und sie würden trotzdem reinkommen – und das finde ich auch gut so.

Sie schreiben gerade an einem neuen Roman „Ihrer“ Familie Bundschuh. Wird der auch verfilmt?
Das ist im Gespräch.

Und Sie haben für Familie Bundschuh noch viele Ideen?
Sehr gerne kann das turbulente Familienleben der Bundschuhs für mich weitergehen. Mit meinem Verlag habe ich ausgemacht, dass ich einen Roman pro Jahr schreibe und so arbeite ich jetzt an dem fünften Buch. Ich möchte mich aber nicht ausschließlich auf Komödien spezialisieren, sondern auch das düstere Genre weiter bedienen. So werde ich zwischendurch immer wieder einmal einen Psychothriller schreiben.

Sie gehören zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen. Mussten Sie auch einmal um Ihre Karriere bangen?
Natürlich ging es in meiner Karriere einmal hinauf und dann wieder hinunter. Das ist das Lehrgeld, das Freischaffende zahlen müssen. Aber dafür sind sie unabhängig. Das habe ich mir immer wieder gesagt, wenn es einmal nicht gut lief. Willst Du jeden Tag zur gleichen Zeit am gleichen Ort stehen und etwas machen, was Dich nicht erfüllt? Also, hör auf zu jammern. Das Telefon kann in diesem Beruf jeden Tag klingeln, dann geht es wieder bergauf. Diese Geduld zu haben musste ich aber erst lernen. Gerade als junger Schauspieler steckst du Absagen ganz schwer weg.

Mit welcher Konsequenz?
Ich bin dann immer in ein Loch gefallen, aus dem ich schwer wieder herauskam, weil ich eben nur die Schauspielerei hatte. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Inzwischen glaube ich, dass Enttäuschungen einen Menschen durchaus stärken können. Ich glaube, es macht einen nicht unbedingt glücklicher, ständig auf einer Erfolgswelle zu schwimmen. Das Glück kann nur der genießen, der auch die Abgründe und die Dunkelheit kennt. Außerdem ist es gerade in meinem Beruf wichtig, Enttäuschungen zu erleben, um sie dann bei Rollen umsetzen zu können. Letztlich motivieren mich diese Zeiten und diese Erfahrungen. Das hört sich jetzt aber leichter an, als es ist.

Sind Sie ein disziplinierter Mensch?
Ich bin diszipliniert, wenn ich unter Zeitdruck stehe. Den brauche ich, sonst funktioniere ich nicht. Um schreiben zu können, brauche ich einen Vertrag und einen Abgabetermin, wenn ich die nicht habe, schreibe ich auch nicht. Das ist sicher ein Nachteil …

Aber?
Ich kann mein Leben bis zu diesem Abgabetermin genießen. Ich kann herrlich undiszipliniert sein. Ich feiere gerne, ich liebe das Leben einfach zu sehr, als dass ich nur diszipliniert sein will oder kann.
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