Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 23/2020 vom 02.06.2020, Foto: AdobeStock
Artikel-Bild
In fast jedem zweiten EU-Land ist Impfen Pflicht.

Die deutschen Verfassungsrichter haben bei der Impfpflicht das letzte Wort. Seit März gilt bei unseren Nachbarn ein Gesetz, das die Masern-Impfung für Kinder vorschreibt. Eltern müssen vor der Aufnahme in den Kindergarten oder die Schule nachweisen, dass der Nachwuchs geimpft ist. Die Eilanträge von zwei Elternpaaren dagegen hat das deutsche Verfassungsgericht kürzlich zurückgewiesen. Wann es eine endgültige Entscheidung gibt, ist noch unklar.

In fast jedem zweiten EU-Land gibt es Pflichtimpfungen. Vor allem in Osteuropa hat das Tradition. In Polen und Ungarn gibt es die Impfpflicht gegen Masern schon seit den 60er Jahren. In Belgien ist nur die Impfung gegen Kinderlähmung vorgeschrieben. Kinder in Lettland müssen hingegen 14 Immunisierungen, von Diphterie bis zu den Windpocken, vorweisen.

In Frankreich hat die Regierung vor zwei Jahren die Zahl der Krankheiten mit „Pflicht-Pikser“ von drei auf elf erhöht. Und in Italien drohen Eltern Geldstrafen, wenn ihre Kinder nicht gegen insgesamt zehn Infektionskrankheiten geimpft sind. In Ungarn kann bei „Impfmuffel“-Eltern laut einem Urteil aus dem Vorjahr sogar das Erziehungsrecht eingeschränkt werden.
Der „Pikser“ wird kein Muss
Mehr als hundert Forscher-Teams arbeiten weltweit an einem Corona-Impfstoff. Wann es ihn tatsächlich gibt, ist noch ungewiss. Trotzdem wird in etlichen Ländern schon über eine Impfpflicht diskutiert. Bei uns setzt die Regierung auf Freiwilligkeit, so wie auch bei anderen Impfungen. Die einzige Impfpflicht gegen Pocken endete bei uns im Jahr 1977.
Pierpaolo Sileri war selbst mit dem Corona-Virus infiziert. Mitte April sorgte der italienische Vize-Gesundheitsminister für Aufregung. „Angesichts der Schäden, die das Virus angerichtet hat, müsste die Impfung gegen Covid-19 Pflicht sein“, sagte der Chirurg und Politiker der „Fünf-Sterne-Bewegung“. „Wenn einmal die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffes garantiert sind, müssten alle geimpft werden.“

Auch der oberösterreichische ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer galt bislang als Impfpflicht-Befürworter, „sobald ein sicherer und ausreichend getesteter Impfstoff zugelassen wird“. Und SPÖ-Volksanwalt Bernhard Achitz will zumindest über eine Impfpflicht diskutieren, „vor allem für Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten. ‚Pflicht‘ wird dabei aber immer in Abstufungen zu verstehen sein, es darf natürlich keine Impfpflicht geben für Menschen, bei denen medizinische Gründe dagegen sprechen.“

Hierzulande würde sich derzeit die Mehrheit der Bürger freiwillig gegen das Corona-Virus impfen lassen. Ein Drittel will den „Pikser“ laut einer Umfrage „auf jeden Fall“, 27 Prozent „eher schon“. Jeder vierte will nicht an einer Corona-Impfung teilnehmen.

ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz hält trotzdem nichts von einer Impfpflicht: „Wir werden keine einführen.“ Auch Grünen-Gesundheitsminister Rudolf Anschober setzt auf Freiwilligkeit: „Die Corona-Pandemie ist so einschneidend und so sichtbar, dass wir davon ausgehen, auf freiwilliger Basis eine hohe Impfbeteiligung zu erreichen.“

Zumal es auch rechtliche Bedenken gegen einen Zwang gibt. „Die Durchführung medizinischer Behandlungen ohne oder gegen den Willen der Kranken stellt einen Eingriff in das Recht auf Privatleben dar“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. „Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention verbürgt dieses Recht, das in Österreich im Verfassungsrang steht.“

Doch noch gibt es keinen Impfstoff. Mehr als hundert Forscher-Teams arbeiten daran. „Wir haben jetzt gute Kandidaten“, sagt Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Die Top-Kandidaten sind etwa sieben oder acht.“ Wann es tatsächlich einen Impfstoff gibt, ist ungewiss. Im Gesundheitsministerium herrscht Vorsicht bei Terminangaben. „Wir wären jedenfalls sehr überrascht, wenn sich das noch heuer, also im Jahr 2020, ausgeht.“

Mehr als ein Zehntel der Menschen in unserem Land gelten als Impfskeptiker, jeder 25. als „Impfgegner“. Und so liegen wir etwa bei den Masern unter der Impfrate von 95 Prozent, die für den Herdenschutz notwendig ist. Vor allem jungen Erwachsenen fehlt oft die zweite Impfdosis.

Papier-Impfpässe gehen immer wieder verloren. Im Herbst soll jetzt ein Pilotprojekt zum „elektronischen Impfpass“ anlaufen. „Wenn jemand den Impfpass verloren hat und nicht sicher ist, ob etwa ein Schutz gegen FSME besteht, soll von vorne begonnen werden“, sagt der Mediziner Peter Voitl. Selbst wenn dann drei Zeckenschutz-
Impfungen „mehr verabreicht werden sollten, ist es nicht belastend für den Körper, da das Immunsystem gut damit umgehen kann.“ Ein „Über-Impfen“ gebe es nicht.

Gegen die Grippe ist bei uns jeder fünfte Bürger zwischen 60 und 69 Jahren geimpft. In Großbritannien sind es allerdings fast drei Viertel aller, die den 65. Geburtstag hinter sich haben, in Italien jeder Zweite.

Insgesamt liegt die Grippe-Impfrate in unserem Land bei acht Prozent. Das soll sich laut Regierung ändern. Sie will die Influenza-Impfung etwa in das Kinder-Impfprogramm aufnehmen. Die Bundesländer wollen eine Gratis-Impfung für alle.

Die Grippe-Impfung schützt aber nicht völlig vor einer Erkrankung. So kann es passieren, dass sich in der Influenza-Saison andere Virusstämme durchsetzen als jene, die in der Impfung enthalten sind.

Bei älteren Menschen reagiert das Immunsystem zudem langsamer auf die Grippe-Impfung, sie wirkt deswegen weniger zuverlässig. Laut deutschem Robert-Koch-Institut (RKI)liegt die Wirksamkeit bei 41 bis 63 Prozent. Bei jungen Erwachsenen liegt der Schutz bei bis zu 80 Prozent.

Der Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres plädiert dennoch für die Influenza-Impfung. „Im Spätherbst wird die nächste Grippesaison beginnen und gleichzeitig ist mit einer zweiten Corona-Welle zu rechnen“, sagt der Ärzte-Vertreter. „Dann müssen aber genügend Spitalskapazitäten und vor allem Intensivbetten für Corona-Patienten vorhanden sein.“ Eine Impfpflicht wäre „sicher hilfreich, um die derzeit niedrige Influenza-Durchimpfungsrate zu erhöhen, auch weil eine Co-Infektion von Corona gemeinsam mit der Grippe höchst gefährlich ist.“ Für alle im Gratis-Impfkonzept enthaltenen Impfungen sollte es außerdem eine „generelle Impfpflicht“ geben.

Eine „Pikser-Vorschrift“ wäre keine Neuheit in unserem Land. „Es gab schon einmal in der Geschichte der Zweiten Republik eine Impfpflicht und zwar in Bezug auf die Pocken“, erklärt Thomas Szekeres. Seit 1977 ist sie Geschichte. Drei Jahre später hat die WHO die Pocken für ausgerottet erklärt.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung