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Ausgabe Nr. 21/2020 vom 18.05.2020, Fotos: zVg
Nach ihrer Krebserkrankung bestieg Heidi Sand den höchsten Berg der Welt.
Jeder kommt einmal an einen Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht.
Bei Heidi Sand war es die Krebserkrankung. Wie sie diesen Punkt überwinden konnte, schildert sie in ihrem Buch „Auf dem Gipfel gibt’s keinen Cappuccino“.
Vom tiefsten Tal zum höchsten Gipfel
Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium, im Jahr 2010 erhielt Heidi Sand eine niederschmetternde Diagnose. Am tiefsten Punkt in ihrem Leben beschloss die passionierte Bergsteigerin, den höchsten Punkt der Welt zu erreichen. Eineinhalb Jahre nach ihrer Chemotherapie stand die Deutsche in 8.848 Meter Seehöhe auf dem Gipel des Mount Everest.
Ich stehe auf dem mit 8.848 Metern höchsten Punkt der Erde, dem Gipfel des Mount Everest. Der Ausblick und das Glück, diesen Moment erleben zu dürfen, treiben mir die Tränen in die Augen. Ich bin auf dem Dach der Welt. Hinter mir liegen anstrengende Monate voller schöner, aber auch qualvoller Momente, voller unvergesslicher Erinnerungen, aber auch ungewisser Stunden mit dem Tod vor Augen.“

Mit ergreifenden Worten beginnt das Buch der Künstlerin und leidenschaftlichen Bergsteigerin Heidi Sand „Auf dem Gipfel gibt‘s keinen Cappuccino“ (kurz & bündig Verlag, ISBN 978-3907126318, € 18,50). Ist die Bezwingung des höchsten Berges der Welt schon für sich ein außergewöhnliches Unterfangen, kann ihre Leistung gar nicht hoch genug geachtet werden. Denn die heute 54jährige erklomm den Mount Everest im Jahr 2012, achtzehn Monate nach einer Chemotherapie.

Ein Berg war es auch, der ihr zeigte, dass mit ihrem Körper etwas nicht in Ordnung war. „Im Mai des Jahres 2010 stand ich auf dem Mount McKinley (Alaska). Ich war in meinem Element. Ich fühlte mich bärenstark. Doch dann kam es anders. Beim Abstieg plagten mich Magenschmerzen und kurze Zeit später, zuhause in Stuttgart (Deutschland), war ein Training nicht mehr möglich. Unweigerlich musste ich am Montag in der Früh zum Arzt ins Spital“, berichtet die 54jährige.

Der Mediziner behielt sie gleich dort, um am nächsten Tag einen Tumor, der am Ende des Darmes saß, zu entfernen. „Er kam ein paar Tage später mit dieser Diagnose ‚Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium‘ zu mir ans Krankenbett.“ Ein Schock für die damals 43jährige, die nie übergewichtig war, sportlich lebte und sich immer gesund ernährte. „Ich war von der OP geschwächt, habe zuerst nur geheult wie ein Schlosshund und hoffte, dass die Tür aufgeht und der Arzt sagt, ‚Entschuldigung, wir haben uns getäuscht.‘“

Doch niemand kam, es war kein Irrtum. Das wurde ihr spätestens dann bewusst, als die Fachärzte mit ihr die Therapiemaßnahmen besprachen. Und von da an begann Sand ihre Krebserkrankung so systematisch anzugehen, als würde sie eine Bergtour planen. „Das war die Zeit, als ich es akzeptiert habe. Wo ich es angenommen habe. Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Womit kann ich mich identifizieren? Welchen Weg will ich für mich gehen? Wie organisiere ich den Haushalt, meine Kinder, mein Atelier?“

Für die dreifache Mutter begann der übliche Behandlungsmarathon mit Chemotherapien. Viele Menschen geben in so einer Lage auf oder ziehen sich zurück. Heidi Sand jedoch reflektierte intensiv ihr Leben und fragte sich, was sie noch alles erreichen möchte. Dann fasste sie einen Entschluss. „Ich sagte mir: Wenn ich das durchgestanden habe, belohne ich mich mit einem 8.000er.“

Ein konkretes Ziel, einen innigen Wunsch vor Augen zu haben, veränderte alles für sie. Zum Positiven. „Es ging nicht mehr um die Chemo und die Krankheit, sondern um etwas Größeres. Ich lebte nicht mehr von Behandlung zu Behandlung, sondern für ein Datum in der Zukunft, in der alles gut wäre. Ich lebte für den Moment, in dem ich geheilt wäre und das machen würde, was mir Energie gibt.“ Schon während der Chemotherapie begann sie wieder Sport auf leichtem Niveau zu treiben.

Am zweiten Advent des Jahres 2010 konfrontierte sie ihre Familie mit ihrem Vorhaben. „Gut, Mama, aber dann bitte auf den Mount Everest“, sagte Sohn Paul wie aus der Pistole geschossen zu seiner Mutter. Dieses Ziel verfolgte Sand von da an konsequent. „Die Krankheit hatte jetzt in meinem Kopf nichts mehr zu melden und die restlichen Chemos steckte ich viel leichter weg“, berichtet Sand. Eineinhalb Jahre später war es dann soweit. Nach sechs Wochen Aufstieg stand sie auf dem Gipfel des Mount Everest. „Als ich diese Aussicht genoss, spürte ich auch eine unglaubliche Dankbarkeit und Demut.“

Seither ist die genesene Bergsteigerin jährlich auf verschiedenen Bergen unterwegs, zum Beispiel an der Eiger Nordwand (Schweiz). Daneben betreibt sie ein Skulpturen-Atelier in Stuttgart. Seit acht Jahren hält sie Vorträge und teilt ihre Erfahrungen mit den Menschen. „Ich versuche, Mut zu machen. Denn viele wissen nicht, wie mit solchen Schicksalsschlägen umgegangen werden kann.“

Und um ebenfalls Mut zu machen, eine scheinbar aussichtslose Situation wie eine Krebsdiagnose zu meistern, schildert sie ihre Geschichte vom tiefsten Tal zum höchsten Punkt der Welt in einem Buch. Heidi Sand hat mit dem Everest vor Augen den Krebs besiegt. „Egal, was es ist, jeder braucht ein Ziel, um aus so einem seelischen Loch herauszukommen.“
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