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Ausgabe Nr. 20/2020 vom 12.05.2020, Foto: imago
Pappfiguren können auf den Sitzen im Stadion montiert werden.
Geisterkick mit Papp-Kameraden
Das runde Leder rollt wieder, am Wochenende startet die Deutsche Bundesliga und auch in unserem Land könnte bald schon gedribbelt werden. Doch die bei Geisterspielen ausgesperrten Anhänger sind verzweifelt, kuriose Ideen wie Zuschauer aus Pappe sollen Abhilfe schaffen.
Heiße Dribblings zwischen dem Ex-Salzburger Erling
Haaland und den ÖFB-Teamspielern Alessandro Schöpf und Michael Gregoritsch, die offeriert uns gleich am Samstag das große Ruhrpott-Derby zwischen Dortmund und Schalke 04. Einen Tag später darf beim Corona-Neustart der Deutschen Fußball-Bundesliga Bayerns David Alaba gegen Union Berlin ran, aber nur vor leeren Rängen.

„Unsere 2.300 Mitglieder freuen sich extrem, dass der Fußball wieder rollt“, verrät Johannes Obernhumer, Obmann des Bayern-Fanklubs in Natternbach (OÖ).
„Wir werden Bildschirme in unseren Räumlichkeiten haben, wo wir mit wenigen Gästen und korrektem Abstand die Spiele verfolgen können“, verrät er, auch andere Unterstützungsbekundungen sind in Überlegung.

Die Begeisterung über die Wiederaufnahme des Spielbetriebes sorgt vor allem in Deutschland für kuriose Ideen, die Stimmung in den leeren Stadien anzuheizen. Borussia Mönchengladbach hat bereits den Druck von Pappfiguren mit den Gesichtern dafür zahlender Anhänger in Auftrag gegeben, sie sollen auf den Sitzen montiert werden und das Bild eines vollen Stadions imitieren. In Frankfurt wiederum steht eine Mobiltelefon-Anwendung vor dem Einsatz, die Klatschen, Jubeln, aber auch Pfiffe von Fernseh-Konsumenten per Knopfdruck an die Lautsprecher im Stadion überträgt, um eine realistische Geräuschkulisse herzustellen. Beim Zweitligisten, dem 1. FC Köln, soll eine Art „Geister-Choreographie“, eine Kombination aus Transparenten und Spruchbannern, das kahle Stadion verschönern. Außerdem dürfen Anhänger ihre Glücksbringer zum Verein schicken, die dann auf den Sitzen verteilt werden. „Wir suchten nach einer individuellen Idee, um die Anhänger in die Spiele einzubeziehen und das ist uns gut gelungen“, glaubt der Klub-Chef Alexander Wehrle.

Nicht minder originelle Ideen für einen Neustart des Kicks gibt es auch in unserem Land, so überlegen die Salzburger „Bullen“, die Nordseite des Stadionparkplatzes als Autokino zur Verfügung zu stellen und per LED-Leinwand die Spiele zu übertragen. Die rechtliche Situation ist allerdings noch ungeklärt, ebenso ob das bis ins Stadioninnere hörbare Hupen als Anfeuerung erlaubt wäre. Beim SCR Altach wiederum können Anhänger mit ihrem auf dem Dress eines Kickers aufgenähten Namensschriftzug an den Spielen teilnehmen, wenn sie den Verein dadurch sponsern, dass sie ihr Geld für Dauer- oder Geschäftskarten nicht zurückfordern. „Das ist der Dank an die Anhänger für die Unterstützung“, sagt Geschäftsführer Christoph Längle.

Anderen freilich gehen die verrückten Ideen schon zu weit. „Aufgestellte Papp-Kameraden im Stadion sind zwar lustig, aber für mich eher eine Marketing-Aktion. Das kann die Stimmung nicht ersetzen“, relativiert der Rapid-Trainer Didi Kühbauer.

Und auch viele Fußball-Anhänger in unserem Land haben kein Verständnis für diese lustigen Ideen, auch wenn sich nun abzeichnet, dass einige Spiele gebührenfrei im ORF zu sehen sein könnten. „Ich bin völlig verzweifelt. Ich glaube, ich halte ein Rapid-Match vor dem Fernsehgerät gar nicht aus“, gesteht Jürgen Hartmann, der vielleicht eingefleischteste Rapid-Anhänger von allen. „Vorm Bildschirm werde ich 90 Minuten lang nur weinen.“

Die vereinigten Fußball-Anhänger haben, vertreten durch 16 Fanklubs aller Vereine, bereits vor einigen Wochen in einem offenen Brief gegen Geisterspiele protestiert, sie fühlen sich übergangen und vernachlässigt. „Ich kann für viele Gruppen wie die Tornados, aber auch den Rapid-Fanklub Speising sprechen, dass uns ein Abbruch lieber wäre als Geisterspiele“, erklärt Hartmann, der 1.108 Rapid-Spiele ohne Unterbrechung sah und nun zur Pause gezwungen wird. Beim LASK und Sturm Graz sieht es kaum anders aus. „Ich sehe derzeit bei uns auch keinen Einsatz von Pappkameraden, Handy-Apps oder ähnlichem“, sagt der Sturm-Fanbetreuer Dominik Neumann. „Unsere Anhänger sind enttäuscht und werden sich mit unterstützenden Aktionen zurückhalten.“

Julian Grander von der LASK-Unterstützungsplattform „Seit1908.at“ kann sich ebenfalls nicht über den ins Laufen kommenden Fußball freuen. „Es bleibt ein schaler Nachgeschmack, weil sich der Fußball immer weiter von der Basis entfernt. Die Reduktion auf einen Fernseh-Sport ist nicht das richtige Zeichen.“ W. Kreuziger
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