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Ausgabe Nr. 20/2020 vom 12.05.2020, Foto: picturedesk.com
Mit Abstand zurück in der Schule. Hier erklärt ein Lehrer in Deutschland die Regeln.
K(l)eine Virenschleudern?
Ab 18. Mai gehen die Sechs- bis 14jährigen wieder in die Schule, in zwei Schichten. Am 3. Juni sollen die älteren Schüler folgen. Auch in den Kindergärten ist wieder mehr Betrieb. Wie ansteckend Kinder tatsächlich sind, ist nach wie vor umstritten. Doch es gibt Hinweise, dass sie sich seltener als Erwachsene infizieren.
Höchstens 18 Schüler in einer Klasse, Unterricht in zwei Schichten, keine Schularbeiten mehr und kein Turnen. Nach zwei Monaten dürfen die Sechs- bis 14jährigen wieder in die Schule gehen, mit strengen Vorsichtsmaßnahmen. In manchen Schulen wechseln die Gruppen in der Mitte der Woche, in anderen gehen die Kinder nur jede zweite Woche in die Schule.

Insgesamt kommen jetzt 700.000 Schüler zurück in die Klassenzimmer. Im Juni sind es noch einmal 300.000.

Auch in den Kindergärten sind die Gruppen wieder voller. In Tirol besuchten zuletzt rund 4.000 Kinder die Krippen und Kindergärten. „Ab 18. Mai erfolgt dann die Öffnung für die Kinder im letzten Kindergartenjahr sowie für jene mit Sprachförderbedarf“, heißt es aus der Landesregierung.

In Wien geht rund ein Fünftel der normalerweise 33.000 Kinder in die städtischen Kindergärten. Ob und wann sie ihre Kinder bringen, „obliegt den Eltern“, sagt eine Sprecherin. Seit dem 4. Mai werden aber Kinder im letzten Jahr vor der Schule, solche mit Sprachförderbedarf und Einzelkinder „gezielt zum Besuch des Kindergartens eingeladen“.

Doch angesichts der Schulöffnungen bleibt die Frage: Wie ansteckend sind Kinder tatsächlich? Übertragen sie unerkannt das Corona-Virus, weil sie seltener und meistens mit milden Symptomen erkranken? „Bei der Grippe erkranken Kinder relativ früh in der Saison, bringen das Virus nach Hause und stecken die Eltern an“, erklärt Volker Strenger von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz. „Deswegen wurde davon ausgegangen, dass es beim Corona-Virus auch so wäre. Weil Kinder seltener Symptome entwickelt haben, wurde angenommen, Kinder seien unerkannte ,Virenschleudern‘. Das wurde aber nie bewiesen.“

Es gebe hingegen sogar Hinweise, dass sich Kinder seltener anstecken. „Eine Dunkelziffer-Studie in Island hat gezeigt, dass ein Prozent der Erwachsenen positiv war, 0,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und zwanzig, und bei Kindern unter zehn Jahren gab es gar keinen Fall“, weiß der Leiter der Arbeitsgruppe Infektiologie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ). „Aus Australien gibt es einen Bericht der Gesundheitsbehörde über 18 Corona-Fälle in insgesamt 15 Schulen, von denen neun Kinder und neun Lehrer waren. Nur zwei weitere Schüler – von mehr als 800 engen Kontaktpersonen – sind von ihnen angesteckt worden. Das spricht dafür, dass die Schule nicht der Ort ist, an dem sich das Virus besonders verbreitet.“

Das bestätigt auch eine Analyse der „Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit“ (AGES), die „Infektions-Bündel“ unter die Lupe genommen hat. Keine einzige der 169 zusammenhängenden Corona-Infektionen konnte auf eine Schule zurückgeführt werden, auch nicht auf Geschäfte oder öffentliche Verkehrsmittel. Bei den untersuchten Ansteckungen in Haushalten ist kein einziges Mal ein Kind als Infektionsquelle in Familien vorgekommen.

Könnten sich Schulen nach dem 18. Mai dennoch zu Gefahrenherden entwickeln? „Es gibt genug Hinweise, dass es nicht schlimm sein wird“, sagt Volker Strenger. „Deshalb war die ÖGKJ für die Schulöffnung, weil wir die Kinder nicht aus der Schule aussperren und zuhause einsperren können. Außerdem: Wenn wir es jetzt nicht machen, verschieben wir das Problem nur in den Herbst. Die Schulen können nicht geschlossen bleiben, bis wir eine Impfung haben, im Herbst wird das Virus ja nicht weg sein.“

Von den knapp 16.000 Menschen, die bisher in unserem Land positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, waren 89 jünger als fünf Jahre, 353 zwischen fünf und 14 Jahre alt, 1.465 im Alter zwischen 15 und 24 Jahren (Stand Montag). Todesfälle gab es in diesen Altersgruppen gar keine. Im Gesundheitsministerium gibt es keine Zahlen darüber, wie viele Kinder im Spital behandelt werden mussten. Die Arbeitsgruppe Infektiologie der ÖGKJ hat allerdings die Daten zahlreicher Kinderabteilungen bis Ende April erhoben. In den jeweiligen Spitälern wurden keine bis höchstens vier Kinder behandelt. Ein Fall auf der Intensivstation ist bisher bekannt.

Die Schüler werden jedenfalls nur noch wenig Zeit in den Klassenzimmern verbringen. Im Osten des Landes sind es bei manchen nur 14 Tage oder weniger bis zu den Notenkonferenzen. Dann beginnen die Sommerferien. Am 7. September fängt das neue Schuljahr dann in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland an, am 14. September in den anderen Bundesländern. Ob im neuen Schuljahr Normalbetrieb herrscht, hängt davon ab, wie sich die Corona-Lage entwickelt. „Wenn jetzt in den Schulen keine größeren Infektionsherde auftreten, können wir überlegen, die Maßnahmen zu lockern“, erklärt Volker Strenger. „Wenn es doch zu mehr Infektionen in Schulen kommt, dann werden wir sie beibehalten – oder sogar verschärfen müssen.“
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