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Ausgabe Nr. 19/2020 vom 05.05.2020, Foto: picturedesk.com
Florence Nightingale wurde im Krimkrieg als „Lady mit der Lampe“ bekannt.
Die vielleicht wichtigste Frau der Corona-Krise
Die britische Krankenschwester Florence Nightingale († 1910) gilt als Pionierin der modernen Pflege. Sie war die erste, die auf strikte Hygiene pochte, und damit heute noch geltende Maßstäbe setzte. Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Krise, jährt sich ihr Geburtstag zum 200. Mal.
Jede Pflegende soll darauf achten, ihre Hände im Laufe des Tages sehr häufig zu waschen.“ Dieser Satz stammt nicht etwa vom Gesundheitsministerium oder aus der aktuellen Infokampagne der Regierung „So schützen wir uns“. Nein, er stammt von einer britischen Krankenschwester, die vor langer Zeit gelebt hat.

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Pflege. Sie war die Erste, die auf strikte Hygiene pochte und damit heute noch geltende Maßstäbe setzte. Zudem trug sie zur gesellschaftlichen Anerkennung des Berufes der Krankenschwester und der Krankenpflege bei. Heuer, in Zeiten der Corona-Krise, jährt sich ihr Geburtstag zum 200. Mal.

Als Tochter wohlhabender Eltern erblickte sie das Licht der Welt am 12. Mai 1820 während einer Europareise in der italienischen Stadt Florenz, nach der sie auch benannt wurde. Mit 17 Jahren fühlte sich Nightingale von Gott berufen. „Er sprach zu mir und rief mich in seinen Dienst“, notierte sie in ihr Tagebuch. Sie wollte „Schwester“ aller Kranken und Leidenden werden.

Für ihre Eltern war das ein Schock. Denn für junge Damen aus gutem Hause war es üblich zu heiraten und Ehefrau und Mutter zu werden. Krankenschwester hingegen war ein Beruf, der klischeebedingt alten Frauen, die den Finger nicht vom Alkohol lassen konnte, zugeschrieben wurde. Zudem galten Krankenhäuser als schmutzig und gefährlich.

In der Hoffnung, sie würde ihren Berufswunsch doch noch ändern, schickten sie ihre Eltern auf eine Reise durch Europa und Ägypten. Dabei besuchte sie nicht die touristischen Sehenswürdigkeiten, sondern vor allem Spitäler. Die Eltern gaben schließlich nach und erlaubten ihr ein Praktikum in einer Diakonissenanstalt im rheinischen Kaiserswerth, heute ein Stadtteil von Düsseldorf (D), wo sie Medikamentenkunde sowie Wundpflege lernte und sich um Sterbende kümmerte. Das brachte ihr Erfüllung. „Jetzt weiß ich, was es heißt, das Leben zu lieben“, notierte sie in ihr Tagebuch. In London (England) verschaffte Nightingales Mutter ihr eine Stelle in einem Pflegeheim, wo sie bald die Leitung übernahm.

Eine Zäsur in ihrem Leben brachte der Ausbruch des Krimkrieges 1853, in dem England und Frankreich mit dem verbündeten Osmanischen Reich gegen Russland kämpften. Viele Soldaten fielen in einem grausamen Stellungskrieg oder wurden verwundet. Bis 1856 verloren rund 165.000 Menschen ihr Leben.

Die Situation in den Lazaretten war katastrophal. Es fehlte an allem, allen voran an Krankenschwestern und Sanitätshelfern. Weil oft Krankheiten ausbrachen, starben viele Soldaten nicht auf dem Schlachtfeld, sondern an Seuchen wie Cholera und Typhus. Die Öffentlichkeit zeigte sich empört, als ein Korrespondent der englischen Zeitung „Times“ die Missstände aufdeckte.

Der britische Kriegsminister Sidney Herbert († 1861), den Nightingale zuvor auf ihren Reisen kennengelernt hatte, beauftragte sie mit der Krankenpflege vor Ort. Nightingale rekrutierte 38 Krankenschwestern und machte sich auf ins Lazarett von Scutari, dem heutigen Stadtteil Üsküdar von Istanbul (Türkei). Dort nahm die militärische Führung die Frauen nicht begeistert auf. Letztendlich arrangierte sie sich aber mit ihnen, zumal täglich mehr Verwundete ankamen.

Nightingale zeigte sich entsetzt über die Zustände in den Lazaretten. Die Stationen waren schlecht belüftet, ungeheizt und verseucht, die Böden dreckig. Als Toiletten fungierten oft nur einfache, unerträglich stinkende Holzkübel. Patienten mussten auf dem Boden schlafen, hatten sich seit Wochen nicht gewaschen und trugen dieselbe Kleidung. Flöhe und Läuse waren weit verbreitet.

In einem Brief aus Scutari schrieb Nightingale, „die Männer waren wie lebende Skelette, zerfressen vom Ungeziefer, mit Geschwüren übersät, den Kopf in eine Decke eingebunden, so kamen sie an, ohne ein Wort zu sagen, und verschieden klaglos. Niemand kann sich vorstellen, wie schrecklich so ein Krieg ist.“

Nightingale kümmerte sich aufopferungsvoll um ihre Patienten. Die Männer nannten sie bald „Lady mit der Lampe“, weil sie oft nachts mit einer solchen durch die Krankenreviere wanderte. Lag ein Soldat im Sterben, wich sie nicht mehr von seiner Seite, denn ein Sterbender brauche Beistand, war sie überzeugt.

Nightingale erkannte bald, dass die Soldaten nicht an ihren Wunden, sondern an Seuchen starben, weshalb sie die Hygiene verbessern wollte. Aus eigener Tasche und aus einem von der Zeitung „Times“ angeregten Fonds kaufte sie Bürsten zum Reinigen der Böden, Hemden und Wäsche für die Kranken, Essbesteck, Handtücher und sogar einen Operationstisch. Den Kriegsminister bombardierte sie mit Nachschubforderungen.

Zudem kümmerte sie sich um eine bessere Verpflegung und richtete eine Wäscherei ein, damit die Bettwäsche und die Hemden in heißem Wasser gewaschen werden konnten. Die Krankenschwestern teilte sie zur Pflege und zum Waschen der Kleidung und des Bettzeuges ein sowie zum Toilettendienst.

Durch die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse schaffte es Nightingale, die Sterblichkeitsrate der Verwundeten innerhalb nur eines halben Jahres von 40 auf zwei Prozent zu senken.

Im Jahr 1855 wäre sie aber fast selbst ein Kriegs-Opfer geworden. Nightingale erkrankte am „Krim-Fieber“, einer Bakterieninfektion, die sie fast dahinraffte. Obwohl sie sich nie ganz erholte, blieb sie an der Front, wo die Soldaten sie verehrten.

Ein Patient schrieb etwa in einem Brief an seine Familie: „Wenn die ‚Lady mit der Lampe‘ in der Nacht durch die Krankensäle geht, dann drehen wir uns zur Wand und küssen die Mauerstelle, auf die ihr Schatten fiel.“ Solche Briefe gab es zuhauf. In ihrer Heimat Großbritannien wurde sie daher bald als Nationalheldin gefeiert.

Um den Reportern nach Kriegsende zu entgehen, reiste die geschwächte Krankenschwester unter dem Namen „Smith“ in ihre Heimat zurück. Auch hier ließen sie die Schrecken des Krieges nicht los. „Ich kann es nie vergessen“, schrieb sie immer wieder in ihr Tagebuch. Sie prangerte an, dass durch das unglaublich primitive Gesundheitswesen vor Ort mehr Menschen umgekommen waren als durch russische Kugeln und Bajonette. „Tausende meiner Kinder liegen aus Gründen, die hätten verhindert werden können, in ihren vergessenen Gräbern. Wir müssen dafür kämpfen, dass ihre Leiden nicht vergeblich waren.“

Nightingale nutzte ihre Bekanntheit, um für Gesundheitsreformen einzutreten, und wurde nicht müde, auf die Wichtigkeit von Hygiene und absoluter Konzentration auf die Bedürfnisse des Patienten hinzuweisen. Bei einer Audienz mit Königin Victoria († 1901) erreichte sie die Einsetzung einer königlichen Kommission, die Mängel im Gesundheitswesen benennen und beheben sollte, später folgte ein ähnliches Gremium für Indien.

Im Jahr 1860 gründete sie die nach ihr benannte Krankenpflegeschule „Nightingale School of Nursing“ im Londoner St. Thomas Spital. Dort kurierte zuletzt auch der britische Premierminister Boris Johnson, 55, seine Corona-Erkrankung aus.

Im Jahr 1910 starb Nightingale nach langer Krankheit mit 90 Jahren. Sie hinterließ 14.000 Briefe, 200 Bücher und eine Eule, die sie als Haustier hielt und nach deren Tod ausstopfen ließ. Heute wird an ihrem Geburtstag, dem zwölften Mai, der Tag der Pflege, auch „Florence-Nightingale-Tag“ beziehungsweise der Internationale Tag der Krankenschwestern („International Nurse Day“) begangen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verleiht seit 1912 die Florence-Nightingale-Medaille, die als hohe Auszeichnung für Pflegekräfte gilt.

Angesichts der Corona-Pandemie ist die „Königin des Händewaschens“, wie sie englische Journalisten vor Kurzem nannten, populärer denn je. Sogar im Kinderzimmer ist sie präsent. Der Spielzeughersteller Mattel brachte eine Florence-Nightingale-Barbie-Puppe in Krankenschwestern-Uniform und Lampe auf den Markt. Sie ist ab 50 Euro zu haben. rb
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