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Ausgabe Nr. 19/2020 vom 05.05.2020, Fotos: World Chase Tag, PULS 4/Steffen Wolff
Ein Spielfeld beinhaltet viele tischartige Hürden und meterhohe Türme.
Das Österreich-Team: Fuchs, Donauer,
Sumpich, Morgenstern (v. li.).
Fangen spielen wird erwachsen
Es ist das älteste Spiel der Welt, jedoch heute der neueste Profisport von allen. Denn das, was in jedem Winkel dieser Erde als „Fangen spielen“ bekannt ist, wird seit einigen Jahren unter dem Namen „Chase Tag“ von austrainierten Akrobaten vor einem Millionenpublikum dargeboten.
Die Englischsprachigen nennen es „Play tag“, in Frankreich heißt es „Jouer à l‘épervier“ und sogar die Sprachen Suaheli, Arabisch oder Mandarin kennen eigene Begriffe dafür. „Meine Kinder haben mit mir oft im Garten Fangen gespielt. Eines Tages haben wir begonnen, zusätzliche Kübel, Sessel und Tische aufzustellen und mit der Zeit immer schwierigere Hindernisse eingebaut“, erzählt der Erfinder des Sportes „Chase Tag“ (englisch für Jagd und abtasten), der Engländer Christian Devaux, 48. Vor neun Jahren machte er aus dem lustigen Spiel sportlichen Ernst und etablierte eine eigene Disziplin und später Turniere. „Heute haben wir Veranstaltungen auf der ganzen Welt. Bei der Weltmeisterschaft in London (England) im August 2019 verzeichneten wir sieben Millionen Zuschauer auf allen Medienkanälen“, erzählt er stolz.

Der Erfolg kam schnell, denn das „Profi-Fangen“ ist spannend anzusehen und die Grundregeln kaum komplizierter als auf dem Schulhof. Beim Grundformat, das auch bei der WM gespielt wird, treffen vierköpfige Teams in zumeist 16 Einzelkämpfen aufeinander. Eine Mannschaft stellt zu Beginn einen Flüchtenden, die andere einen Fänger, der 20 Sekunden Zeit hat, seinen Rivalen innerhalb des Parcours mit der Hand zu berühren. Der Sieger des Duells bleibt als Gejagter auf dem Feld, die Gegnertruppe stellt einen neuen Jäger, wobei es fürs erfolgreiche Entkommen einen Punkt gibt. Das Team mit mehr Punkten gewinnt das Duell, jenes mit den meisten Gesamtsiegen das Turnier.

„Dieser Sport verlangt den Akteuren eine extrem hohe Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Ausdauer ab“, erklärt der Schweizer Caryl Cordt-Moller, 19, vom derzeitigen Weltmeisterteam „United“. Zwar gibt es auch Fußballer am Start, doch Cordt-Moller ist wie die meisten Teilnehmer ein durchtrainierter Meister der Sportart „Freerunning“, bei der artistische Salti und meterhohe Sprünge absolviert werden. Beim „Chase Tag“ prägt sich das Bewegungstalent den bei jedem Turnier anders gestalteten Parcours vorher genau ein. „Es gibt immer Ecken, in denen du dich besonders gut verstecken, und andere, wo du leicht in die Enge getrieben werden kannst.“ Jedes der rund 100 Quadratmeter großen Spielfelder beinhaltet viele aus Metallstangen zusammengesteckte, tischartige Hürden, aber auch meterhohe Türme. Erst im Jänner fand eine vom heimischen Fernseh-Sender Puls 4 übertragene EM im „Fangen spielen“ statt. Ein rot-weiß-rotes Starterteam wurde dabei vom ehemaligen Schisprung-Olympiasieger Thomas Morgenstern, 33, angeführt, der mit dem Sänger Johannes Sumpich, der Crossfit-Athletin Anna Donauer und dem Freerunner Mario Fuchs teilnahm. „Es hat Spaß
gemacht und mich in die Zeit zurückversetzt, in der ich selbst als Kind in Kärnten Fangenspiele wie ,Versteinerte Hex‘ gespielt habe“, schmunzelt Morgenstern. Bei den an sich gemischten Mannschaften gibt es trotzdem nur selten Frauen. „Bei der Armlänge, Muskelmasse und auch Geschwindigkeit haben wir Nachteile“, weiß die Freerunnerin Silke Sollfrank, 22.

Auch wenn „Chase Tag“ wie alle anderen Publikumssportarten wegen des Coroana-Virus derzeit stillsteht, soll die Sportart langfristig in einer Art Welt-Liga etabliert werden. „Fangen spielen ist eine einfach zu vermittelnde Disziplin mit simplen Regeln, bei dem der Sportler keine Ausrüstung braucht“, sagt der Gründer Christian Devaux. „Es ist auch eine der wenigen Sportarten, die ohne Rücksicht auf Geschlecht und kulturellen Hintergrund gespielt werden kann. Das Wachstumspotenzial ist grenzenlos.“

Wolfgang Kreuziger
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