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Ausgabe Nr. 18/2020 vom 27.04.2020, Foto: picturedesk.com
Für die intelligenten Ratten gibt es kaum
Hindernisse.
Angriff der Killer-Ratten
Millionen von Ratten breiten sich derzeit in New York (USA) aus. Und sie dringen immer öfter in private Wohnbereiche vor, weil ihnen die Abfälle der Restaurants und Supermärkte fehlen. Die sind aufgrund der Corona-Krise seit Wochen geschlossen. Der Ratten-Experte Bobby Corrigan soll im Auftrag des Bürgermeisters die Plage eindämmen, doch er führt einen schier aussichtslosen Kampf.
Der Rattenfänger von Hameln (D) hatte es leicht. Im Jahr 1284 ließ er der Sage nach auf seiner Pfeife eine Melodie erklingen, der alle Mäuse und Ratten des Ortes folgten und die sie schließlich in die Weser stürzen und ertrinken ließ. Der 69jährige Bobby Corrigan fährt in New York (USA) gegen die Nager härtere Geschütze auf. Gift etwa oder tödliche Blutverdünner und gefrorenes Kohlendioxid, das sich in den Rattenlöchern auflösen und die Tiere töten sollte. Bislang blieb der Erfolg bescheiden. Und die Plage wird immer schlimmer.

„Sie sind viel aggressiver geworden“, hat der Ratten-Experte festgestellt. In einer Arbeitspause auf einer Parkbank im Süden Manhattans sitzend, einer der Ratten-Hauptstädte der Welt, berichtet er: „Sie leiden Hunger, finden nicht genug Nahrung. Das hat zu kriegsähnlichen Zuständen geführt, zu Verteilungskämpfen und sogar Kannibalismus.“

Corrigan studiert das Verhalten von Ratten und bekämpft sie seit 40 Jahren. „Eigentlich wollte ich Tiefseeforscher werden wie Jacques-Yves Cousteau“, erzählt er. „Dann hörte ich einen Biologie-Professor sagen, das Leben im Untergrund der Großstädte sei genauso unbekannt wie die Tiefe der Ozeane. Das änderte mein Interesse.“

Er studierte Biologie mit Schwerpunkt Nagetiere. Zeitweise hielt er ein paar Ratten in Käfigen als „Haustiere“, dann lebte er sogar 30 Tage lang im US-Staat Indiana in einem von Ratten überfüllten Stadl, um sie besser verstehen zu lernen. „Sie waren überall und kletterten über mich hinweg, während ich beobachtete, wie sie sich ernährten und sich vermehrten. Sie sind raffiniert und Meister im Anpassen an veränderte Umstände. Ich sah, wie sie an einer Wand emporkletterten und plötzlich innehielten. Es war, als ob sie sich fragten: ‚Macht es Sinn, das zu tun?‘ Je mehr ich über sie erfuhr, desto mehr staunte ich.“

Vermutlich weiß heute niemand mehr über die Eindringlinge als der „Herr der Ratten“, wie ihn manche nennen. „Ich kenne ihr Denken“, sagt Bobby Corrigan. Politiker geplagter Städte auf der ganzen Welt bitten ihn um Rat. Der 69jährige ist der einzige Träger eines Doktortitels für Rattenkontrolle. Das Töten der Tiere überlässt er inzwischen jüngeren Männern. Aber er entwickelt die Kriegsstrategie und überwacht die nimmer endende Schlacht gegen die Ratten. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio stellte ihm 32 Millionen Dollar zur Verfügung, um die Zahl der Ratten um 70 Prozent zu dezimieren.

Wie viele dieser Nager sich in der Metropole herumtreiben, weiß niemand. Schätzungen gehen von rund zwei Millionen Exemplaren in der 8,4-Millionen-Einwohner-Stadt aus. Sie sind auf dem Vormarsch, die Corona-Krise verschärft das Problem zusätzlich. Durch die Schließung Tausender von Restaurants, Schnellimbissläden, Lebensmittelgeschäften und Märkten fielen die Nahrungsquellen der Ratten weg. Auch die städtischen Abfalleimer an den Straßenecken und in Parks sind nun meist leer, weil niemand mehr Pizzareste oder anderes Essbares hineinwirft. Die Bewohner New Yorks bleiben zuhause und Touristen kommen nicht mehr. Das brachte die Lebensgrundlage der bis zu 230 Gramm schweren und 40 Zentimeter langen Tiere ins Wanken.

Neben Corrigans Bank im Park in Süd-New York steht eine der städtischen Abfalltonnen. Er deutet auf sie: „So sollten sie alle sein. Erhöht, auf Stelzen. Ratten mögen so etwas nicht. Sie lieben auf dem Boden stehende Tonnen, weil sie leichter daran hinaufklettern können, um an die Leckerbissen zu gelangen.“

Bei seinen Kontrollgängen ist der 69jährige Wissenschaftler mit einem weißen Schutzhelm, einer Kamera, Taschenlampe und mit einem dicken Notizblock ausgerüstet. Das schützt ihn vor misstrauischen Blicken, wenn er in Blumenbeeten oder in U-Bahn-Schächten nach Rattenlöchern sucht. Fast jeden Tag laufen ihm mehr dieser Nager über den Weg. „Dabei fiel mir auf, dass viele ungewöhnlich mager sind. Im Norden des Central Parks habe ich beobachtet, wie ein ganzes Ratten-Rudel über eine andere Gruppe herfiel, die sich einer halbleeren Abfalltonne angenommen hatte. Eine ganze Kolonie marschierte auf und biss die friedfertigeren Genossen tot. Es herrschte regelrechter Krieg. So wie in unserer Geschichte, wenn Menschen mit Militär anderen ihr Land wegnehmen.“

Plötzlich unterbricht Bobby Corrigan seine Erzählung. „Dort“, ruft er. Unter dem Busch vor seiner Bank ist eine rosa Nase erschienen. Dann kommt ein grau-braunes Fell. Die Ratte bleibt einen Augenblick lang stehen, scheint die Besucher zu beäugen und verschwindet dann gemächlich im Grünen.

„Rattus norvegicus“, erklärt der Rattenjäger. „So heißen sie, weil sie vermutlich im Jahr 1728 auf einem Schiff aus Norwegen nach England kamen. Um 1750 landeten sie dann in Amerika.“

Corrigan hält die Äste des Busches über dem Rattenloch auseinander. Eineinhalb Meter weiter hinten sind noch zwei Löcher im Boden.„Fluchtausgänge. Sind das nicht intelligente Tiere? Sie leben in Familien, die Weibchen haben bis zu 14 Junge. Wenn der Nachwuchs zehn Wochen alt ist, zieht er aus und vermehrt sich ebenso.“

Der Tod soll durch Alkohol erfolgen

Der Rattenfänger weiß, der Hunger treibt die Tiere immer wieder zu Verzweiflungstaten. „Sie beißen Holzstücke und sogar Drähte durch. Auf der Jagd nach Kleintieren, Fischen und Vögeln gehen sie jetzt viel geschickter vor. Sie arbeiten zusammen, springen den Tauben auf den Rücken und töten sie. Sie dringen in Keller und Lager mit Nahrungsmitteln ein, holen sich Gemüse, Äpfel und Karotten. Die Tiere zeigen oft keine Angst mehr vor Menschen und laufen nicht weg. Es ist, als erhofften sie sich von uns milde Gaben. Wenn eine hungrige Ratte Essen in Ihrem Haus riecht“, berichtet Corrigan, „dann kommt sie zu Ihnen zu Besuch. Sie kriecht unter Ihrer Tür herein, dazu benötigt sie nur einen Spalt von 30 Millimetern. Ratten sehen schlecht, aber sie haben einen wunderbaren Geruchssinn.“ Angst, dass die Nager auch zur Verbreitung des Corona-Virus beitragen, müssten wir nicht haben, ist der Forscher überzeugt. Doch sie verbreiten andere gefährliche Viren.

Und wenn sie nichts zu fressen finden, fallen sie über ihre Artgenossen her. Der Kannibalismus greift unter den Ratten New Yorks dramatisch um sich. Die Schwächsten und Jüngsten trifft es zuerst.

Dass Ratten jetzt so grimmig sind, hat Biologen überrascht. Denn gemeinhin gelten sie als friedfertig. In Laborversuchen haben in Not geratene Ratten einander sogar geholfen.

In den meisten Kulturen empfinden Menschen seit jeher tiefen Ekel beim Anblick einer Ratte – nicht nur wegen des kahlen Schwanzes. Die Tiere gelten als schmutzig und hinterhältig. Sie stehen symbolisch für städtischen Verfall. „Dabei ist der Abfall, den Ratten vertilgen, unser eigener“, urteilt Corrigan, der nun mit Fallen, in denen die hungrigen Nager in Alkohol ertrinken, versucht, der Plage Herr zu werden.

Denn sollte die Hungersnot der Nagetiere zu lange andauern, würden nur die Stärksten überleben und sich fortpflanzen, fürchtet der Rattenjäger. „Das könnte zu einer neuen, angriffswütigen Rasse führen. Sie würde sicher bald mit allen Vögeln in unserer Stadt aufräumen.

Ob wir Ratten mögen oder nicht“, resümiert der 69jährige, „wir müssen mit ihnen leben. Wir sollten auch nicht vergessen, dass New York vor der Corona-Virus-Krise ohne Ratten in Bergen von verrottenden Lebensmitteln erstickt wäre. Sie fraßen vieles davon auf. Sie sind wie eine Gratis-Müllabfuhr.“ kauck
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