Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 18/2020 vom 27.04.2020, Foto: picturedesk.com
Die Musiklegende Bono wird 60 Jahre alt
„Ich war ein Satansbraten“
Als Kind bewarf Bono Lehrer mit Hundekot und flog von der Schule. Heute füllt der irische Rocksänger mit seiner Band „U2“ Stadien und kämpft gegen den Hunger auf der Welt. Auf der Bühne steht der Barde, der seine Stimme nicht gerne hört, noch immer. Zum Schweigen konnte ihn auch ein Nahtoderlebnis nicht bringen.
Ich glaube, mein Größenwahn hat früh begonnen“, scherzt der Rocksänger Bono. Er hob bereits in Schulzeiten die Band „U2“ aus der Taufe. Die vier Rocker aus Irland und England gelten mit rund 170 Millionen verkauften Tonträgern als Band der Superlative.

Seine Bekanntheit nutzt der Barde mit den markanten Sonnenbrillen, die er aufgrund einer „Grüner Star“-Erkrankung trägt, für politische und soziale Zwecke. Er hat sich dem Kampf gegen die Armut und AIDS verschrieben. Klein bei gibt der Sänger und Weltverbesserer auch mit 60 Jahren nicht.

Die Geschichte des Ausnahmekünstlers beginnt mit der außergewöhnlichen Geschichte seiner Eltern. Seine Mutter war protestantisch, sein Vater katholisch. Das machte eine Beziehung im von Religionskonflikten geprägten Irland fast unmöglich. Dennoch trafen sich die beiden Verliebten heimlich und beschlossen zu heiraten. Kurz nach der Hochzeit kam ihr erster Sohn Norman Robert zur Welt. Acht Jahre später, am 10. Mai 1960, erblickte Bono als Paul David Hewson das Licht der Welt.

Der frühreife, offene und nachdenkliche Bursche galt als schwieriges Kind. „Meine Mutter nannte mich liebevoll ‚Satansbraten‘, nicht zu Unrecht“, schmunzelt er. Wegen seiner Schreianfälle liefen die Eltern von Arzt zu Arzt, aber ohne einen nennenswerten Befund zu bekommen. Er habe eben nur ein ausgeprägtes Temperament gehabt.

Mit elf Jahren kam er auf die St. Patrick‘s Secondary Schule im Zentrum von Dublin. „Ich war dort nicht glücklich, schließlich wurde ich nach einem Jahr gebeten, die Schule zu verlassen.“ Streng genommen war es aber ein glatter Rauswurf, denn nachdem er seinen Spanischlehrer mit Hundekot beworfen hatte, war das Maß voll und er flog von der Schule. Bono wechselte an eine Gesamtschule, an der er sich gut einfand.

Als der Bursche 14 Jahre alt war, trafen seine Familie zwei schwere Schicksalsschläge. Erst starb sein Großvater völlig unerwartet in der Nacht nach seiner Silberhochzeit. Dann brach auf dessen Beerdigung Bonos Mutter zusammen und starb kurz darauf an einer Gehirnblutung. „Unser Daheim war nicht mehr unser Zuhause, sondern nur noch ein Haus“, meint Bono.

Der traumatisierte Bub flüchtete sich in die Musik und begann, Gitarre zu spielen und zu singen. „Bands wie die ‚Ramones‘ oder ‚Thin Lizzy‘ waren meine Vorbilder.“ Seine Mitschüler nannten ihn Bono Vox, vom lateinischen „bona vox“, was „gute Stimme“ bedeutet, in Anlehnung an ein gleichnamiges Hörgerätegeschäft in der Dubliner Innenstadt. Bald wurde daraus sein Künstlername Bono.

Mit 16 Jahren erspähte Bono eine Anzeige des Schlagzeugers Larry Mullen junior, 58. Sein späterer Bandkollege suchte Talente für eine Rockgruppe. Kurz danach entstand die Gruppe „Feedback“, aus der „U2“ wurde. Der Name stammt von dem amerikanischen „Spionage“-Flugzeug „Lockheed U-2 Dragon Lady“, das der Geheimdienst CIA (Central Intelligence Agency) für seine Zwecke verwendete. „Das war die Idee eines Freundes. Ich will ehrlich sein, ich mag den Namen wirklich nicht“, gesteht Bono.

Beim Publikum kamen die Musiker mit ihrem eigen-
willigen Bandnamen jedoch an. 1978 gewannen sie in einer Talentesendung den ersten Preis. „Dafür gab es fast 600 Euro und einen Plattenvertrag.“ Von da an ging
es steil bergauf. Im Jahr 1983 schafften „U2“ den Durchbruch mit ihrem Album „War“.

„Der Erfolg stieg mir zu Kopf. Ich war extrem undiszipliniert. Es ging so weit, dass für mich hinter der Bühne ein Sandsack aufgehängt wurde, den ich nach Konzerten verprügelte“, erinnert er sich.

Im Jahr 1985 spielten „U2“ auf dem vom Musiker Bob Geldof, 68, veranstalteten Wohltätigkeitskonzert „Live Aid“, anlässlich der Hungersnot in Äthiopien. „Ihr könnt Geschichte machen, indem ihr Armut Geschichte werden lasst“, richtete Bono den weltweit 1,5 Milliarden Zusehern aus, die das Spektakel live mitverfolgten. Auch bei der Neuauflage im Jahr 2005 war er mit dabei.

Doch der Weltverbesserer musste auch Kritik einstecken. Als herauskam, dass er einen Teil seiner Einkünfte günstig in den Niederlanden versteuerte, und er gleichzeitig Geld von den reichen Ländern für Afrika forderte, war sein Gutmenschen-Image angekratzt. Auch seine Beteiligung am Internet-Giganten Facebook nehmen ihm seine Bewunderer übel.

Rückendeckung bekommt er freilich von seiner Familie. Er ist seit 1982 mit seiner Jugendliebe Alison Stewart, 53, verheiratet. Mit ihr hat er zwei Töchter und zwei Söhne. Tochter Eve Hewson, 30, etwa ist Schauspielerin. Spross Elijah Hewson, 20, übt sich als Rocksänger. „Bevor du in einer Band spielst, solltest du erst das College besuchen“, mahnte ihn deswegen sein Vater, der heute aber stolz auf ihn ist.

Mit seiner eigenen Musik ist Bono unzufrieden. „Ich zucke bei ‚U2‘-Liedern zusammen. Vor allem meine Stimme kann ich nicht hören“, gesteht der Sänger, der vor Jahren einen schweren Fahrradunfall im New Yorker (USA) Central Park hatte. Der linke Oberarmknochen war sechsfach gebrochen und wurde mit Metallplatten und -schrauben fixiert. „Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder Gitarre spielen würde“, sagt der genesene Musiker, der bereits für heuer das neue „U2“-Album „Power of Sound“ ankündigte.

Und auch ein Nahtoderlebnis im Jahr 2015 konnte den Musiker nicht zum Schweigen bringen. „Ich hörte beinahe auf, zu sein, und spürte, wie Gott zu mir sprach“, verriet der tiefgläubige Christ. Über die Ursache schweigt Bono, vermutet wird aber ein Herzinfarkt. Er tritt heute kürzer. „Ich will mir nicht vormachen, dass ich als ‚Rockstar‘ unsterblich sei, denn ich bin nicht unsterblich.“ rb
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung