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Ausgabe Nr. 13/2020 vom 24.03.2020, Fotos: Waldrappteam, www.waldrapp.eu
Dr. Johannes Fritz zeigt den Waldrappen, wo‘s langgeht.
Flugunterricht für den Waldrapp
Er ist einer der seltensten Vögel der Welt und gilt in freier Natur als beinahe ausgestorben – der Waldrapp. Der Verhaltensbiologe Dr. Johannes Fritz will die Vögel wieder dauerhaft in Mitteleuropa ansiedeln. Doch dafür ist es nötig, ihnen den Weg in ihr Wintergebiet zu zeigen. Und zwar mit einem Leichtflugzeug. Denn von alleine wissen die Jungtiere aus der Zoohaltung nicht, wo sie hinfliegen sollen.
Bis ins 17. Jahrhundert war der Waldrapp mit seinem langen krummen Schnabel, dem kahlen Kopf und den rot gefärbten Beinen in Europa weit verbreitet. Doch weil sein Fleisch als Delikatesse galt, wurde er gnadenlos gejagt und beinahe ausgerottet. Aktuell existiert weltweit nur noch eine kleine Wildkolonie in Marokko (Nordafrika).

„In Zoos und Aufzuchtstationen wie dem Tierpark Rosegg (K) konnte der bis zu eineinhalb Kilo schwere Ibisvogel jedoch vor seinem endgültigen Verschwinden bewahrt werden“, berichtet der Verhaltensforscher Dr. Johannes Fritz. Der gebürtige Tiroler bemüht sich schon seit seiner Studienzeit, den gänsegroßen Vogel in Europa wieder anzusiedeln. Und zwar auf fast die gleiche Art wie bei „Nils Holgersson“ – bloß im Leichtflugzeug.

„Das Hauptproblem bei der Wiederansiedelung ist, dass der Waldrapp zwar ein Zugvogel ist, seine Flugroute und sein Winterquartier aber erst kennenlernen muss“, erklärt der 51jährige. Eine Aufgabe, die früher normalerweise von zugerfahrenen Artgenossen übernommen wurde.

„Diese Altvögel gibt es jedoch seit knapp 400 Jahren nicht mehr. Deshalb versuchen wir, neue dauerhaft ziehende Kolonien aufzubauen, in dem wir die Jungvögel mithilfe von Leichtflugzeugen in die Toskana (Italien) leiten, wo sie überwintern können“, erklärt Fritz, der für dieses Vorhaben sogar den Pilotenschein erwerben musste. Damit der Flugunterricht funktioniert, werden jedes Jahr ab April die zwei bis acht Tage alten Zooküken von menschlichen Müttern per Hand aufgezogen. Mehr als ein halbes Jahr lang verbringen Ersatzmamas wie Corinna Esterer dann rund um die Uhr bei ihren liebesbedürftigen Schützlingen.

„Die Pflegerinnen kuscheln viel mit den Küken, reden mit ihnen und tragen dabei immer gelbe Leibchen. Denn die Vogelkinder sollen ihre Zieheltern an ihrem Aussehen und ihren Stimmen wiedererkennen, ihnen vertrauen und überall hin folgen“, erklärt der Fachmann. Ab Mai, sobald die jungen Waldrappe mit dem Flügelschlagen beginnen, ziehen sie in ein Trainingslager am Bodensee um, wo sie an das Leichtflugzeug gewöhnt werden. Dort starten die Ersatzmamas dann wochenlang mehrmals täglich in die Lüfte und rufen die Vögel mit dem eingeübten Kommando „Kommt, kommt, Waldis, kommt kommt“ herbei. Am Ende des Flugunterrichtes steht ab Mitte August schließlich die gemeinsame Überquerung der Alpen bevor – der Pilot und die Ziehmutter im Leichtflugzeug, die Vogelkinder mit 40 bis 45 Stundenkilometern hinterher.

„Die Tagesetappen sind dabei bis zu 150 Kilometer lang, und das zum Teil in 3.000 Metern Höhe“, berichtet Dr. Johannes Fritz, der die tausend Kilometer lange Reise seit 2005 bereits 14 Mal erfolgreich absolviert hat.

Am Zielort in der Toskana werden die Waldrappe dann ausgewildert. Ob die Aktion erfolgreich war, erfahren die Forscher allerdings erst drei Jahre später.

„So lange dauert es, bis die Vögel geschlechtsreif sind und zurückfliegen zum Ort ihrer Kindheit, um dort zu brüten“, erklärt der Experte. Etwa 140 Tiere konnte das „Waldrappteam“ auf diese Art bereits erfolgreich auswildern. Mittlerweile gibt es im bayerischen Burghausen, in Überlingen am Bodensee (D) sowie in Kuchl (S) sogar drei eigenständig wachsende Brutkolonien. „Die Waldrappe ziehen dort ihre Jungen groß und bringen sie, was enorm wichtig ist, dann auch selbst in das italienische Winterquartier“, freut sich der Tierschützer. Allerdings ist der aktuelle Bestand an zugfähigen Waldrappen noch etwas zu gering. „Wir bräuchten mindestens 350 Tiere, damit der Nachwuchs trotz illegaler Wilderei dauerhaft gesichert bleibt“, sagt der Verhaltensbiologe. Das von der EU geförderte Artenerhaltungsprojekt soll deshalb ab 2021 fortgeführt werden. „Für heuer müssen wir wegen der Corona-Krise leider pausieren. Dafür sind schon die ersten Vögel aus Italien zum Brüten bei uns eingeflogen“, freut sich Fritz. Hwie
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