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Ausgabe Nr. 13/2020 vom 24.03.2020, Foto: picturedesk.com
Durch die Ausgangsbeschränkungen droht mehr häusliche Gewalt.
Gefahr in den eigenen vier Wänden
Es ist eine traurige Statistik. Heuer sind schon sechs Frauen ermordet worden, es gab sieben Mordversuche. Im Schnitt ist jede fünfte Frau Opfer von Gewalt. Angesichts der Corona-Quarantäne könnte die Zahl dieser Fälle deutlich steigen.
Die eigenen vier Wände sind der gefährlichste Ort für Frauen. 34 Frauen wurden im Vorjahr ermordet. 9.700 Mal musste die Polizei im Jahr 2018 bei häuslicher Gewalt eingreifen. Doch mit den jetzigen Ausgangsbeschränkungen könnten die Fälle deutlich steigen. Das befürchtet auch Maria Rösslhumer vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser. „Es ist eine Ausnahmesituation“, sagt sie. „Die Menschen sind auf engem Raum zusammen. Womöglich sind oder werden viele auch arbeitslos, was gerade für Männer eine große Verunsicherung bedeutet.“

Allein in den ersten beiden Tagen der rigorosen Ausgangs-Beschränkungen haben 49.000 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Wirtschaftliche Unsicherheit, Existenzsorgen und die Bewegungseinschränkung ergeben unter Umständen eine giftige Mischung. Einander auszuweichen ist kaum noch möglich. Denn „alle Orte, wo Männer hingehen, Gaststätten, Fußballplätze, Sportklub, die sind jetzt geschlossen“, gibt Maria Rösslhumer zu bedenken.

Stattdessen ist oft die ganze Familie länger zuhause, weil die Kinder auch nicht in die Schule gehen, und das vielleicht in einer kleinen Wohnung. „Wir wissen, dass zu Weihnachten, im Urlaub, wenn die Familien eng zusammen sind, es immer wieder zu Eskalationen kommt.“ Alleine um den Block zu gehen oder einzukaufen, kann die häusliche Lage aber zumindest zeitweise entschärfen.

In China stieg nach der Quarantäne die Zahl der Scheidungswilligen enorm. Eine Frauenrechtsorganisation berichtete von drei Mal mehr Anrufen während der Ausgangssperre. Bei der Polizei meldeten sich laut einem Bericht mehr Opfer von häuslicher Gewalt. Doch die Lage im „Reich der Mitte“ unterscheidet sich zumindest teilweise von der Situation bei uns. „In China gibt es wenig Opferschutzeinrichtungen, zum Beispiel auch nicht die Wegweisung wie bei uns. Das müssen wir schon unterscheiden.“ Trotzdem rechnen Expertinnen damit, dass es zu einem Gewaltanstieg kommen kann.

Die Regierung hat deshalb eine „Offensive gegen häusliche Gewalt“ vorgestellt. „Konkret stärken wir den Frauen-Notruf finanziell und personell, sodass sich Frauen zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Telefonnummer 0800/222 555 rund um die Uhr an Expertinnen wenden können“, sagt ÖVP-Frauenministerin Susanne Raab.

Unter „www.haltdergewalt.at“ ist zusätzlich noch eine Online-Beratung täglich in der Zeit von 15 bis 22 Uhr erreichbar.

In Italien haben Anti-Gewalt-Zentren zuletzt jedoch einen Rückgang der Anrufe verzeichnet. Ein Signal, dass Menschen angesichts der Quarantänepflicht dazu tendieren, „auszuhalten“ und sich nicht zu melden, glauben dortige Beobachter.

Bei uns gab es in der Vorwoche noch keinen „Riesen-Ansturm“ auf die Beratungsangebote. „Doch ich bin mir sicher, je länger es dauert, desto schwieriger wird es“, befürchtet Maria Rösslhumer. „Wir sind gerüstet.“ Für etwaige volle Frauenhäuser und solche mit Aufnahmestopp werden Ausweichquartiere gesucht. Eine Möglichkeit sind leerstehende Hotels. „Da ist die Infrastruktur schon vorhanden.“ Das Land Oberösterreich stellt auf jeden Fall ein nicht mehr gebrauchtes Asylwerber-Quartier für Frauenhausplätze zur Verfügung. Für bis zu 20 Frauen und ihre Kinder könnte dort Platz sein. Auch Vorkehrungen für die Sicherheit der Familien werden getroffen.

Die Polizei beruhigt jedenfalls. Es werde weiter Wegweisungen geben, heißt es aus dem Innenministerium. „An der Gesetzeslage hat sich überhaupt nichts geändert. Das wird ganz genauso weiter gehandhabt wie bisher.“ Die Ausgangs-Beschränkungen angesichts der Corona-Krise machen keinen Unterschied bei der Vorgangsweise. „Wenn Sie jemanden haben, der zuhause häusliche Gewalt ausübt, dann müssen Sie schauen, dass er wegkommt. Er kommt dann irgendwo anders unter, sei das bei den Eltern, seinen Freunden oder Geschwistern. Da ändert sich nichts, er geht halt von einer Hausgemeinschaft in die andere Hausgemeinschaft.“

Niemand solle sich scheuen, die Polizei zu rufen, weder als Betroffene noch als Nachbarn, die vielleicht Zeugen von häuslicher Gewalt werden. „Wir sind für die Menschen da wie immer. Wir haben extra dafür gesorgt, dass wir genug Ressourcen haben, dass wir das längere Zeit in erhöhtem Maße schaffen.“

Vor allem die Nachbarn will Maria Rösslhumer ermutigen, jetzt genau hinzuhören. Denn im Schnitt ist jede fünfte Frau Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. Aber auch Worte können verletzen.
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