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Ausgabe Nr. 12/2020 vom 17.03.2020, Foto: Maurice Shourot
Reinhold Bilgeri wurde am 26. März 1950 in Hohenems (V) geboren.

Er unterrichtete an der AHS Feldkirch Deutsch, Geografie und Philosophie, ehe er 1981 seinen Jugendtraum wahr machte und Musiker („Video Life“, „Some Girls are Ladies“, „Sayonara Boy“) wurde. 2005 landete er mit dem Roman „Der Atem des Himmels“ einen Bestseller, den er 2010 unter seiner Regie verfilmte.

Bilgeri ist mit der Schauspielerin und ehemaligen „Miss Vorarlberg“ Beatrix Bilgeri, 59, verheiratet. Die gemeinsame Tochter Laura kam 1995 zur Welt.
„Ich habe nie für die Pension einbezahlt“
Er macht Musik, schreibt Romane und dreht Filme. Der „Rock-Professor“ Reinhold Bilgeri feiert am 26. März seinen 70er. Der ehemalige Lehrer, der eigentlich Pfarrer hätte werden sollen, erinnert sich an Bubenstreiche im Internat, schwärmt von der Liebe seines Lebens und erklärt, warum er arbeiten möchte, bis er umfällt.
Herr Bilgeri, im Februar 1989 lächelten Sie und Ihre Frau Beatrix am „WOCHE“-Titelblatt. Erinnern Sie sich?
Ja, sicher, das war kurz vor unserer Hochzeit. Ich weiß sogar, was damals geschrieben stand, und zwar „Bilgeri im Glück“, woran sich 31 Jahre später nichts geändert hat. Damit leben Beatrix und ich wohl gegen die Statistik.

Wie ist Ihnen das gelungen?
Bei uns beiden war es von Anfang an die sinnliche Basis, die uns noch immer verbindet, plus Respekt und Würde. Unser Kennenlernen war wie ein Meteoriten-Einschlag, es war Liebe von der ersten Sekunde an.

Das könnte aus einer Romanze von Rosamunde Pilcher stammen …
Ja, das klingt kitschig-harmonisch, ist aber tatsächlich so. Meine Frau und ich streiten so wenig, dass wir nie eine Streitkultur entwickeln mussten. Wenn einer dem anderen einmal auf die Zehen gestiegen ist, schwiegen wir halt eine Zeitlang, waren beleidigt, haben uns aber schnell wieder versöhnt. Wenn unsere Tochter Laura, Kinder sind ja sehr sensibel, dazwischengegangen ist, waren wir noch schneller wieder gut miteinander. Wir sind eine glückliche Familie, Punkt. Und haben einfach „Schwein“ gehabt.

Respekt in der Ehe ist die eine Sache. Wie bleibt die Erotik „frisch“?
Natürlich bewegt sich der Sex nicht ewig auf derselben Ebene, Hormone können sich verflüchtigen, aber die Zeit gibt der Liebe neue Farben und Formen. Ein Leben lang Purzelbäume zu schlagen, geht nicht, dafür werden im Lauf der Liebesjahre die Zärtlichkeiten und die Impulse zur Umarmung intensiver.

Pflegen Sie ein spezielles Liebes-Ritual?
Wir verheiraten uns mit unseren Blicken immer wieder neu. Obwohl ich kein Esoteriker bin, sage ich, dass Beatrix und ich seelenverwandt sind. Es gibt spirituelle Dinge, die Platz zwischen den Menschen ergreifen. So einen Moment erlebten wir auf dem Balkon eines Hotels. Wir schauten uns minutenlang an, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Ich habe diese Szene in meinen Roman „Der Atem des Himmels“ einfließen lassen. Wir sind damals miteinander verschmolzen.

Auf immer und ewig, komme, was wolle …
Wir sind innigst miteinander verbunden. Wenn ich sterbe und dabei nicht am selben Ort wie Beatrix sein sollte, würde sie das spüren. Und umgekehrt wäre es ebenso.

Aber über das Sterben wollen wir nicht sprechen, oder?
Warum nicht, das ist für mich kein Tabu-Thema. Jeden Tag führe ich mir ein paar Sekunden lang die Endlichkeit des Lebens vor Augen. Der Tod ist eine Art Freund, der mir in die Augen schaut, und ich sage zu ihm, „nein, jetzt noch nicht, Baby“. Und wenn er kommt, dann habe ich eh keine Chance gegen ihn.

Sie singen, schreiben Bücher und drehen Filme. Der „Atem des Himmels“, Ihr Roman, der verfilmt wurde, wurde mit mehr als 70.000 verkauften Büchern ein Bestseller. Woran arbeiten Sie gerade?
Ich schreibe einen Roman über die Nachkriegszeit. Was damals passierte, kommt immer wieder auf. Es müssten eigentlich alle Kinder durch die Konzentrationslager geführt und ihnen gezeigt werden, wozu der Mensch fähig ist. Damals, als ich am Gymnasium in Feldkirch unterrichtete, habe ich dieses Thema oft aufgegriffen. In dem Roman zeige ich auf, wie der Vatikan Massenmörder wissentlich schützte und ihnen Fluchtwege nach Südamerika ermöglichte.

Sie werden also mit den höchsten Kirchenvertretern hart ins Gericht gehen?
Meine Mama war Religionslehrerin. Sie hat mich, als ich zehn war, ins Internat gesteckt. Von daher hatte ich als Kind viel mit der katholischen Kirche zu tun und erlebte alles, bis hin zur Prügelstrafe. Und das, obwohl stets von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Liebe die Rede war. Dann erfährst du pötzlich, was in den Konzentrationslagern passierte und wie die Führer der Kirche damit umgegangen sind. Diesen schweren Klotz, den ich seither mit mir herumtrage, arbeite ich in meinem Roman auf. Beim Titel überlege ich noch, „Tauben haben kein Gewissen“ könnte gut passen.

Wie hat Sie die katholische Erziehung geprägt?
Sie hat mich vom Glauben entfernt. Ich bin zum Agnostiker geworden. Wobei das Christentum sicher kein Fehler ist. Problematisch wird‘s, wie überall, wenn die Menschen machtbesoffen sind. In den obersten Funktionen der Kirche vergessen die Geistlichen scheinbar, was sie früher gepredigt haben, und verhalten sich so wie die Politiker.

Ihre Eltern hätten Sie lieber in einem sicheren Beruf als
in der Künstler-Branche gesehen. Gab‘s da Streit?

Meine Mutter hätte sich gewünscht, dass ich Priester, oder noch besser, Bischof werde. Deswegen kam ich ins Internat. Schon damals war der Schriftsteller Michael Köhlmeier mein bester Freund. Wir waren schon zwei „böse Buben“, die g‘scheite Streiche lieferten, weshalb wir schließlich voneinander getrennt wurden. Köhlmeier landete bei den Kapuzinern im Fidelis-Heim, ich bei den Missionaren vom kostbaren Blute Jesu in Feldkirch. Wir waren also in unterschiedlichen Internaten, besuchten aber dieselbe Schule. Uns konnte niemand auseinanderbringen, bis heute nicht.

Priester sind Sie nicht geworden, aber Lehrer. Wann haben Sie beschlossen, den Beruf hinzuschmeißen und ins künstlerische Fach zu wechseln?
Insgeheim wollte ich schon seit meiner Jugend singen, schreiben und Filme machen. Ich wusste, dass das für meine Eltern ein Drama war. Wenn schon kein Pfarrer aus mir geworden ist, wollten sie, dass ich wenigstens ein braver Professor, der ich bis 1981 war, bleibe. Aber mit 31 Jahren beschloss ich, Musik zu machen. Mein Papa hat kein einziges Konzert von mir besucht, was mich schon gekränkt hat. Wobei mich mein Vater sicher liebte. Aber die Art, mir seine Liebe zu zeigen, war halt, seinen Buben in Sicherheit zu sehen.

Sie sind in einer Großfamilie aufgewachsen. War‘s da manchmal turbulent?
Wir sind zu sechst aufgewachsen, da war immer was los. Wir waren vier Buben und zwei Mädchen. Einer meiner Brüder ist „zuogroast“. Meine Tante hat bei seiner Geburt ihr Leben verloren. Meine Mama hat ihn aufgenommen wie ihr eigenes Kind. Meine beiden Schwestern wollten mich immer gern herumkommandieren, manchmal haben sie mich sogar im Klo eingesperrt. Aber ich ließ mir nichts gefallen.

Kann Sie etwas aus der Fassung bringen?
Ich bin ein friedliebender Mensch. Außer, wenn wir einen Film drehen, und es läuft nicht jedes Detail wie geplant, bricht es kurz aus mir aus. Daheim haben mich Beatrix, Laura und „Jacky“, unser Hund, im Griff. Meinen Mädels bin ich komplett ausgeliefert.

Ihre Tochter Laura, 24, lebt in den USA. Wie schwierig war es, die Tochter loszulassen?
Das reißt uns noch immer fast das Herz heraus. Aber wir verstehen, dass sie als Schauspielerin nach Amerika wollte, weil dort einfach die besten dieser Branche sind. Dank Skype-Telefonie und WhatsApp halten wir viel Kontakt mit ihr. Gäbe es diese Möglichkeiten nicht, könnte ich mir das gar nicht vorstellen. Wir besuchen Laura so oft wie möglich.

Sind Sie gerne in den USA?
Damit wir unsere Tochter sehen können, selbstverständlich. Aber früher, in den 1960er und 1970er Jahren war ich in Bezug auf Amerika regelrecht euphorisch. Die Amerikaner haben uns nicht nur von Hitler befreit, die Burschen aus Ohio und Washington haben uns genau die Musik gebracht, die unsere Zeit damals brauchte. Die Lieder, die ich unter dem Kopfpolster gehört habe, waren damals mein Lebenselixier. Zur Gegenwart kann ich nur sagen, dass in Amerika inzwischen eine katastrophale Vertrottelung herrscht, bei der mir angst und bange wird. Seit der Trump-Zeit, der nur „America first“ brüllte, damit ihm alle hinterherliefen wie dem Rattenfänger von Hameln, ist in den USA ein völlig anderes Flair als in meiner Jugendzeit.

Sie befinden sich auf Abschieds-Tour.
Die März-Termine Ihrer Konzerte mussten aufgrund des Regierungserlasses in Bezug auf das Corona-Virus verschoben werden.

Wie gehen Sie damit um?
Zum einen ist das natürlich jammerschade. Die Band und ich sind bestens vorbereitet. Das ist ein ähnliches Gefühl wie bei einem Schi-Rennläufer, der vollgepumpt mit Adrenalin am Start steht und plötzlich heißt es, dass das Rennen abgebrochen wird. Das zieht dir den Boden unter den Füßen weg. Und klar, der Schaden ist groß. Aber da müssen jetzt alle Künstler durch, die vor einem Publikum auftreten.

Halten Sie die Regelung für gerechtfertigt?
Der Regierungserlass ist nicht übertrieben. Schließlich geht es um unser aller Gesundheit. Das Virus ist noch viel zu wenig erforscht, da muss jetzt jeder einzelne Mensch brav sein, keiner darf aus der Reihe tanzen.

Dabei wären Sie am 26. März, an Ihrem Geburtstag, im Wiener Orpheum auf der Bühne gestanden …
Ja, um mein Geburtstags-Konzert in Wien tut es mir besonders leid. Das hätte eine feine Party werden sollen. Jetzt werde ich halt mit meinen Frauen, Beatrix, Laura und unserem Hundi, in aller Ruhe daheim feiern. Vielleicht ist es grundsätzlich gar nicht einmal so schlecht, wenn die Turbo-Zeit, in der wir leben, für ein paar Wochen zum Stillstand kommt.

Gibt es Ersatztermine für die März-Konzerte?
In St. Pölten (NÖ) spielen wir, so der Plan, am 6. Mai, in Götzis (V) am 30. Mai, im Orpheum in Wien am 4. September und in Pörtschach (K) am 8. Oktober.

Sie sprechen von einer „Abschiedstour“. Das klingt endgültig …
Na ja, die Abschiedstournee der „Rolling Stones“ dauert schon 20 Jahre. Ich werde sehen, wie‘s den Menschen
gefällt. Manche werden sich denken, schauen wir einmal, ob der Bilgeri noch auf der Bühne stehen kann.

Was wünschen Sie sich zum 70er?
Dass ich bis zu meinem Lebensende arbeiten kann. Pension habe ich nie eingezahlt, außer eine Kleinigkeit in den fünf Jahren, in denen ich Lehrer war. Ich werde also nie in Pension gehen. Dafür darf ich von dem leben, was ich am liebsten tue und was ich am besten kann, und zwar schreiben, singen und Filme machen. Deshalb möchte ich arbeiten, bis ich umfalle.
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