Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 12/2020 vom 17.03.2020, Foto: Berger
Obst- und Gemüsehändler Karl Kucera, 67, klagt über Umsatzeinbußen am Wiener Naschmarkt.
Angst um die Existenz
Das Corona-Virus trifft die Unternehmen hart. Umsatzrückgänge und Lieferengpässe führen zu Kurzarbeit, andere Menschen verlieren ihre Anstellung. Die WOCHE hat sich bei den Menschen umgehört. Viele bangen um ihre Existenz.
Es ist eine Katastrophe, ich chauffiere drei Mal so wenig Menschen wie sonst“, klagt der Taxifahrer Georg Laios, 63, der in seinem grauen Mercedes vor dem Bahnhof Wien Heiligenstadt auf Kundschaft wartet. Als Angestellter sei er prozentuell am Umsatz beteiligt, eine Entschädigung gebe es nicht und die Aussicht sei schlecht. „Es ist, als wäre ein Krieg ausgebrochen. Die Stadt ist wie ausgestorben.“

Denn aufgrund des Corona-Virus ist das öffentliche Leben stark eingeschränkt. Schulen sind geschlossen und in Spitälern wurde ein Besuchsverbot verhängt. Großveranstaltungen dürfen nicht stattfinden, zudem sind Museen und Lokale geschlossen. In Wien sind auch das Schloss Schönbrunn und der Tiergarten für Besucher gesperrt. Die Touristenzahlen sinken.

Das spürt auch der Obst- und Gemüseverkäufer am Wiener Naschmarkt, Karl Kucera, 67. „Ich mache gut 40 Prozent weniger Umsatz, und ich fürchte, es wird noch schlimmer.“

Das Corona-Virus stellt die heimische Wirtschaft mittlerweile vor immer größere Probleme. Zahlreiche Unternehmen sind „infiziert“. In den Führungsetagen jagt eine Krisensitzung die nächste.

Kurzarbeit bei den Austrian Airlines

Die heimische Fluglinie Austrian Airlines (AUA) stellt vorerst ihren Flugbetrieb bis 28. März ein. Das bedeutet enorme Umsatzeinbußen und daher Kurzarbeit für die rund 7.000 AUA-Mitarbeiter. Genau wie für die rund 6.800 Angestellten des Wiener Flughafens. Entsprechende Anträge wurden bereits an das Arbeitsmarktservice (AMS) gestellt.

Denn das AMS fördert das Modell Kurzarbeit, bei dem Angestellte bei reduzierter Stundenzahl das gleiche Gehalt bekommen. Die Dauer ist zunächst auf sechs Monate beschränkt. Der maximale Beihilfenzeitraum beträgt 24 Monate. Das für heuer vorgesehene Budget für Kurzarbeit von 20 Millionen Euro ist aber bereits aufgebraucht.

Der Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Wolfgang Katzian, fordert daher ein spezielles Maßnahmenpaket. Er ist überzeugt: „Das System der Kurzarbeit hat sich auch in der Finanzkrise bewährt.“ Im Jahr 2009, dem Jahr nach der Finanzkrise, gab es bei uns 66.500 Fälle von Kurzarbeit in 508 Unternehmen. Das kostete rund 129 Millionen Euro.

Heuer waren mit Ende Februar 21 Unternehmen in Kurzarbeit mit 1.746 betroffenen Mitarbeitern. Laut dem AMS wurden in den vergangenen Tagen mehr als 150 Anträge gestellt, Tendenz stark steigend. Von ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz wurden bereits Mittel für die Kurzarbeit zugesagt, bislang wurden dafür 400 Millionen Euro bereitgestellt. Sie sind in einer Soforthilfe für die Wirtschaft mit einem vier Milliarden Euro Krisenbewältigungs-Fonds enthalten.

Auf Hilfe der Politik hofft auch Carolina Schimpl, 38, die in Hirschbach (OÖ) eine Gastwirtschaft mit fünf Angestellten führt. „Wir spüren das Corona-Virus sehr. Die Hälfte der Reservierungen wurde storniert, meist kleine Privatfeiern wie Geburtstagsfeiern, Taufen und sonstige Festlichkeiten.“ Für Ostern gebe es noch keine Stornierungen.

„Für uns ist das ein großer wirtschaftlicher Einschnitt. Wir wollen unsere fünf Mitarbeiter unbedingt behalten, Entlassungen stehen an letzter Stelle. Derzeit bauen wir Urlaube und Zeitausgleich ab. Indem wir Arbeiten, die schon lange anstehen, erledigen, versuchen wir ,die Zeit zu überbrücken.“ Wenn die Situation aber länger anhält, sei es aber wohl kaum zu schaffen.

Virus trifft „Kleine“ hart

Auch die Fotografin Monika Aigner, 41, aus Bad Leonfelden (OÖ) klagt über weniger Aufträge. „Innerhalb von nur zwei Tagen wurden zahlreiche Veranstaltungen abgesagt. In dieser kurzen Zeit habe ich bereits finanzielle Einbußen von rund 5.000 Euro erlitten. Ob ich diese Ausfälle mit Terminverschiebungen wieder annehmen kann, weiß ich nicht, da meine Termine ja verplant sind.“ Neue Aufträge gibt es derzeit nicht. Auch die Frequenz im Studio ist rückläufig. Dennoch müsse sie die Miete für ihr Studio und das Gehalt für ihre Mitarbeiterin bezahlen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihren Arbeitsplatz halten kann. Und dann wird es auch für mich eng. Weitere Auftragsabsagen kann ich mir nicht leisten.“

Wie es für Unternehmer und ihre Angestellten konkret weitergeht, ist ungewiss. Ein Sprecher von ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck betont: „Wir sind uns der schwierigen Situation der Unternehmer bewusst und arbeiten mit Hochdruck an Lösungen.“ Wie es konkret mit Entschädigungszahlungen aussieht, wurde nicht beantwortet.

Die Folgen für die Wirtschaft sind jedenfalls enorm, ist der Chef des Institutes für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher, überzeugt. „In Summe werden die heimischen Unternehmen einen Schaden von mehreren Milliarden Euro hinnehmen müssen.“

Er erwartet eine verringerte Wirtschaftsleistung von 0,3 bis 0,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). Ursprünglich war für heuer ein Wirtschaftsplus von 1,3 Prozent diagnostiziert. rb
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung