Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 11/2020 vom 10.03.2020, Fotos: Wolfgang Obermüller, Privat
Wolfgang Obermüller, Franz-Joseph Huainigg
Soll Sterbehilfe bei uns möglich sein?
Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat das Verbot der „geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ gekippt. Es gebe ein „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“. Bei uns müssen sich die Verfassungsrichter demnächst mit den Paragrafen 77 (Tötung auf Verlangen) und 78 (Mitwirkung am Selbstmord) beschäftigen. Die „Österreichische Gesellschaft für ein humanes Lebensende“ (ÖGHL) begrüßt die deutsche Entscheidung. Im Gegensatz zum Ex-ÖVP-Abgeordneten und „aktion leben“-Vorstandsmitglied Franz-Joseph Huainigg.
JA: Wolfgang Obermüller,
ÖGHL-Sprecher:

„Im Lichte des richtungsweisenden Urteiles des deutschen Bundesverfassungsgerichtes ist klar, dass wir alle – auch in Österreich – ein Menschenrecht haben, unser Leben zu beenden, wann immer wir das wollen. Das ist ein Schritt nach vorne für all jene, die mehr Selbstbestimmung, Würde und Menschlichkeit am Lebensende einfordern. Die deutschen Verfassungsrichter haben den Gesetzgeber zudem aufgefordert, die jetzt mögliche Sterbehilfe zu reglementieren. Weil sichergestellt werden muss, dass der freie Wille des Betreffenden auch tatsächlich frei ist. Es braucht hier einen begleitenden Prozess, mit dem gewährleistet wird, dass der Mensch diesen Wunsch tatsächlich ernsthaft, dauerhaft, bei klarem Verstand und unbeeinflusst von Dritten äußert. So ist Missbrauch nicht vorstellbar. Wir unterstützen sämtliche Bemühungen, die palliativmedizinische Versorgung auszubauen. Wenn ein Mensch aber freiverantwortlich entscheidet, sanft aus dem Leben scheiden zu wollen, so ist dies zu ermöglichen. Deshalb setzen wir uns für eine Aktualisierung unserer hier extrem rückständigen und nicht menschenrechtskonformen Gesetze ein. Suizidhilfe muss jetzt legalisiert werden.“

NEIN: Franz-Joseph Huainigg,
„aktion leben“:

„Der Wunsch zu sterben hängt meistens mit Perspektivlosigkeit, Schmerzen und Einsamkeit zusammen und muss daher als Hilferuf für eine Verbesserung der Lebenssituation gesehen werden. Die Frage ist, wie dieser scheinbaren Aussichtslosigkeit begegnet werden kann. Bei der parlamentarischen Enquetekommission ,Würde am Ende des Lebens‘ im Jahr 2015 sind alle Parteien auf Basis der angehörten, mehr als 200 Fachexperten übereinge-
kommen, dass in Österreich die Palliativ- und Hospizbetreuung weiter ausgebaut werden soll. Am Verbot der Sterbehilfe soll hingegen festgehalten werden. Diesen österreichischen Weg halte ich für notwendig weiter zu gehen. Ist Sterbehilfe einmal für Ausnahmefälle eingeführt, steigt die Zahl der assistierten Suizide immer mehr. Aus dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben wird für manche Menschen schnell die vermeintliche Pflicht, anderen nicht zur Last zu fallen. Und wer entscheidet für jene, die nicht mehr selbst entscheiden können? Hilfe zur Selbsttötung sollte keine Antwort sein auf Not und Verzweiflung, auf Ängste und Sorgen. Wir brauchen verstärkt eine Kultur des Beistandes und eine Kultur des Lebens.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung