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Ausgabe Nr. 11/2020 vom 10.03.2020, Foto: gepa
Saisonauftakt in Australien für die schnellen PS-Renner mit vielen Fragezeichen
Die Kopier-Formel
Während vor dem am Sonntag beginnenden Saisonstart in Australien einige Teams ungeniert andere Boliden fast in Kopie bauten, könnte sich bei der Formel 1 auch in anderer Hinsicht Historisches ereignen. Allerdings werden die größte Anzahl von Rennen sowie die Chance des Weltmeisters Lewis Hamilton, 35, mit dem siebenten WM-Titel aus dem Schatten von Michael Schumacher, 51, zu treten, vom Corona-Virus und internen Streitereien überschattet.
Gehen am Sonntag in Melbourne (Australien) trotz Corona-Virus-Angst die Startlichter an, sehen die Anhänger nur noch ein Mal die gute alte Formel-1-WM, wie wir sie aus den vergangenen Jahren kennen. Längst ist es beschlossene Sache, dass 2021, eine Ära mit Budgetober-
grenzen, größeren Reifen, standardisierten Einzelteilen, schwereren Autos und langsameren Rundenzeiten die Kräfteverhältnisse völlig neu verteilt und damit mehr Spannung sowie geringere Kosten bringen soll.

Damit bleibt Weltmeister Lewis Hamilton, 35, vermutlich nur noch heuer die große Chance, sich auf ewig in die Annalen der PS-Bücher einzutragen. „Gleich mehrere Rekorde der Legende Michael Schumacher, 51, sind für mich heuer erreichbar“, verrät der ehrgeizige Mercedes-Pilot. Noch führt „Schumi“ mit sieben WM-Titeln, 91 Rennsiegen, 155 Podestplätzen und 24.110 Führungskilometern die Bestenlisten an. Doch der Brite kann nicht nur mit dem siebenten Titel gleichziehen, sondern heuer etwa mit sieben weiteren Rennsiegen
und vier Podestplätzen den Deutschen hinter sich lassen. Werte, die ihn wohl ewig in den Geschichtsbüchern verankern würden. „Ich traue Lewis das zu, ich setze mein Geld auch heuer auf Mercedes“, glaubt etwa der Ex-Pilot Mark Webber, 43. „Sie sind der Konkurrenz mit ihrer Struktur und auch dank Hamilton überlegen.“

Ähnlich sieht das auch der Tiroler Gerhard Berger, 60, als Ex-Ferrari-Fahrer und Experte. „Auch für mich sind die Silberpfeile erneut der Favorit auf die WM. Ich sehe aber auch Vorteile bei Red Bull, während Ferrari aufgrund der Entwicklungen meiner Einschätzung nach Probleme haben wird.“ Und derer gibt es gleich einige. Nicht genug, dass die Testergebnisse miserabel waren und der Pilot Sebastian Vettel, 32, offen einen Wechsel zu Mercedes angedeutet hat, stehen die Italiener massiv in der Kritik, nachdem sie in der vergangenen Saison teils mit illegaler Treibstoffmenge und manipulierter Benzin-Durchflussmenge unterwegs waren. Obwohl die Untersuchungen der FIA dies scheinbar bestätigten, soll Ferrari fast straffrei davonkommen.

„Ein Skandal“, meint nicht nur der Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko, 76, der eine Disqualifikation des Teams für die ganze WM-Wertung erwartet hätte. „Wir sollten auf jene 21 Millionen Euro Preisgeld klagen, die uns dadurch zugestanden wären.“ Neben all dieser Streitereien macht sich sein Team heuer große Hoffnungen. „Unser Motor von Honda hat enorme Fortschritte gemacht, Leistung und Standfestigkeit sind stark verbessert. Unser Ziel heuer ist daher der WM-Sieg“,
sagt Pilot Max Verstappen, 22, der sich als jüngster Weltmeister aller Zeiten verewigen könnte.

Hinter den drei Top-Teams sollte sich das Feld dichter zusammenschieben als früher, auch deswegen, weil heuer so ungeniert kopiert wurde wie noch nie. Manchem Beobachter verschlug es fast die Sprache, als Racing Point mehr oder weniger den Mercedes vom Vorjahr als eigenes Auto präsentierte, nur diesmal rosa statt silbern angestrichen. Die Boliden des Teams Haas und Alfa Romeo wiederum sind ein Klon des Ferrari, Alpha Tauri wiederum kopierte beinhart den Red Bull. Möglich machte dies die enge Kooperation mancher Teams, aber auch das Reglement, das den Zukauf von Fremdmaterial erlaubt. „Wir kaufen viele Teile von Ferrari, also kopieren wir ihr Auto. Alles andere wäre dumm“, rechtfertigt sich etwa der Haas-Teamchef Günther Steiner, 54.

Unter den 20 Fahrern gibt es mit dem Kanadier Nicholas Latifi, 24, im Dienste von Williams nur einen Neuling. Der Hockenheimring (D) flog aus dem Rennkalender, stattdessen ist der Große Preis von Vietnam neu dabei, außerdem wird erstmals seit 1985 wieder in Zandvoort (Niederlande) ein Rennen ausgetragen. Dazugekommen ist auch das Team Alpha Tauri, hinter dem jedoch nur der altbekannte Toro-Rosso-Stall mit neuem Namen steckt. Racing Point wiederum freut sich heuer über einen neuen Hauptsponsor, der sogar aus unserem Land kommt. Das Unternehmen BWT Trinkwasseraufbereitung aus Mondsee (OÖ) will neben den Sponsormillionen noch mehr Gutes tun. „Für jede Platzierung in den Punkterängen errichten wir im afrikanischen Land Gambia einen Brunnen zur Trinkwasserversorgung“, verspricht der Firmengründer Andreas Weißenbacher als Ansporn.

Weniger menschenfreundlich ist freilich die Rennplanung des Formel-1-Organisators Liberty Media. So es das Corona-Virus zulässt, soll es heuer mit 22 Rennen soviele wie noch nie geben, sogar 25 werden für die Zukunft erwogen. „Das Limit ist mit 22 aber schon längst überschritten, das sind zu viele“, ärgert sich Verstappen. „Damit ist wirklich kaum mehr ein Familienleben neben der Formel 1 möglich. Das wird Scheidungen nach sich ziehen.“ Wolfgang Kreuziger
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