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Ausgabe Nr. 11/2020 vom 10.03.2020, Fotos: All mauritius, Asfinag
Zwei „Triel“-Brutpaare könnten die Marchfeld Schnellstraße (S8) (NÖ) verhindern.
Vier Vögel bremsen Autofahrer aus
Nur zwei Brutpaare des bei uns vom Aussterben bedrohten Triels könnten ein 310 Millionen Euro teures Straßenprojekt zu Fall bringen. Weil die Vögel auf der Trasse der Marchfeld Schnellstraße (S 8) in Niederöstereich brüten, steht die geplante Strecke von Wien bis Bratislava (Slowakei) vor dem Aus. Bisherige Kosten in Millionenhöhe drohen in den Weiten des Marchfelds zu versickern.
Mit einer Flügelspannweite von bis zu 88 Zentimetern ist der Triel aus der Familie der Regenpfeifer alles andere als ein kleiner Piepmatz. Menschlichen Blicken entzieht sich der sandfarbene, hierzulande vom Aussterben bedrohte Vogel aber meist erfolgreich.

Sein namensgebender Ruf „Triüüii“ ist einen Kilometer weit zu hören und lässt bei den Planern der Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft (ASFINAG) die Alarmglocken schrillen.

Weil der in Afrika überwinternde Triel von April bis Juni auf der Trasse der geplanten Marchfeld Schnellstraße (S8) brütet, steht das 310 Millionen Euro teure Projekt vor dem Aus. Die 34 Kilometer lange Straße ist seit 18 Jahren im Gespräch und hätte Wien mit der slowakischen Hauptstadt Bratislava verbinden sollen. Der Spatenstich war für kommendes Jahr geplant.

Gegen eine positive Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) haben die Projektgegner jedoch eine Beschwerde eingereicht. Ein Gutachten bestätigt nun, dass sich das Brutgebiet des Triels in den Trassenbereich verlagert hat, weg von dem nahegelegenen Natura-2000-Schutzgebiet „Sandboden und Praterterrassen“.

Der Triel-Experte Georg Bieringer kommt daher in seinem Gutachten zu dem Schluss, „dass das Schutzgebiet zu klein ausgewiesen wurde“. Zudem hat sich der Bestand des Vogels stark verringert. „Früher gab es hier maximal sieben Brutpaare, heute gelten zwei als gesichert.“ Die Weibchen legen ein Mal im Jahr zwei Eier, meist kommt nur ein Junges durch.

Für den Umweltschützer Wolfgang Rehm, der die Bürgerinitiative Marchfeld vertritt, steht daher fest: „Die S8 kann höchstwahrscheinlich nicht genehmigt werden. Die Vögel sind dämmerungs- und nachtaktiv und für den Bruterfolg auf akustische Kommunikation angewiesen. Der Lärm der S8 würde sie beeinträchtigen.“ Eine gegenteilige Expertise der ASFINAG wurde vor Gericht abgeschmettert. Die Entscheidung über den Bau der S8 wird in wenigen Wochen gefällt.

Landwirt droht Enteignung

Zu den Gegnern der Schnellstraße gehört auch der Landwirt Leopold Haindl. Er liegt mit der ASFINAG seit Jahren im Streit, da die geplante Trasse durch seinen Acker führt. Der Markgrafneusiedler (NÖ) baut Aroniabeerenkulturen an, aus denen etwa Vitaminsäfte gemacht werden.

Von den Bauplänen betroffen wären zwei Drittel seiner landwirtschaftlichen Fläche, die Straße ist für ihn daher existenzbedrohend. „Es kann nicht sein, dass ein lebensfähiger ökologischer landwirtschaftlicher Betrieb zerstört wird“, sagt Haindl. Eine Enteignung kommt für ihn nicht in Frage.

Die ASFINAG will die S8 jedoch retten und plädiert auf eine Erweiterung des Naturschutzgebietes, denn nur so könne das Verfahren aufrecht erhalten bleiben, erklärt ASFINAG-Geschäfsführer Alexander Walcher auf Anfrage. Ein Aus der S8 wäre ein Fiasko, zumal die Planung bis jetzt satte 13 Millionen Euro verschlungen hat. Dafür muss der Steuerzahler aufkommen. Genau wie für die gebaute Zubringerstraße zur S8, die Umfahrung Gänserndorf Süd. Sie kostete dem Land Niederösterreich knapp sechs Millionen Euro.

Straße ins Nichts gebaut

Überdies läuft der Bau der Umfahrung Raasdorf, Kostenpunkt bisher mehr als zwei Millionen Euro. Sie führt von der geplanten Wiener Außenring-Schnellstraße (S1) weg, die mit dem umstrittenen Lobau-Tunnel realisiert werden soll. Auch dieses Projekt steht vor Gericht.

„Wenn die S1 nicht kommt, haben wir eine Straße ins Nichts gebaut“, beklagt der Raasdorfer ÖVP-Bürgermeister Walter Krutis. „Die Umfahrung Gänserndorf Süd ist schon mehr oder weniger umsonst, da die S8 wahrscheinlich nicht kommt.“

Doch der niederösterreichische ÖVP-Verkehrslandesrat Ludwig Schleritzko widerspricht. „Beide Umfahrungen haben bereits jetzt eine Wirkung zur Verkehrsentlastung.“ Und er betont die Notwendigkeit der Schnellstraßen, „wir haben in der Region bereits einen Widmungsstopp für Betriebsgebiete, weil die Straßen überlastet sind. Das zeigt, wie wichtig gerade die S8 ist.“

Auch für Bürgermeister Krutis ist sie ohne Alternative. „Durch die Gemeinden im Marchfeld rollt täglich eine Blechlawine von mehr als 35.000 Fahrzeugen, darunter 6.000 LKW, voll mit Schotter aus den hiesigen Abbaugebieten. Wir verstehen wegen des Verkehrs oft unser eigenes Wort nicht mehr.“ Rund 18.000 Anrainer seien betroffen, auch eine Petition für die Straße wurde gestartet.

Kritik an der S8 kommt jedoch von dem Verkehrsplaner und WOCHE-Kolumnisten Prof. Herbert Knoflacher. „Projekte wie die Marchfeld Schnellstraße stammen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, als es weder eine Klimakrise noch das Wissen um die verheerenden Wirkungen auf Natur, Städte, die Wirtschaft und die Menschen gab.“ Die Alternative sei eine Umorientierung vom Auto zum Öffi-Verkehr und eine zeitgemäße Bahninfrastruktur.

Derzeit läuft etwa der Ausbau der Marchegger Ostbahn (Strecke 117) zwischen Stadlau in Wien und der Staatsgrenze bei Marchegg (NÖ)zur elektrifizierten und teils zweigleisigen Hochleistungsstrecke. Laut den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) verkürzt sich die Fahrzeit vom Wiener Hauptbahnhof bis Bratislava von 66 auf 40 Minuten. Die Hin- und Rückfahrt kostet sechzehn Euro. Bis 2023 soll die Strecke fertig sein. rb
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Dodoheimarie
Herrn Knoflacher sollte man Gehör verschaffen. Der Wirtschaft, Industrie, allen voran dem Bund ins Stammbuch geschrieben: Straßen gibt es zu viele in Österreich. Das sagen auch die Experten der EU.

Und legt ENDLICH den Schwerpunkt auf die Schiene!. Das wird seit den 70er Jahren herum geschoben.

Durchreise NUR mit der Schiene. Die ÖBB ist da auch gefordert, mehr denn je. Und gute Anschlüsse sind gefragt. Wartezeiten sind oft einen halben Tag um weiter fahren zu können.

Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Da muß es wohl möglich sein gute Verbindungen herzustellen.

Weg von der Straße hin zur Schiene sei die Devise.
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