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Ausgabe Nr. 10/2020 vom 03.03.2020
Der Erreger schlummert in Fledermäusen (li.). Das „Pangolin“-Schuppentier (re.) gilt als möglicher Überträger des Virus.
Die Rache des Schuppentiers
Das Corona-Virus zeigt, dass der Handel mit lebenden Wildtieren in China nicht nur eine Gefahr für die Artenvielfalt, sondern auch für uns Menschen darstellt. Nun hat Peking genug und schiebt dem lukrativen Geschäft einen Riegel vor.
Gefährlichen Krankheitserregern gelingt es immer wieder, die Artengrenzen zu überspringen – wie beim CoronaVirus von Tier zu Mensch. Offiziell sind bislang schon mehr als 3.000 Tote und 90.000 Infizierte in 60 Ländern zu beklagen. Und auch in unserem Land ist das Corona-Virus, das eine schwere Lungenkrankheit auslösen kann, bereits angekommen. „Aktuell sehen wir nur die Spitze vom Eisberg und wissen nicht, wie es sich weiterentwickelt“, gib der Virologe Jonas Schmidt zu.

Fieberhaft gehen Forscher deshalb der Frage nach, woher der Erreger stammt und warum er für uns Menschen so ansteckend ist. „Bislang deuten die Befunde darauf hin, dass das Corona-Virus aus der chinesischen Elf-Millionen-Stadt Wuhan seinen Ursprung in Fledermäusen hat“, berichtet Dr. Sandra Altherr von der Tier- und Naturschutzorganisation „Pro Wildlife“. Die fliegenden Blutsauger selbst werden zwar nicht krank, verbreiten das Virus aber munter weiter. Allerdings ist die Frage noch ungeklärt, welches Tier der Zwischenwirt war.

„Es spricht jedoch viel dafür, dass es sich dabei um das ‚Pangolin‘-Schuppentier handelt“, sagt die Expertin. Denn im Insektenfresser könnte sich das Virus so verändert haben, dass es auch auf den Menschen übersprang.

Dass das überhaupt passieren konnte, liegt nach Ansicht der Forscher am ausufernden Handel mit Wildtieren in China.

„Die Bedingungen auf den Tiermärkten sind katastrophal, sowohl was die Hygiene betrifft als auch für den Tierschutz“, so Altherr.

Bilder von kranken, leidenden Wildtieren und von Fledermäusen, die lebendig in Suppen gekocht werden, gingen in den vergangenen Tagen um die Welt. Oft werden auf diesen Märkten mitunter sogar bis zu 40 verschiedene Arten – Vögel, Säugetiere und Reptilien – in rostigen Käfigen übereinandergestapelt. „Die Durchmischung der Luft und der Ausscheidungen ermöglicht dann den Austausch von Viren, sodass sich potenziell neue Stämme entwickeln können“, wissen Virologen.

Insgesamt 54 Tierarten, darunter Nerze, Hamster, Schnappschildkröten oder Siam-Krokodile, dürfen in China legal für den Verzehr verkauft werden. Dutzende andere wandern illegal über die Ladentische – so wie der Pangolin. Obwohl streng geschützt, gehört das Schuppentier zu den am häufigsten gehandelten Tierarten in Asien. Mehr als eine Million Exemplare wurden in den vergangenen zehn Jahren gefangen und lebendig verkauft. Die Schuppen der hauskatzengroßen Säugetiere werden getrocknet, geröstet, in Öl erhitzt und mit Butter, Essig oder dem Urin von Kindern gemischt. Verspeisen sollen es dann Menschen, die an Malaria-Fieber oder allerlei Nervenkrankheiten leiden. Die Nachfrage nach Schmankerln wie gegrillter Bambusratte, frittierter Kobra oder geschmorter Bärentatze ist deshalb so groß, „weil in Teilen Chinas der Glaube verbreitet ist, dass durch deren Verzehr der Körper gestärkt und gekräftigt wird“, erklärt Peter Li, Professor für Ostasienwissenschaften. Zudem hat sich die Aufzucht und der Verkauf von Wildtieren für ärmere, eher ländlich geprägte Regionen zu einer Stütze der Wirtschaft entwickelt. „Etwa 14 Millionen Menschen sind in ganz China auf dieses Geschäft spezialisiert. Insgesamt setzt die Wildtierbranche jährlich mehr als 70 Milliarden Euro um“, sagt Li. Aber damit soll nun Schluss sein. Die Zentralregierung in Peking hat wegen der neuen Lungenkrankheit den Handel sowie den Verzehr von Wildtieren verboten.

Doch bereits am Höhepunkt der „Sars“-Pandemie im Jahr 2003 mit 774 Toten hat das „Reich der Mitte“ ein solches Verbot ausgesprochen. Sechs Monate später wurde es wieder aufgehoben. „Ich glaube, nach dem Corona-Virus werden die Menschen endlich begreifen, dass sich der Glaube an die heilsame Wirkung von Wildfleisch nicht bewährt“, meint eine chinesische Studentin aus Wuhan, die selbst schon seit Jahren kein Fleisch mehr isst. Sie zählt allerdings zu einer kleinen Minderheit in dem riesigen Land. Schließlich gibt es in China bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen gerade einmal 50 Millionen Vegetarier. Hwie
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