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Ausgabe Nr. 10/2020 vom 03.03.2020, Fotos: Red Bull Content Pool, gepa
Die steirischen Eis-Cross-Brüder Dallago kämpfen um die WM-Krone
Marco (re.) und Luca Dallago kämpfen an vorderster Front mit.
Rangelei im Eiskanal
Gepanzert von der Nasenspitze bis zum kleinen Zeh stürzen sich die Kämpfer der Red Bull Eis-Cross-WM mit 75 km/h gegen jeweils drei Gegner tollkühn den Eiskanal hinunter. Der Weltmeister Marco Dallago, 29, aus dem steirischen Weinitzen und sein Bruder Luca, 28, rangeln auch heuer an vorderster Front um den WM-Titel mit.
Schon ab dem ersten Meter nach dem Starthäuschen geht es brutal zur Sache, wird gerangelt, geschubst und gedrängt. Die Ellbogen der vier Rivalen prallen auf ihre Gegner, die Knie stoßen hart gegen die Bande und bei der ersten Kurve stürzen die ersten Fahrer bei bis zu 75 km/h auf dem betonharten Eisbelag.

„Der Sport Eis-Cross-Downhill hat ein wenig Ähnlichkeit mit Schirennen, nur sind dabei stets vier Gegner gleichzeitig auf der bis zu 600 Meter langen Bergab-Strecke“, erklärt Marco Dallago, 29, der seit Jahren neben Bruder Luca, 28, an vorderster Front mitkämpft und sich im Jahr 2014 zum Weltmeister krönte. „Vom Start bis ins Ziel rangeln diese Athleten auf Eishockeyschuhen und einer Eispiste um die kürzeste Linie und den Sieg.“

Die zwölf WM-Rennstrecken auf drei Kontinenten in diesem Jahr sind kleine Kunstwerke, für die ausgebildete Eismacher tagelang einen feinen Wassernebel auf heruntergekühlte Spezialmatten aufbringen, bis eine Eisschicht fünf Mal dicker als jene eines Eishockeyfeldes entsteht. In der kommenden Woche starten die Kufenflitzer in Italien, wenige Tage später wartet dann das große WM-Saisonfinale in Moskau (Russland). Dass auf derart anspruchsvollen Kursen mit Sprüngen und Kurven oft die Knochen knacken und der Körper am Limit ist, gehört für die Sportler längst zum Zauber der seit dem Jahr 2001 ausgetragenen Sportart. „Die Verletzungsgefahr für Knie und Schulter ist beim Aufprall auf die Bande immens hoch, kleine Prellungen hast du immer“, verrät Marco Dallago. Gut in Erinnerung ist ihm noch seine eigene Fahrt, als er vor Jahren zum ersten Mal im Starthäuschen stand. „Vor mir stürzten vier Läufer hintereinander, zwei davon wurden ins Spital abtransportiert, zwei weitere konnten die Strecke nicht mehr normal gehend verlassen“, weiß er noch, wie damals die Angst in ihm emporstieg. „Doch ich war talentierter als die anderen, kam ohne Sturz ins Ziel und habe bis zum heutigen Tag keine einzige schwere Verletzung erlitten.“ Für seinen intakten Körper sorgen nicht zuletzt auch die Spezialprotektoren, die die Eis-Crosser wie gepanzerte Hirschkäfer aussehen lassen. Helm, Schulterpolster, Ellbogenschoner, Hüftschoner, Knie- und Schienbeinschoner sorgen ebenso für Sicherheit wie Protektoren für Rücken, Nacken, Hals sowie Mundschutz und Handschuhe. Weil es noch keine spezielle Ausrüstung für diesen Sport gibt, hat Dallago seinen Schutz aus anderen Tätigkeitsfeldern zusammengesammelt. „Zum Beispiel trage ich einen BMX-Helm, eine Schutzweste und Hose vom Mountainbike-Sport und viele Komponenten vom Eishockey.“

Eigentlich träumten die beiden Dallago-Brüder in jungen Jahren von der großen Eishockey-Karriere und schlugen auch einige Zeit im Dienste der „Graz99ers“ nach dem Puck. „Doch nach ein paar Jahren und dem ersten Hineinschnuppern ins Eis-Cross merkte ich rasch, dass dies meinen Talenten mehr entgegenkommt“, gibt Dallago zu. Heute sind beide in ihrem Metier auch in der Planung tätig und organisierten vor wenigen Wochen das Rennen in Judenburg (Stmk). Dort steht seither auch eine der nur zwei fixen Bahnen in ganz Europa, selbst Otto-Normalverbraucher kann dort im Winter Eis-Cross ausprobieren (Info-Tel.: 0664/73725408). Abseits der Kufenflitzerei schmiedet das Duo schon eifrig an seiner beruflichen Zukunft, Luca Dallago studiert Sport, während sein Bruder Marco mit einem Partner eine Filmfirma eröffnete und zuletzt für eine Versicherung Videos drehte. „Ich bin vorrangig für das Schneiden zuständig, stehe aber auch gerne hinter der Kamera“, verrät der geschäftstüchtige Marco Dallago, der mit Vater Willi auch die Vermarktung der „Sled Dogs“, das sind auf Stiefeln fix aufmontierte Kurzschi, übernommen hat.

Trotzdem steht immer noch der Sport bei den Brüdern im Vordergrund. Um dafür auch im Sommer trainieren zu können, haben sie unweit vom hundert Jahre alten Bauernhof ihrer Eltern im steirischen Weinitzen einen Trainingskurs entworfen. „Dort ist es möglich, im Wald auf einer selbstgebauten Holzkonstruktion mit Rollschuhen eine ähnliche Strecke zu befahren wie sonst im Winter“, berichtet Luca Dallago. „Wir haben im Sommer oft internationale Sportler zu Gast, die mit uns trainieren.“ Daran, dass die beiden von Kollegen aufgrund ihrer Namen für Italiener gehalten werden, haben sie sich gewöhnt. Ihr Nachname stammt tatsächlich von Vorfahren aus Norditalien ab, doch für den Rest ist die Mama verantwortlich. „Die hat nach unserer Geburt nach kurzen Vornamen gesucht, über die sich keiner lustig machen kann. Das waren Marco und Luca“, schmunzeln die beiden Brüder. Wolfgang Kreuziger
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