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Ausgabe Nr. 10/2020 vom 03.03.2020, Foto: All mauritius
Laut Statistik brauchen Frauen gut zwei Mal länger auf der Toilette als Männer.
Wir leben in einer Männer-Welt
Am 8. März ist Welt-Frauentag. Vor dem Gesetz sind die Geschlechter gleich, doch tatsächlich leben wir in einer Welt, die von Männern für Männer gemacht ist. So gibt es eine „Frauen-Lücke“ bei Wissenschafts-Daten. Das kann gefährlich sein.
Welche Frau kennt es nicht. Ob vor der Kino-Vorstellung oder in der Theater-Pause, die Schlangen vor der Damen-
Toilette sind lang. Oft reichen die paar Minuten gerade noch aus, dass auch die letzten in der Wartereihe dran-
kommen.

Denn auch wenn die WC-Fläche für beide Geschlechter gleich groß ist, gibt es bei den Männern weniger Kabinen, weshalb sie pro Quadratmeter von mehr Menschen gleichzeitig benutzt werden können. Und Frauen brauchen laut Statistik gut zwei Mal länger, sei es etwa, weil sie von Kindern begleitet werden oder wegen der Monatshygiene. Ein typisches Beispiel dafür, dass wir in einer Männer-Welt leben.

Die Britin Caroline Criado-Perez zeigt in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ (btb Verlag; ISBN 978-3-442-71887-0) viele solcher Fälle auf. Frauen, immerhin die Hälfte der Weltbevölkerung, werden oft einfach vergessen. Manchmal ist das nur ärgerlich, wie beim Toiletten-Problem oder der Tatsache, dass viele der obersten Supermarktregale offenbar für Männer konzipiert wurden.

Andere können lebensgefährlich sein. Laut britischen Studien ist die Wahrscheinlichkeit von Fehldiagnosen nach Herzinfarkten bei Frauen deutlich höher. „Ein Grund dafür ist, dass Frauen oft nicht das haben, was in Medizinerkreisen als ,Hollywood-Herzinfarkt‘ (Schmerzen in Brust und linkem Arm) bekannt ist“, berichtet Caroline Criado-Perez. „Vor allem bei jungen Frauen treten oft gar keine Brustschmerzen auf, sondern Bauchschmerzen, Kurzatmigkeit, Übelkeit und Müdigkeit.“ Doch diese Symptome werden vielfach als untypisch bezeichnet.

Nicht nur im Alltag, auch in der Wissenschaft existiert eine „Frauen-Lücke“, meist gibt es keine wissenschaftlichen Daten, die das weibliche Geschlecht berücksichtigen. Unsere Welt fußt auf Vorgaben, die weitgehend nur für eine Hälfte der Menschheit gelten. Böse Absichten stecken nicht dahinter, ist die britische Autorin überzeugt. Es sei einfach das Ergebnis eines Denkens, das seit Jahrtausenden vorherrsche. „Männer sind die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, und über Frauen wird gar nicht geredet.“

Dabei versuchen Frauen schon seit Jahrhunderten, sich mehr Gehör zu verschaffen. Den Welt-Frauentag gibt es seit dem Jahr 1911, seit 1921 wird er jeweils am 8. März begangen. Ursprünglich war er vor allem ein Aktionstag für das Frauen-Wahlrecht. Das gibt es in unserem Land seit dem Ende des Ersten Weltkrieges.

Doch obwohl Frauen seit mehr als hundert Jahren ihre Stimme abgeben dürfen, hatten wir noch nie eine Bundespräsidentin. Die erste Bundeskanzlerin verdanken wir der Ibiza-Affäre. Niederösterreich wird als einziges Bundesland von einer Frau regiert. Und im Nationalrat sind Frauen mit knapp vier von zehn Abgeordneten in der Minderzahl, ebenso wie in den Chefetagen.

Selbst im Supermarkt können Frauen draufzahlen. Das gilt etwa für manche Drogeriewaren wie Rasierutensilien oder Körperpflegeprodukte. „Hersteller und Händler verlangen für ,weibliche‘ Produkte oft etwas mehr“, stellte etwa die Verbraucherzentrale Hamburg (D) im vergangenen Jahr fest. Und auch in Putzereien registrierten die deutschen Konsumentenschützer schon Preisunterschiede zwischen einfachen Frauenblusen und Männerhemden.

„Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich“, heißt es in Artikel 7 unserer Verfassung. „Bund, Länder und Gemeinden bekennen sich zur tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau.“ Vor dem Gesetz sind die Geschlechter gleichberechtigt. „Doch die Welt, in der wir leben, ist nicht neutral, sondern für Männer gemacht“, erklärte die Autorin Caroline Criado-Perez vor Kurzem in einem Interview.

Das zeigt sich auch beim fahrbaren Untersatz. Frauen sind zwar seltener in Autounfälle verwickelt, haben aber ein höheres Risiko, dabei schwer verletzt zu werden oder gar zu sterben. Das berichtet die 35jährige Feministin. Sie sitzen oft weiter vorn als Männer, weil sie kleiner sind, und deshalb aufrechter, um das Straßengeschehen überblicken zu können. „Das entspricht jedoch nicht der ,Standard-Sitzposition“, schreibt sie. Weshalb das Risiko für innere Verletzungen bei Frontalzusammenstößen erhöht sei, ebenso wie das Verletzungsrisiko für die Beine.

Jahrzehntelang war der Mann zudem das Maß aller Dinge bei den „Crashtest-Dummys“, den bei Unfalltests verwendeten Puppen. „Der am häufigsten verwendete Dummy ist deshalb 1,77 Meter groß und wiegt 76 Kilo“, erklärt Caroline Criado-Perez in ihrem Bestseller. Mittlerweile gibt es auch „weibliche“ Puppen für Unfalltests. Doch wie sie eingesetzt werden, stößt immer wieder auf Kritik.

Unsere Welt ist männlich geprägt, das gilt auch für vermeintlich Nebensächliches. Heizungen und Klimaanlagen in Büros sind meist stärker auf die männlichen Kollegen ausgerichtet. Dabei ist die Stoffwechselrate von Frauen niedriger, ihre Wohlfühltemperatur liegt um bis zu fünf Grad über der von Männern. Eine deutsche Studie zeigte im vergangenen Jahr allerdings, dass Frauen umso produktiver sind, je wärmer es in einem Zimmer ist.
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