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Ausgabe Nr. 07/2020 vom 11.02.2020, Foto: picturedesk.com
Im Krankenhaus Nord in Wien hängen keine Kreuze. Das Symbol des christlichen Glaubens verliert an Bedeutung.
HERRGOTT muss weichen
Was früher üblich war, wird zunehmend als Provokation gesehen oder als nicht mehr nötig. Das Kreuz als Symbol unseres Glaubens verschwindet aus dem Alltag. Weil es in einem der größten Spitäler unseres Landes auch nicht mehr hängt, gingen die Wogen hoch. Als diskriminierend gegenüber Andersgläubigen wird es jedoch nicht angesehen.
Das Kreuz ist das Symbol unseres katholischen Glaubens. Es fand Einzug in die privaten Räume, der Hergotts-Winkel in der Bauernstubn durfte in keinem ländlichen Gehöft fehlen. In Gerichtssälen, in Klassenzimmern und in Kindergärten fand es Platz. Es wurde still geduldet, wohl auch wenig beachtet. Bis sich Vertreter anderer Religionen daran stießen. Seither muss das Kreuz aus immer mehr Räumen weichen. Es hat aber auch unter den Katholiken an Bedeutung verloren.

Die Diskussion über das Anbringen von Kreuzen flammte jetzt wieder deutlich auf, weil in einem der größten Spitäler unseres Landes, im Krankenhaus Nord in Wien, in den Patientenzimmern darauf verzichtet wurde, um Andersgläubige nicht zu diskriminieren. „Wir wollten damit Rücksicht auf die spirituellen Bedürfnisse der Patienten nehmen. Symbole, wie beispielsweise Kreuze in den Patientenzimmern, die nur eine Glaubensrichtung hervorheben, gibt es deshalb nicht. Dafür haben wir großzügige Andachts- und Gebetsräume und es sind Seelsorger des katholischen, evangelischen, islamischen und jüdischen Glaubens vor Ort“, heißt es vom Betreiber des Spitales, dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV). Laut KAV könne jedoch jede Spitalsführung in den zum Verbund gehörenden neun Krankenanstalten selbst entscheiden, ob Kreuze angebracht werden.

Dass sich vor allem Muslime immer wieder an der Symbolik des Kreuzes stören würden, wird von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) nicht bestätigt. Ümit Vural, Präsident der IGGÖ, legt Wert auf die Feststellung, „dass der Verzicht einer Anbringung von Kreuzen in den Krankenzimmern des Wiener Krankenhauses Nord die alleinige Entscheidung des KAV war und keinesfalls auf Interventionen seitens der IGGÖ zurückzuführen ist. In unserer gemeinsamen Heimat sollte jeder einzelne die Freiheit und eben auch die Religionsfreiheit der anderen akzeptieren. Das ist eine der Grundlagen des Zusammenlebens in einer vielfältigen und toleranten Gesellschaft. Als Muslime stoßen wir uns nicht an religiöser Symbolik und fühlen uns nicht diskriminiert, wenn in öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen Kreuze als christliche Symbole angebracht sind.“

Dennoch sparte nach Bekanntwerden des Verzichtes auf Kreuze im Krankenhaus Nord der Wiener Vizebürgermeister Dominik Nepp von der FPÖ nicht mit Kritik. „Der SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig unterwirft sich dadurch endgültig dem Islam. Das Abnehmen des Kreuzes bedeutet eine kulturelle Selbstaufgabe.“

Wenn es um Toleranz geht, haben jedoch immer mehr Katholiken in unserem Land eine ähnliche Einstellung wie der Präsident des IGGÖ. „Jeder soll seinen Glauben ausleben, wie er möchte“, meint die Studentin Victoria Zwiletitsch, 20, aus Klosterneuburg (NÖ). Diese Haltung mag zweifellos auch damit einhergehen, dass sich eine immer größere Anzahl von Menschen von der katholischen Kirche abwendet. Wiewohl dies vorrangig eine finanzielle Angelegenheit ist. Nur noch knapp fünf Millionen Menschen hierzulande gelten als Katholiken, allerdings deshalb, weil sie ihren Kirchenbeitrag nicht zahlen wollen. Der römisch-katholischen Kirche gehören die meisten im Herzen dennoch an. Wobei freilich die tiefe Verbundenheit mit dem Glauben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen hat. Das zeigen die zunehmend leeren Kirchen an den Sonntagen.

Der Klerus hat Nachholbedarf, an vorderster Stelle Kardinal Christoph Schönborn, der dem Krankenhaus Nord und den Mitarbeitern sogar seinen Segen erteilt hat. Dass keine Kreuze mehr hängen, wird mit Bedauern zur Kenntnis genommen. „Ein Krankenhaus ist – anders als eine öffentliche Schule oder ein Gerichtssaal – keine Behörde oder Amt, sondern ein Dienstleistungsbetrieb. Da-
her gibt es auch keine Vorschriften in Bezug auf die Anbringung von Kreuzen“, heißt es von Seiten der Erzdiözese Wien. „Jedes einzelne Spital ist also prinzipiell frei zu entscheiden. Diese Freiheit müssen wir als Kirche achten. Ein Verbot von Kreuzen gibt es jedenfalls nicht, dagegen würden wir auch entschieden auftreten.“

Andererseits wird das Anbringen des christlichen Symboles durchaus begrüßt. „Für uns steht dabei aber nicht das Kreuz als kulturelle Marke im Vordergrund, sondern als Trost und Stärkung für die Patienten beziehungsweise als Referenz dafür, dass die Würde jedes Menschen absolut ist und nicht von seiner Gesundheit und Leistungsfähigkeit abhängt. Das Kreuz ist das Zeichen dafür, dass Christus sein Leben hingegeben hat für alle Menschen. Er ist damit zum Inbegriff dafür geworden, dass Leid und Krankheit einen Sinn haben können und dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das kann für Patienten in ihrer herausfordernden Situation Halt und Stütze bedeuten. In unseren kirchlichen Spitälern hängen in jedem Krankenzimmer Kreuze. Wir behandeln dort Menschen aller Religionen. Eine Diskriminierung aufgrund des Kreuzes hat noch niemand geltend gemacht.“

Aus den Standesämtern und den Landesgerichten wurden die Kreuze aber weitgehend verbannt. In Innsbruck (T) steht es noch am Richtertisch. Wie es in den Klassenzimmern um Kreuze steht, ist im § 2b Abs 1 des Religionsunterrichtsgesetzes geregelt. „Gehören an einer Schule mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler einem christlichen Bekenntnis an, sind in allen Klassen vom Schulerhalter Kreuze anzubringen.“
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