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Ausgabe Nr. 07/2020 vom 11.02.2020, Foto: AdobeStock
Unser Pflege-System ist dem Kollaps nahe.
Krank gepflegt
Uns fehlen Pflegekräfte. Das staatliche System hat bislang versagt. Obwohl es einer deutschen Studie zufolge am wirkungsvollsten ist. Doch hierzulande wurde diese Berufssparte bislang selbst krank gepflegt. Die Mitarbeiter stoßen körperlich an ihre Grenzen. Eine neue Schule soll jetzt helfen.
Eine Schicht dauert oft zwölf Stunden lang. Dann muss Martin Pichler Patienten aus den Betten heben und sie säubern. Eine mühsame wie gewöhnungsbedürftige Tätigkeit. „Ich mache meine Arbeit gern“, sagt der 23jährige Krankenpfleger, „aber sie geht an die Substanz. Ältere Kollegen sind immer wieder überfordert.“ Pichler arbeitet in einem oberösterreichischen Spital, in dem Pflegekräfte fehlen. Ein Übel, das sich in den nächsten Jahren verschlimmern wird. Denn die Zahl der Hilfsbedürftigen steigt, jene der Pfleger hinkt hinterher.

Ab 2030 werden wir zusätzlich 34.200 Pflegerinnen und Pfleger benötigen, geht aus einer Studie der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Auftrag des Sozialministeriums hervor. Wird die zu erwartende Pensionierungswelle mit einbezogen, fehlen bis 2030 in Summe sogar 75.700 Menschen in Pflegeberufen. Demnach wird die Anzahl der Senioren, die älter als 85 Jahre sind, um knapp 45 Prozent auf 327.000 Personen ansteigen. Gleichzeitig sinkt der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung. „Das heißt, der wachsenden Anzahl an pflegebedürftigen Menschen stehen immer weniger Jugendliche in Ausbildung, und damit potenzielle Arbeitskräfte, gegenüber“, meinen die Studienautoren.

Jene, die heute schon in Pflegeberufen tätig sind, stoßen längst an ihre Leistungsgrenzen und brachten dies in der Vorwoche zum Ausdruck. In Innsbruck (Tirol), Graz (Steiermark) und in Wien gingen jeweils Hunderte von Beschäftigten auf die Straße und forderten eine Verkürzung der Arbeitszeit von 38 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Die Gewerkschaft steht hinter der Forderung, die Arbeitgeber sehen dagegen keinen Spielraum für die Verkürzung. Sie müssten noch mehr Personal aufnehmen, aber es ist keines zu bekommen. Zu schwer sei die Arbeit, beklagen Pfleger, zu gering das Einkommen. Martin Pichler etwa erhält für 38 Stunden pro Woche samt Zulagen für Nacht- und Wochenenddienste 2.200 Euro brutto im Monat. Das Grundgehalt für Pflegeassistenzkräfte liegt hierzulande bei 1.670 Euro brutto, diplomierte Pflegefachkräfte bekommen als Einstiegsgehalt 2.560 Euro brutto.

Fehlen heimische Arbeitskräfte, werden sie durch ausländische zum Teil ersetzt. Vor allem in der privaten Pflege. Doch hier gibt es immer wieder Missstände, die aus Polen, Tschechien oder Rumänien stammenden Frauen beklagen immer wieder, wie Sklavinnen gehalten zu werden. Doch auch die Frauen selbst geben Anstoß zur Unzufriedenheit, weiß Inge Fiedler, die in Wien lebt und in Tirol pflegebedürftige Eltern hat. Sie schildert ihre ersten Erfahrungen mit zwei Rumäninnen. „Laut Aussage der Pflegerinnen müssten sie in Rumänien neun Monate arbeiten, um die Geldsumme zu verdienen, die sie bei uns für vier Wochen bekommen. Noch dazu wird ihnen die Fahrt bezahlt, sie haben Anspruch auf freie Unterkunft und Verpflegung. Im Fall meiner Eltern durften die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes ein Leben wie im Schlaraffenland führen. Wenn meine 96jährige Mutter in der Nacht Hilfe benötigte, musste stets mein Vater, 94, aufstehen, denn die Pflegerinnen hatten keine Lust auf nächtliche Ruhestörung. Auch während ihres Nachmittagsschläfchens von etwa 13 bis 16 Uhr durften sie nicht gestört werden. Mein Vater versorgte in dieser Zeit meine Mutter, denn die Androhungen der Pflegerinnen, dass, wenn sie nicht ausreichend Freizeit hätten, sie nicht mehr kommen würden, machten ihm Angst.“ Es folgte ein Wechsel der Pflegerinnen sowie der vermittelnden Agentur. Seit Kurzem werden die betagten Eltern von Frauen aus Kroatien betreut. „Es sind keine Krankenschwestern, die würden mehr kosten“, sagt Fiedler, die pro Monat rund 3.200 Euro an Aufwendungen für Pflege, Fahrtspesen und Unterkunft hat. Abzüglich des Pflegegeldes für Pflegestufe sieben, 1.719 Euro, sowie 550 Euro vom Sozialministerium, muss der Rest durch die Pension abgedeckt werden.

Im Burgenland versucht Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, statt der ausländischen Hilfskräfte Angehörige für die Pflege zu begeistern. Seit November des Vorjahres können sie sich beim Land anstellen lassen und bekommen dafür 1.700 Euro netto. Bislang haben 88 Menschen dieses Angebot angenommen. Ein Modell, das einer Studie der
Friedrich Ebert Stiftung in Deutschland zufolge nicht zielführend ist. Beispiele aus Skandinavien zeigen dies. Wer Angehörige pflegt, hat weniger Nachwuchs, was wiederum für die Gesamtwirtschaft schlecht ist. Vom öffentlichen Sektor geförderte Pflege sei sinnvoller, heißt es.

Hierzulande wird es ab dem Jahr 2024 ein dreijähriges Bachelor-Studium für Gesundheits- und Krankenpflege geben. Schon für Herbst dieses Jahres plant die Caritas in Graz eine fünfjährige Pflegeausbildung mit Matura an der Schule für Sozialbetreuungsberufe (SOB). „Wir haben bereits zwanzig Voranmeldungen“, meint die Schulleiterin Birgit Poier.
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