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Ausgabe Nr. 06/2020 vom 04.02.2020, Foto: picturedesk.com
Eva Pinkelnig, 31, Marita Kramer, 18,
Chiara Hölzl, 22, Daniela Iraschko-Stolz, 36, Jacqueline Seifriedsberger, 29, Lisa Eder, 18
Die neuen „Super-Adler“ sind weiblich
Die früheren „Überflieger“ rund um Gregor Schlierenzauer haben ihre Lufthoheit verloren. Doch seit heuer beherbergt unser „Adlerhorst“ fünf Damen in der unmittelbaren Welt-spitze, die für Seriensiege sorgen. Darunter Chiara Hölzl, 22, und Eva Pinkelnig, 31, die sogar ein Schädel-Hirn-Trauma besiegte, sowie das in den Niederlanden geborene, achtzehnjährige „Flugküken“ Marita Kramer.
Sieben rot-weiß-rote Seriensiege unserer „Adler-Damen“ markierten zuletzt einen mehr als deutlichen Erfolgs-Kondensstreifen in der Luft. Einen ähnlichen Triumphzug hatte es das letzte Mal vor elf Jahren gegeben, als Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern zehn aufeinanderfolgende Weltcupbewerbe gewinnen konnten. Die Damen freilich deklassierten die Konkurrenz beim Mannschaftsbewerb in Japan um unfassbare 140,4 Punkte, ein Vorsprung, den es zuvor noch nie gab. Dementsprechend optimistisch gehen sie in die Heimbewerbe in Hinzenbach (OÖ) an diesem Wochenende.

„Ich kann kaum glauben, was da gerade passiert“, freut sich Eva Pinkelnig, 31, die drei Einzelsiege zum Erfolgslauf beisteuerte. „Nach derzeitigem Stand haben wir das beste und ausgewogenste Schisprungteam aller Nationen am Start“, glaubt die Vorarlbergerin und verweist darauf, dass neben ihr zuletzt mit der 18jährigen Marita Kramer und der 22jährigen Chiara Hölzl zwei blutjunge Springerinnen das oberste Podest erklommen. Hingegen ist die einstige „Grand Dame“ und Weltmeisterin Daniela Iraschko-Stolz, 36, mit einem dritten Platz in dieser Saison nur noch die Nummer vier im Team. Jacqueline Seifriedsberger, 29, erreichte Rang sieben als bestes Ergebnis.

Noch spannender als die Erfolge selbst sind jedoch die ungewöhnlichen Werdegänge dieser „Überflieger-Truppe“. Marita, Spitzname „Sara“, Kramer, die sensationell in Sapporo (Japan) gewann, fällt nicht nur wegen ihrer Jugend auf, sondern auch, weil die junge Dame niederländische Eltern hat, die erst vor zehn Jahren in unser Land kamen. „Wir verkauften im Jahr 2008 alles, was wir in den Niederlanden hatten, und zogen wegen der Berge mit unseren vier Kindern nach Maria Alm in Salzburg“, erzählt Vater Ronald, der heute dort das Hotel Sonnenlicht führt. Kramers Mutter Anneke verstarb leider vor wenigen Jahren an Brustkrebs. „Wir Eltern waren nicht besonders sportlich, aber unsere Töchter haben sich ganz dem Wintersport verschrieben“, erzählt der Vater. Nicht nur Marita Kramer ist im Schisprungsport
inzwischen in der Weltspitze angekommen, auch ihre Schwester Femke, 16, ist als Biathletin unter den größten Talenten des Schiverbandes ÖSV. „Beide trainieren oft zusammen und besitzen auch die niederländische Staatsbürgerschaft“, verrät Ronald Kramer. „Aber sie sind hier aufgewachsen und werden immer für Österreich starten, das ist eine Frage des Respektes vor der Heimat.“

Äußerst bemerkenswert ist die Karriere von Eva Pinkel-
nig. Ohne zuvor jemals über eine Schanze gefahren zu sein, entschloss sich die Dornbirnerin im fortgeschrittenen
Alter von 24 Jahren von einem Tag auf den anderen, ihre
Vollzeitarbeit als Erzieherin hinzuschmeißen, um fortan „in die Luft“ zu gehen. „Ich hatte schon als Kind den Traum, 100 Meter weit zu fliegen“, schmunzelt sie. Ein-
einhalb Jahre später knackte Pinkelnig die 100-Meter-
Schallmauer, zwei Jahre später stand sie im Nationalteam, zuletzt feierte sie drei Siege, zwei davon in Zao (Japan), einen in Sapporo. Auf dem Weg ganz nach oben waren ihr allerdings auch zwei böse Stürze in die Quere gekommen, Pinkelnig erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma mit dramatischen Folgen. „Meine Augen schalteten danach bei jedem höheren Fahrtempo ab, ich sah nichts mehr. Überdies hatte ich alzheimerartige Gedächtnisausfälle.“ Ärzte und Trainer erklärten aufgrund der neurologischen Probleme das Ende ihrer Karriere, doch die Vorarlbergerin kämpfte sich wieder zurück und ist heute beinahe beschwerdefrei. „Die Stürze und ihre Folgen waren ein Weckruf von Gott an mich“, sagt die tiefgläubige Katholikin. „Zum Glück hielt er seine schützende Hand über mich.“

Pinkelnigs Zimmerkollegin Chiara Hölzl, 22, steuerte zuletzt als weitere Siegspringerin sogar vier Einzeltriumphe zum Mannschaftserfolg bei. „Seit Saisonbeginn spüre ich, dass ich gut drauf bin. Dass es jetzt so perfekt läuft, ist ein Traum“, jubelt die Salzburgerin aus St. Veit im Pongau. Im kommenden Jahr warten auf Hölzl und ihre Kolleginnen die Weltmeisterschaft in Oberstdorf (D), ein Jahr später die Olympischen Winterspiele in Peking (China) und zwei Jahre später die erste Vierschanzentournee für Frauen.

Große Ziele für die weiblichen „Super-Adler“, die auf Harmonie statt Streit setzen. Denn das vom Nachwuchstalent Lisa Eder, 18, komplettierte sechsköpfige Damenteam ist eingeschworen wie eine kleine Familie und nützt die Vorteile des unterschiedlichen Alters. „Mit Daniela liegt bei uns die älteste Athletin mit der jüngsten Marita gemeinsam im Zimmer und auch ich habe mit Chiara eine viel jüngere Mitbewohnerin“, sagt Pinkelnig. „Wir haben uns auch ausgemacht, im Zimmer niemals zu jammern, sondern stets nur positiv zu sprechen.“ Wolfgang Kreuziger
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